12.06.2013, 13:54 Uhr | 0 |

Bis 2035 steigt Energieverbrauch Deutsches Wirtschaftswachstum neutralisiert Effizienzgewinne

Die Energieeffizienz trägt die Hoffnungen all jener, die glauben, das Wirtschaftswachstum ließe sich vom Ressourcenverbrauch entkoppeln. Wissenschaftler der Universität Stuttgart kommen nun zu dem Ergebnis: Es bleibt noch viel zu tun.

Blockheizkraftwerk am Flughafen Berlin-Brandenburg
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Die Industrie in Deutschland hat noch enorme Einsparpotentiale beim Energieverbrauch, ohne dass wirtschaftliche Einbußen drohen. Das zeigt eine neue Studie der Universität Stuttgart.

Foto: dpa/Patrick Pleul

Was macht ein neu gegründetes Hochschulinstitut als Erstes? Es führt eine Studie durch. Doch was, wenn es zu deren Thema schon 176 Studien gibt – und zwar allein aus den letzten acht Jahren? So geschehen an der Universität Stuttgart beim Institut für Energieeffizienz in der Produktion.

Das Team um Leiter Thomas Bauernhansl ging das Thema Energieeffizienz systematisch an. Die Wissenschaftler analysierten die vorherigen Studien allesamt und dazu noch rund 80 weitere Veröffentlichungen. Das Ergebnis: eine Metastudie, eine Studie über Studien, die die gesammelten Erkenntnisse bündelt.

Drei Resultate vorneweg, sie bilden den makroökonomischen Rahmen:

Erstens wird die Welt durch den wirtschaftlichen Aufstieg Südostasiens bis mindestens zum Jahr 2035 mehr und mehr Energie nachfragen.

Zweitens konnte in Deutschland zwar in den vergangenen 20 Jahren die Energieeffizienz gesteigert werden. Das deutsche Wirtschaftswachstum hat die Einsparungen allerdings gleich wieder geschluckt. Heute liegt der Primärenergieverbrauch nur 6 % unter dem Niveau von 1990, immerhin wird 20 % weniger CO2 ausgestoßen.

Drittens zählt Deutschland im internationalen Vergleich zu den effizientesten Ländern. Für jeden US-Dollar Bruttoinlandsprodukt wurden im Jahr 2010 4,7 MJ (Megajoule) aufgewendet. Mit 4,5 MJ/$ war nur Japan besser im weltweiten Schnitt lag der Wert sogar bei 10,5 MJ/$.

Klimaziele der Bundesregierung in Gefahr

Für Bauernhansl ist das kein Grund, allzu optimistisch zu werden. Er sieht die Ziele aus dem Energiekonzept der Bundesregierung in Gefahr. Die hatte im Koalitionsvertrag festgelegt, den Primärenergieverbrauch in Deutschland gegenüber 2008 senken zu wollen: um 20 % bis 2020 und um 50 % bis 2050. Zudem soll die Energieproduktivität – der Gewinn pro eingesetzter Energieeinheit – bis 2020 gegenüber 1990 verdoppelt werden. Anschließend soll sie bis 2050 jährlich um 2,1 % steigen.

Die Liste ließe sich fortsetzen: Auch für den Stromverbrauch, den Endenergieverbrauch – das heißt Strom und Wärme – im Verkehrssektor und den Wärmebedarf von Gebäuden legte die Bundesregierung nicht minder ambitionierte Ziele fest.

Wenn es daran geht, Effizienzpotenziale zu heben, kommt der Industrie eine Schlüsselrolle zu. Laut der Studie entfielen 2011 rund 30 % des Endenergieverbrauchs auf diesen Sektor: insgesamt 2624 PJ. Ein Petajoule ist die Energiemenge, die 83 1000-MW-Kraftwerke in einem Jahr abgeben.

Große Einsparpotentiale ohne wirtschaftliche Einbußen

Die Einsparpotenziale sind laut Studie enorm; die meisten ließen sich sogar ohne wirtschaftliche Verluste heben. Beispiel Strom: Rein technisch können allein die energieintensiven Industrien – etwa Chemie und Baustoffe – laut Studie im Jahr 2035 mit 14 % weniger auskommen. Immerhin 12,7 % der dazu führenden Maßnahmen sind demnach wirtschaftlich. Geht es aber weiter wie bisher, dann werden nur 7,3 % eingespart.

Bis 2020 beziffern die Studienautoren die Einsparpotenziale bei der verbrauchten Endenergie mit 11 % – unter optimalen Bedingungen sogar mit 20 %. Um diese zu heben, müsse die Industrie die bisherigen Anstrengungen allerdings verdreifachen.

Dafür könne sprechen, das mit steigenden Energiepreisen zu rechnen sei. Lag der Anteil der Energiekosten an den Gesamtkosten im Jahr 2003 bei durchschnittlich 4,3 %, könnte er bis Ende 2013 auf 7,6 % klettern. Der Strompreis allein habe sich zwischen den Jahren 2000 und 2011 mehr als verdoppelt.

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Von Iestyn Hartbrich | Präsentiert von VDI Logo
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