12.04.2013, 10:59 Uhr | 0 |

Hannover Messe 2013 "Wir haben intensive Kontakte zu Russland"

"Wir haben intensive Kontakte, die wir fortsetzen wollen", kommentierte Bundeskanzlerin Merkel auf der Hannover Messe die Beziehungen zu Russland. Doch während die Wirtschaftsbeziehungen ausgebaut werden sollen, gibt es, wie Russlands Präsident Putin betonte, unterschiedliche Meinungen zum Umgang mit der Zivilgesellschaft. Hinweise darauf gab es bereits in den Reden zur Messeeröffnung.

"Wir haben intensive Kontakte zu Russland" - Teaser
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Angela Merkel kritisiert auf der Hannover Messe das Vorgehen Russlands gegen Nichtregierungsorganisationen.

Foto: VDI

Bundeskanzlerin Angela Merkel wies in ihrer Rede zur Eröffnung der Hannover Messe am Sonntagabend auf die Bedeutung der Rahmenbedingung für die Entwicklung bilateraler Beziehungen hin.

Aufgabe der Politik sei es, die Rahmen für Wirtschaftsbeziehungen aktiv mitzugestalten, sagte Merkel an den russischen Präsidenten Vladimir Putin gewandt: "Deutsche Unternehmen erwarten für eine langfristige Kooperation Rechtssicherheit und motivierte Mitarbeiter in Russland."

Und sie wurde deutlicher. Der Wohlstand eines Volkes könne nur dann vermehrt werden, wenn es eine aktive Zivilgesellschaft gebe. "Dafür muss Russland auch Nichtregierungsorganisationen, die wir in Deutschland als Innovationsmotoren kennen, eine Chance geben", mahnte sie und nahm damit Bezug auf das Vorgehen der russischen Behörden gegen ausländische Nichtregierungsorganisationen.

Die Kanzlerin hatte in ihrer Eröffnungsrede zunächst die deutsche Industrie, ihre Innovationsfreudigkeit und die Präsentationen auf der Hannover Messe gelobt: "Wer im industriellen Bereich etwas auf sich hält, kommt zur Hannover Messe."

Die Messe firmiert dieses Jahr unter dem Schlagwort Industrie 4.0. "Industrie 4.0 ist nicht irgendeine Entwicklung", sagte Merkel, "sondern eine, die vergleichbar ist mit der Erfindung der Dampfmaschine!"

Nachdem die Entwicklung des Internets sehr stark in Amerika stattgefunden habe, böte sich deutschen Firmen in der Digitalisierung der Geschäftsprozesse die Chance, "völlig neue Fußstapfen zu hinterlassen".

Für Merkel ist Industrie 4.0 eine Revolution, die nicht aufzuhalten ist: "In Zukunft werden alle industriellen Fertigungsprozesse von der schon vorhandenen Digitalisierung getrieben."

Der Industriearbeiter würde jedoch nicht überflüssig, wenn die Maschinen in naher Zukunft die Fertigung von Autos unter sich klären. "Irgendwo wird der Mensch dann doch noch vorkommen."

Weil aber auch Angela Merkel nicht genau weiß, an welcher Stelle in der Produktionshalle das sein soll, rief sie zur Aus- und Weiterbildung in den ingenieurwissenschaftlichen und technischen Berufen auf.

Beschäftigungsfelder gibt es genügend, wie die Aussteller zeigten. In Hannover präsentieren sich über 6500 Unternehmen und Organisationen, davon 160 aus dem diesjährigen Partnerland Russland. "Das sind so viele russische Aussteller wie bei keiner anderen Messe außerhalb Russlands zuvor", betonte die Bundeskanzlerin.

Die hohe Beteiligung russischer Industrieunternehmen sei ein Zeichen für die zunehmende deutsch-russische Kooperation, die auf drei wirtschaftlichen Säulen beruhe: Rohstoffe, Diversität und Infrastrukturausbau. Der Abbau der Rohstoffvorkommen des größten Flächenstaates der Welt bietet Kooperationspotenzial. "Wir wissen", so Merkel, "dass es großer Technologie bedarf, um diese zu erschließen, und sind gerne behilflich."

Friedhelm Loh, Präsident des Zentralverbandes der deutschen Elektro- und Elektronikindustrie (ZVEI), mahnte für die Wirtschaft und die Menschen in Russland Freiheit und Verlässlichkeit an. Er forderte "verlässliche Rahmenbedingungen und vor allem Rechtssicherheit für Investoren".

Nicht nur in der Eröffnungsrede, sagte der ZVEI-Präsident später, habe er über dieses Thema gesprochen, sondern auch im direkten Gespräch mit dem russischen Präsidenten. "Ich glaube, das ist eines der Hauptthemen, warum vor allem der deutsche Mittelstand sich schwertut, in Russland zu investieren." Lohr: "Herr Putin hat mir gesagt, sie würden alles dafür tun. Gehen wir mal davon aus, dass ist dann auch so."

Das gesellschaftliche Umfeld für erfolgreiches Wirtschaften sieht laut Lohr so aus: "Wir wissen aus Erfahrung, dass eine soziale freie Marktwirtschaft die beste Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand ist."

An Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt sagte Lohr während der Messeeröffnung, man wolle in Deutschland federführend bei Industrie 4.0 werden, "dafür muss in Forschung, in Wissenschaft und vor allem in die jungen Menschen dieser Nation investiert werden".

"Wir brauchen ‚Integrated Political Decisions‘, politische Entscheidungen 4.0", forderte er mit Blick auf die politisch stockenden Themen Energie, Mobilität und demografischer Wandel. Es sei nötig, die "Taktzeiten für Innovationen weltweit erheblich zu beschleunigen". Der Austausch zwischen Wirtschaft und Politik müsse "offener, schneller und besser sein als in der Vergangenheit".

Loh, selbst verantwortlich in seiner Unternehmensgruppe für 11 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, betonte zum Schluss seiner Rede: "Integrated Industry" bedeutet auch "Integrated Responsibility". Das heißt Verantwortung gegenüber der Schöpfung, die uns gegeben ist, und den Menschen auf der ganzen Welt. Ziel müsse sein, wenn in 30 Jahren 8 Mrd., vielleicht 9 Mrd. Menschen auf der Welt lebten, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch wirklich entkoppeln zu können. Nur dann werde "Wohlstand für alle von uns möglich sein".

Vladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, besuchte zum zweiten Mal nach 2005 die weltgrößte Industriemesse in Hannover. "In acht Jahren ist viel passiert", sagte er am Sonntagabend.

Putin präsentierte in seiner Rede zur Eröffnung der Messe eine russische Leistungsbilanz. Die Arbeitslosenquote liege bei 5,5 % und das Bruttoinlandsprodukt sei 2012 um 3,4 % gewachsen. Mit nur 10 % Staatsverschuldung sei das größte Flächenland der Welt zudem gut durch die Finanzkrise gekommen. Und die Goldreserven seien ein Grund, sich wohl zu fühlen.

In Hannover warb Putin vor allem um deutsch-russische Geschäftsbeziehungen. Führende Manager von mehr als 160 russischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen seien auf die Hannover Messe gekommen.

Die Einladung nach Hannover fasste Putin "als hohe Wertschätzung gegenüber den industriellen und wirtschaftlichen Potenzialen Russlands auf". Er dankte der deutschen Bundesregierung für die Unterstützung zum Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO.

Schon heute sind die Industrien Deutschlands und Russlands stark miteinander verwoben. Rund 6000 deutsche Unternehmen in Russland investierten 2012 laut Putin rund 25 Mrd. $.

Putin analysierte in seiner Rede: Rund 5 % der deutschen Maschinenexporte gehen nach Russland. Nur nach China, in die USA und nach Frankreich liefern deutsche Industrieunternehmen mehr. Der bilaterale Warenumsatz zwischen beiden Ländern betrug 2012 rund 74 Mrd. $. "Ich bin zuversichtlich, dass wir bald die 100 Mrd. $ knacken werden", sagte Putin. Für Deutsche und Russen sei Logik die Grundlage ihres Handelns.

Seine Botschaft: Er möchte ein positives Investitionsklima in Russland schaffen. Die Inflation habe mit 6,2 % den niedrigsten Stand seit dem Zerfall der Sowjetunion, die Geburtenrate einen Höchststand erreicht.

So gerne der Präsident Russlands über die wirtschaftlichen Beziehungen sprach, so stoisch zeigte er sich in anderen Fragen. Die deutliche Kritik der Bundeskanzlerin am Vorgehen der russischen Behörden gegen die Auslandsbüros deutscher Stiftungen in Moskau und Sankt Petersburg perlte an Putin scheinbar ab.

Nach der Eröffnungsfeier wartete auf Putin noch ein weiterer Termin. Auf der Agenda stand die Feier zum 69. Geburtstag seines alten Spezis Gerhard Schröder, der ihn einst einen "lupenreinen Demokraten" nannte.  LISA SCHNEIDER

   STEPHAN W. EDER

  IESTYN HARTBRICH

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Von Lisa Schneider/Stephan W. Eder/Iestyn Hartbrich | Präsentiert von VDI Logo
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