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14.07.2016, 13:29 Uhr | 0 |

Augmented-Reality-Spiel Pokémon Go hält Spieler, Börse und Sittenwächter auf Trab

Seit wenigen Tagen ist das erste Smartphone-Game unter Nintendos Beteiligung auf dem Markt. Pokémon Go schlägt ein wie eine Bombe: bei den Spielern, aber auch bei der Börse. Horden von Menschen jeden Alters jagen plötzlich Pixelmonstern hinterher, die per Smartphone-Kamera in die reale Umgebung projiziert werden.

Pokémon-Go-Spieler unterwegs
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Pokémon-Go-Spieler unterwegs: Das neue Spiel fürs Smartphone treibt Menschen jeden Alters aus dem Haus, um nach Pixelmonstern zu suchen. 

Foto: Piroschka Van De Wouw/dpa

Erwachsene Menschen, die auf ihr Smartphone starren, kryptische Dialoge über einzufangende Monster, Kampfarenen und Elemente, zudem jede Menge japanisch klingende Namen: Irgendwie hat man den Eindruck, in einer Zeitschleife gelandet zu sein. Seit dem 6. Juli spielen halb Asien und USA Pokémon, seit dem 13. Juli auch Europa. Doch was in den 1990er- Jahren eine ganze Generation ans Sofa getackert hat, den Gameboy von Nintendo fest in der Hand, treibt derzeit ganze Horden von Spielern jeden Alters auf die Straße: Das japanische Sammel-, Jagd- und Kampfspiel ist mobil geworden.

So beliebt wie Twitter, Facebook und Instagram

Das spiegelt sich auch im Namen wider: Pokémon Go heißt der neueste Trend, dem seit wenigen Tagen gefühlt jeder zweite Smartphone-Nutzer verfallen ist. Bereits vor dem Release in Deutschland war das Spiel so beliebt wie Facebook, Instagram  oder Twitter, heißt es. Entwickelt wurde es von der Firma Niantic, die noch bis vor ein paar Monaten zum Google-Mutterkonzern Alphabet gehörte, in Kooperation mit The Pokémon Company, die die Rechte an den Pixelmonstern besitzt. Trotzdem hat Google weiterhin die Finger im Spiel und profitiert erheblich vom finanziellen Erfolg der App, ebenso wie der ursprüngliche Pokémon-Erfinderkonzern Nintendo.

 Ein Spieler spielt am 13.07.2016 in Hannover (Niedersachsen) die App Pokémon Go, während im Hintergrund andere Nutzer sitzen. Die App ist seit dem 13. Juli in Deutschland erhältlich.
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Nein, auf dieser Parkwiese in Hannover wird nicht nach alter Sitte gepicknickt. Hier trafen am 13. Juli Pokémon-Go-Spieler aufeinander. Seit diesem Tag ist die App nämlich auch in Deutschland erhältlich. Nutzer können Pokémon sammeln und gegeneinander kämpfen.

Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Wie viel das Spiel wem einbringt, ist nicht genau bekannt: Experten schätzen den Anteil für Nintendo auf gerade mal 10 %, während die App-Verkäufer rund 30 % des Erlöses abgreifen. Der kommt übrigens über die sogenannten Ingame-Käufe zusammen – das Spiel an sich ist kostenlos, aber wer seine Monster schnell stärken möchte, muss in die reale Geldbörse greifen, um virtuelle Währung zu erwerben.

Börse freut sich ungemein über Pokémon-Go-Hype 

Obwohl Nintendo zunächst nicht der Hauptgewinner ist, spielt die Börse auch kräftig mit: Innerhalb kürzester Zeit stieg die Nintendo-Aktie an der Börse von Tokio um 60 %. Nintendos Bewertung sei damit innerhalb weniger Tage um rund zwölf Milliarden Dollar gestiegen, rechnet zum Beispiel das Online-Portal n-tv vor.

Mit diesem unglaublichen Anstieg honorieren die Aktienkäufer Nintendos Abkehr vom bisherigen Prinzip, seine Spiele nur für die entsprechende Hardware – natürlich ebenfalls aus dem Hause Nintendo – anzubieten. Konnte man Nintendo-Games bisher nur auf Wii und diversen Nintendo-DS-Generationen daddeln, ist Pokémon Go das erste Spiel, für das nicht extra eine Konsole gekauft werden muss, sondern das auf dem Smartphone läuft. 

Pokémon Go vereint bewährtes Spielprinzip mit neuester Technik

Immer noch müssen die Spieler die kleinen Monster mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften von freundlich bis ziemlich garstig finden und einfangen, immer noch müssen die Pixelbiester mit Gegenständen und Ausrüstung aus der Spielewelt entwickelt – also stärker gemacht – werden, immer noch können die Spieler ihre virtuelle Armee in Kämpfe mit anderen Spielern schicken.

epa05421052 A close-up of a woman playing the new game Pokemon Go on her smartphone in Leerdam, The Netherlands, 11 July 2016. The new game was released 08 July and has players playing in a virtual world that corresponds to their actual GPS location. EPA/PIROSCHKA VAN DE WOUW +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Eine Frau spielt in Leerdam Pokémon Go: Auch in den Niederlanden sind die Menschen mit dem Monstervirus infiziert.

Foto: Piroschka Van De Wouw/dpa

Anders als damals spielt sich das Ganze jedoch nicht in einer Fantasie-Spielewelt ab, sondern in der Realität. Also zumindest der Realität, die der gemeine Smartphone-Nutzer durch die Kamera seines Telefons und von seiner Navigationssoftware her kennt. „Augmented Reality“ ist das Stichwort, „angereicherte Wirklichkeit“.

Effektive Fitness-App

Das führt dazu, dass man im Park um die Ecke ein wildes Pokémon findet, das sich mit einem Ingame-Pokéball per Wisch über den Bildschirm abwerfen und einfangen lässt. Das führt auch dazu, dass wichtige Utensilien wie ebendiese Bälle an zentralen Sammelpunkten – sogenannten Pokéstops – wie Denkmälern, Skulpturen oder Kirchen herumliegen, wo man sie einsammeln kann, wenn sie knapp werden.

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Von wegen auf dem Sofa sitzen: Nintendo hat seine Pokémon-Figuren nun auch als Smartphone-Version auf den Markt gebracht. Mit einem Wahnsinnserfolg. Sichtbar wird dieser auch, weil sich die Spieler dafür aus dem Haus bewegen müssen. 

Foto: Nestor Bachmann/dpa

Diese Stellen haben eins gemeinsam: Sie liegen in aller Regel außerhalb der eigenen vier Wände – und das wiederum führt dazu, dass plötzlich reihenweise Couch-Potatos den Weg nach draußen antreten, um ihre Viecher zu fangen. Das macht Pokémon Go für viele Nutzer zur derzeit effektivsten Fitness-App, wenn man Twitter & Co. glaubt. Und damit ist es ja noch nicht getan: Um die ebenfalls erhältlichen Eier der Biester auszubrüten, um neue Monster mit noch spannenderen Fähigkeiten aufziehen zu können, muss man tatsächlich einen Spaziergang machen! Satte fünf Kilometer muss man für ein Ei laufen, getrackt vom Smartphone-GPS, ohne das natürlich gar nichts geht bei Pokémon Go.

Datenschützer warnen vor Bewegungsprofilen 

Hier melden auch schon die Datenschützer leisen Protest an: Schließlich könnten Google, Nintendo, Apple und weitere übliche Verdächtige buchstäblich spielend Bewegungsprofile anlegen. Zudem greift die App zumindest in der iOS-Version auf das komplette Google-Konto mitsamt Nachrichten, Kontakten und ähnlichem zu, was allerdings eiligst als Fehler deklariert wurde, der beim nächsten Update behoben wird.

Auf die Datenschützer hört, genau, natürlich niemand. Warum auch – die meisten Nutzer sind eh schon gläsern und perfekte Werbeadressaten. Apropos, noch gibt es keine Werbung bei Pokémon Go, aber das kann sich bald ändern: Im Gespräch sind gesponserte Fundstellen für Pokémon oder Pokéstops, die ganz zufällig vor der Tür eines Geschäfts, Cafés oder ähnlichen liegen. Und wenn man schon einmal da ist...

Spieler treffen sich an Pokéstops

Doch bis es soweit ist, treffen sich derzeit ganze Trauben von Spielern in Parks, Kirchplätzen und an anderen öffentlichen Orten, um gemeinsam ihrem neuen Hobby zu frönen. Wer da an sozial unkompatible Nerds und die sogenannten Smombies denkt, die nur auf ihr Telefon starren, liegt zumindest teilweise falsch: Jede Menge Menschen sind bereits in den ersten paar Tagen über das Spiel miteinander ins Gespräch gekommen – per Ingame-Community, aber auch live und in Farbe. Ein gemeinsames Gesprächsthema liegt schließlich buchstäblich auf der Hand.

epa05421306 Two high school students play with the new game 'Pokemon Go' on their smartphones on Flinders Street in Melbourne, Victoria, Australia, 12 July 2016. Pokemon Go, a Global Positioning System (GPS) based augmented reality mobile game, is proving to be 'enormously' popular since software development company Niantic opened access to it on 06 July in the US. EPA/JULIAN SMITH AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Das Smartphone-Game verbreitet sich rasend schnell rund um den Globus: Zwei Studenten spielen in Australien Pokémon Go auf der Flinders Street in Melbourne.

Foto: Julian Smith/dpa

Natürlich gibt es auch Schattenseiten: Mindestens eine US-Stadt sah sich bereits zu dem Hinweis gezwungen, die Pixelviecher doch wenigstens beim Autofahren in Frieden zu lassen. Wieder andere stört, dass die knallbunten Monster – oder vielmehr deren Jäger – die Würde mancher Gedenkstätte verletzen: Selbst an Konzentrationslager-Gedenkstätten sind die kleinen Sammeltierchen bereits gesichtet worden – natürlich nur auf den Displays der Spielersmartphones, aber viele Menschen sehen hierin mangelnden Respekt. Erste Petitionen, die Pokémons von Friedhöfen verbannen wollen, gibt es ebenfalls bereits.

Noch kann niemand sagen, wie lange der Hype anhält; dafür ist das Spiel noch zu neu. Die nächsten Tage sollten jedoch vor allem Autofahrer verstärkt auf Passanten achten, die mit mehr Jagdeifer als Umsicht ihrem Smartphone hinterherlaufen...

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Von Judith Bexten
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