03.06.2013, 12:30 Uhr | 0 |

Mehr nachwachsende Rohstoffe Die deutsche Chemieindustrie will nachhaltiger werden

Die deutsche Chemieindustrie will durch Nachhaltigkeit wettbewerbsfähig bleiben. Dazu hat sie heute in Frankfurt am Main zwölf Leitlinien vorgestellt. Konkrete Indikatoren aber, wie sie eine nachhaltige Entwicklung in ihrer Branche messen will, fehlen.

Tanklager der BASF in Ludwigshafen
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Die Chemieindustrie will künftig mehr nachwachsende Rohstoffe einsetzen. Derzeit liegt ihr Anteil bei 14 Prozent. Im Bild ein Tanklager der BASF in Ludwigshafen.

Foto: BASF

"Wir haben etwas geschaffen, das es bisher so in keiner anderen Branche gibt", sagt Margret Suckale, stellvertretende Vorsitzende des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC). Erstmals entwickelte eine Allianz aus Arbeitgebern, Gewerkschaft und dem Wirtschaftsverband einer Branche gemeinsam Leitlinien zur Nachhaltigkeit. Es ist die Nachhaltigkeitsinitiative Chemie³.

Die Chemiebranche verspricht mit den Leitlinien etwa, den Mehrwert für Wirtschaft und Gesellschaft bei der Entwicklung neuer Produkte und Verfahren zu berücksichtigen. In den Leitlinien steht auch, Betriebe sollen Prozesse und Produkte kontinuierlich verbessern und dabei den gesamten Lebenszyklus der Produkte im Blick behalten.

Als Beispiel nennt Karl-Ludwig Kley, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), das Green-hoch-3-Programm der Chemie- und Pharmafirma Merck KGaA, deren Geschäftsleitung er vorsitzt. "Mit diesem Programm stellen wir für unsere Flüssigkristalle den Einsatz umweltfreundlicher Materialien und eine ressourcenschonende Produktion sicher." Displayhersteller, die diese Kristalle kaufen, können damit energiesparende Bildschirme für Fernseher und Tablet-PCs auf den Markt bringen.

VCI: 2030 setzt Chemie mehr als 20 % nachwachsende Rohstoffe ein

Chemische Anlagen sollen zudem energie- und ressourceneffizienter werden. Auch der Einsatz nachwachsender Rohstoffe soll schrittweise ausgebaut werden. Der VCI schätzt etwa, dass nachwachsende Rohstoffe 2030 in der deutschen Chemie bereits mehr als 20 % ausmachen – zurzeit sind es etwa 14 %.

Ein Teil der Nachhaltigkeitsinitiative Chemie³ ist, dass Unternehmen und Betriebsräte auch künftig wie bereits heute in den Tarifverträgen berücksichtigen, dass Mitarbeiter älter werden. So fördern sie etwa lebenslanges Lernen. Die Chemiebranche will vor dem Hintergrund des demografischen Wandels auch verstärkt Fachkräfte ausbilden – und das nicht nur in Deutschland, so Suckale. Ein Beispiel: Die BASF gibt an ihrem Standort in Tarragona 20 jungen Spaniern die Chance, eine duale Berufsausbildung nach dem deutschen Modell noch in diesem Jahr zu beginnen. "Ziel ist, die Jugendlichen, die ihre Ausbildung erfolgreich absolvieren, anschließend am Standort Ludwigshafen zu übernehmen."

"Mit den Leitlinien verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz, der alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit umfasst", sagt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE). Es sei auch ein Gesprächsangebot an die Politik. "Wir wollen einen Dialog über neue Ansätze einer nachhaltigen Industriepolitik führen", betont Vassiliadis. Er meint, in der Politik werde die Debatte um Nachhaltigkeit zu eindimensional geführt und oft nur mit Ökologie gleichgesetzt.

"Wir gehen mit der Nachhaltigkeitsinitiative ein Stück weit in Vorleistung", ergänzt Vassiliadis. "Wir haben uns Maßstäbe gesetzt, an denen wir uns auch messen lassen müssen." Konkrete Indikatoren für eine nachhaltige Entwicklung aber fehlen.

BUND fordert Niedrigdosierungen bei hormonell wirkenden Stoffen

"Davon sind wir enttäuscht", sagt Rolf Buschmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Der Umweltverband hatte etwa gehofft, dass die Chemiebranche anerkennt, dass bei hormonell wirksamen Stoffen Niedrigdosiseffekte zu berücksichtigen sind. "Schön wäre auch zu hören, so und so schnell wolle die deutsche Chemie aus der Herstellung besonders besorgniserregender Stoffe aussteigen." Buschmann verweist auf die EU-Chemikalienverordnung Reach, nach der die EU solche Schadstoffe schrittweise auf die Kandidatenliste setzt. "Fortschrittliche Firmen, die als Erste Alternativen anbieten, haben auf dem Markt Vorteile."

Doch es werde Indikatoren mit Zielvorgaben geben, erklärt Kley. In den nächsten Monaten und Jahren wird die Allianz diese mit Mitgliedsfirmen des VCI entwickeln. Welche sich die Chemiebranche setzen will, ist noch offen. Mögliche Indikatoren präsentierte die Allianz in ihrem ersten Branchen-Nachhaltigkeitsbericht, so etwa die CO2-Emissionen und auch die CO2-Emissionen pro Produkteinheit. Ein Blick zurück zeigt, Chemiefirmen produzieren effizienter als früher: So sind die CO2-Emissionen von 2000 bis 2011 von 44,1 Mio. t auf 44,5 Mio. t pro Jahr gestiegen, gleichzeitig sanken die CO2-Emissionen pro Produkteinheit aber um fast 17 %.

Auch wenn noch unklar bleibt, welche konkreten Ziele sich die Allianz künftig geben wird, VCI-Präsident Kley hält den Dreiklang aus Ökonomie, Ökologie und Soziales für den Schlüssel zur Sicherung der Zukunft der Chemie. Eine florierende Chemieindustrie sei zudem unverzichtbar für die gesamte deutsche Wirtschaft. Ohne moderne Chemie gebe es weder Solarpanels noch Elektroautos oder energiesparende Fernseher.

Chemie zahlt gut: Den letzten Streik gab es 1971

Ganz wichtig sei auch die Sozialpartnerschaft. "Wir verstehen uns als Heimat für Hunderttausende Beschäftigte und deren Familien", so Kley. Die deutsche Chemieindustrie beschäftigt rund 433 000 Menschen, die für ihre Arbeit meist besser bezahlt würden als für eine vergleichbare Arbeit in anderen Branchen. Den Erfolg dieser Partnerschaft hält Suckale für offensichtlich: "Den letzten Streik gab es in der Chemie im Jahr 1971." Zudem haben deutsche Chemiefirmen die Wirtschaftskrise 2008/2009 relativ gut überstanden.

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Von Ralph H. Ahrens | Präsentiert von VDI Logo
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