21.06.2017, 15:37 Uhr | 0 |

Umweltbelastungen in der Lieferkette Wenn die Drecksarbeit bei den Lieferanten anfällt

Deutsche Produkte belasten die Umwelt, aber nicht in Deutschland. Der neue Umweltatlas zeigt, wie sich die internationalen Lieferketten deutscher Unternehmen auswirken und wo gesellschaftliche und geschäftliche Risiken liegen.

Außerhalb der eigenen Produktion rücken Umweltfragen oft in den Hintergrund – ob im In- oder Ausland. Zumal es für Unternehmen oft schwer ist, die konkreten Umwelteinflüsse in ihrer Lieferkette zu identifizieren. Der „Umweltatlas Lieferketten – Umweltwirkungen und Hot-Spots in der Lieferkette“ möchte nun Abhilfe in puncto Transparenz schaffen.

Das Thema Nachhaltigkeit steht spätestens seit der CSR-Richtlinie auf der Agenda vieler Unternehmen. Die besagt, dass sich große Unternehmen ab 2017 in ihrem Lagebericht auch zu nichtfinanziellen Themen äußern müssen. Dazu gehört der Bereich Umweltbelange. Ein Aspekt, um den es offenbar nicht so gut bestellt ist. In ihrem „Umweltatlas Lieferketten“ sehen die Berliner Denkfabrik adelphi und die Hamburger Nachhaltigkeitsberatung Systain einen großen Nachholbedarf bei den Lieferketten deutscher Unternehmen. Dazu haben die Autoren acht Fokusbranchen unter die Lupe genommen und auf die Bereiche Treibhausgasemissionen, Luftverschmutzung, Wasserverbrauch und Landnutzung abgeklopft.

Musterbranche Maschinenbau mit geringen Umweltbelastungen

Eine der Fokusbranchen war der Maschinenbau. Das Fazit der Autoren: Obwohl die Treibhausgas- und die Schadstoffemissionen neunmal so hoch sind wie am eigenen Produktionsstandort, gehört der Maschinenbau „zu den Branchen mit vergleichsweise geringen Umweltwirkungen entlang der Wertschöpfungskette“.

Rund ein Drittel der erhöhten Emissionen wird laut Studie auf der Stufe der direkten Lieferanten verursacht. Das umfasst im Maschinenbau vor allem die metallverarbeitende Industrie, auf Vorprodukte spezialisierte Maschinenbauunternehmen sowie Betriebe der Chemie- und Elektronikindustrie. Partner, deren Produktionsweise viele Unternehmen mittlerweile in ihren Umwelt- und Sozialstandards berücksichtigen. Die Studienautoren empfehlen, sich bei den THG-Emissionen vor allem „auf (Vor-)Lieferanten der metallverarbeitenden Industrie sowie auf den Stromverbrauch von (Vor-)Lieferanten zu fokussieren“ 

Auch Umweltbelastungen im Ausland betreffen das eigene Geschäft

Neben dem Maschinenbau haben die Autoren die Lieferketten der Branchen Bekleidungseinzelhandel, Chemie, Elektronik, Fahrzeugbau, Lebensmitteleinzelhandel, Metallerzeugung und -verarbeitung sowie Papier untersucht. Und aufgeschlüsselt, auf welcher Lieferkettenstufe, in welchen vorgelagerten Branchen und in welchen Ländern die Umweltwirkungen entstehen. Damit möchte der Atlas detailliert Umwelteinflüsse aufzeigen, die Unternehmen in ihrer Lieferkette bislang nur unzureichend identifizieren konnten.

„Die Verlagerung von Umweltbelastungen ins Ausland ist eine große Herausforderung der deutschen und internationalen Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik. Nachhaltiges Wirtschaften innerhalb der ökologischen Belastungsgrenzen ist für deutsche Unternehmen nicht allein in den eigenen Werkshallen entscheidend, sondern auch in hohem Maße in ihrer internationalen Lieferkette“, sagt Walter Kahlenborn, Geschäftsführer von adelphi. Doch der Umweltatlas Lieferketten dient nicht der Anklage, vielmehr soll er Unternehmern praktische Unterstützung bieten, um Umweltauswirkungen in der Lieferkette zu identifizieren.

Hubertus Drinkuth, Geschäftsführer von Systain, ergänzt: „Die Ergebnisse, zu denen wir mit den Erhebungen zum Umweltatlas Lieferketten gekommen sind, machen ganz deutlich, dass sich jedes Unternehmen systematisch und langfristig um die eigene Lieferkette kümmern muss.“ Dabei ginge es nicht nur um Reputation, sondern um unternehmerische Chancen und Risiken. „Sind Vorlieferanten von Wasserknappheit oder strikteren Umwelt-Regulierungen betroffen, kann das zu Preissteigerungen oder gar Lieferausfällen führen und plötzlich unmittelbar das eigene Geschäft betreffen“, so Drinkuth.

Wasserverbrauch in Mangelregionen besonders gefährlich

Weltweit, so schätzt die Unesco, haben rund 770 Mio. Menschen keinen Zugang zu guter Wasserversorgung. Umso schädlicher für die Reputation von Unternehmen, aber auch deren Produktionssicherheit ist es, in genau den Regionen übermäßig Wasser zu verbrauchen, wo ohnehin ein Mangel herrscht. Und der wird zunehmen: 2050 sollen mehr als 40% der Weltbevölkerung in Gebieten mit akutem Wassermangel leben.

Schlecht schneidet hier der Lebensmitteleinzelhandel ab. Die Branche verbraucht 47 Liter Wasser pro 1 Euro Umsatz, ein Vielfaches jeder anderen Branche (im Vergleich: Im Maschinenbau sind es 3 Liter Wasser je 1 Euro Umsatz). Und ein Großteil davon wird in Regionen mit „hohem Wasserstress“ genutzt wie Spanien oder Indien, aber auch vielen afrikanischen und asiatischen Ländern.

Wie die anderen Branchen abschneiden und wo ihre größten Umweltrisiken liegen, sehen Sie in der Bildergalerie.

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Von Sabine Philipp, Lisa Schneider
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