06.07.2014, 06:55 Uhr | 0 |

Nur 0,0001 Millimeter dick Japanische Künstler schufen vor 500 Jahren dünnstes Blattgold der Welt

Wie unglaublich dünn japanische Künstler Blattgold im 16. Jahrhundert auf Kunstwerke aufgetragen haben, konnten Wissenschaftler jetzt erstmals nachweisen: Mit der Röntgen-Fluoreszenz-Spektroskopie fanden sie heraus, dass die Schichten teilweise 100 Nanometer dünn waren – das entspricht 0,0001 Millimetern. 

Im 16. Jahrhundert verzierten japanische Künstler den Hintergrund ihrer Namban-Wandschirme mit Blattgold
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Im 16. Jahrhundert verzierten japanische Künstler den Hintergrund ihrer Namban-Wandschirme mit Blattgold. Die Schichten waren nur 100 Nanometer dick. Dünner lässt sich Blattgold heute auch mit modernsten Maschinen kaum herstellen. 

Foto: Wikimedia/public domain

Die ersten Blattgold-Kunstwerke sind wohl im alten Ägypten entstanden, aber die höchste Kunstfertigkeit im Umgang damit wird den Japanern zugeschrieben. Sie stehen schon seit längerem im Ruf, das dünnste Blattgold überhaupt hergestellt zu haben. Dafür den wissenschaftlichen Beweis anzutreten, war bislang schwierig. Materialproben mussten aus dem Kunstwerk für eine Untersuchung im Elektronenmikroskop entnommen werden, da geeignete Röntgengeräte zu unhandlich sind, um die Messung direkt am Kunstwerk durchführen zu können.

Jetzt hat ein Wissenschaftlerteam vom Zentrum für Atomphysik der Universität Lissabon unter der Leitung von Sofia Pessanha bei der Untersuchung historischer Blattgoldschichten neue Wege eingeschlagen: Mit der Röntgen-Fluoreszenz-Technik, die die Forscher verwendeten, kann die elementare Zusammensetzung einer Probe analysiert werden.

Das untersuchte Material wird dabei durch Röntgenstrahlung angeregt. Die freiwerdende Energie in Form von Fluoreszenzstrahlung wird ausgewertet, wobei die Konzentration der vorhandenen Elemente und ihre Zusammensetzung genau identifiziert werden kann. Dafür muss keine Materialprobe entnommen werden und die Untersuchung kann vor Ort am Kunstwerk durchgeführt werden.

Die dünnste Blattgold-Schicht hat eine Stärke von 100 Nanometern

Pessanha und ihr Team haben im Rahmen ihrer Studie, deren Ergebnisse jetzt im Fachmagazin „Applied Physics A: Materials Science & Processing“ erschienen sind, sechs alte japanische Wandschirme untersucht. Diese aufwändig bemalten Raumteiler gelten in Sachen Blattgold sozusagen als das Nonplusultra. Die schönsten Stücke dieser sogenannten Namban-Wandschirme stammen aus der Momoyama-Zeit von 1573 bis 1603 und der Edo-Zeit von 1603 bis 1868.

Die sechs untersuchten Wandschirme, die in ihrer Zeit als Statussymbole galten, stammen aus dem Antikenmuseum, dem Orientmuseum und aus eine privaten Sammlung in Portugal. Die dünnste Beschichtung, die die Forscher per Röntgen-Fluoreszenz-Spektroskopie fanden, lag bei 100 Nanometern, das sind 0,1 Mikrometer. Dünner kann Blattgold auch heute mit moderner Technik nicht hergestellt werden.

Technik erlaubt genaueres Datieren der uralten Kunstwerke

Als weiteres Ergebnis ihrer Studie konnten die Wissenschaftler sogar einen neuen Datierungsvorschlag machen. Bisher waren die Historiker davon ausgegangen, dass die beiden Wandschirme aus der frühen Edo-Zeit gleich alt sind. Das Team von Sofia Pessanha fand nun heraus, dass das Blattgold auf einem im Orientmuseum in Lissabon aufbewahrten Stellschirm dünner war. Weil die Goldschlagtechniken mit der Zeit immer weiter entwickelt wurden, um immer dünneres Blattgold zu erhalten, musste der Wandschirm mit der dünneren Goldschicht also auch später entstanden sein. 

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Ein mit Blattgold belegter Porsche Boxter: Das Edelstück hat der Gold- und Schmuckdesigner Bernd Höger aus Stuttgart mit 3000 Goldblättchen belegt. 

Foto: dpa

Das Vergolden von Kunstwerken mit hauchdünnen Lagen von Blattgold ist eine uralte Technik. Das weiche Edelmetall lässt sich gut verarbeiten, läuft nicht an und gibt Schmuckstücken, Skulpturen, Gemälden oder Architekturelementen einen feinen, edlen Glanz. Auch heute noch wird Blattgold wie vor Tausenden von Jahren im alten Ägypten hergestellt. Dafür wird reines oder mit Zusätzen wie Silber versetztes Gold in Barren gegossen und auf die Stärke von Zeitungspapier ausgewalzt. Daraus werden Quadrate geschnitten, übereinander gelegt und in vielen Arbeitsschritten mit immer schwerer werdenden Hämmern geschlagen. Am Ende ist das Blattgold so dünn, dass es nur mit Spezialwerkzeug bewegt und verarbeitet werden kann.

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Von Gudrun von Schoenebeck
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