28.10.2014, 08:33 Uhr | 1 |

Staudämme bedrohen Artenvielfalt Weltumspannende Datenbank zur Nutzung der Wasserkraft erstellt

Schon heute tragen erneuerbare Energien etwa 20 Prozent zur globalen Stromproduktion bei, davon stammen allein 80 Prozent aus der Kraft des Wassers. Deutsche Forscher haben jetzt eine weltumspannende Datenbank erstellt, die es erlaubt, den Umfang und die möglichen Auswirkungen der zukünftigen Staudämme zu bestimmen. 

Vjosa bei Tepelena
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Noch fließt die Vjosa völlig ungehemmt. Es gibt auf 270 Kilometern keinen Staudamm, keinen Deich, der sie in Schranken weist. 

Foto: Wikimedia

Dabei wurden auch globale Biodiversitätsdaten einbezogen, um die ökologisch kritischen Gebiete zu identifizieren. „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse damit für Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger als wertvolle Grundlage bei der Erforschung und Förderung nachhaltiger Wasserkraftentwicklung dienen“, sagte Projektleiterin Prof. Christiane Zarfl vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Die Studie wurde gemeinsam mit der Universität Tübingen durchgeführt und ist jetzt in der internationalen Fachzeitschrift „Aquatic Sciences: Research across Boundaries“ veröffentlicht worden.

3700 große Staudämme im Bau oder in Planung

Weltweit befinden sich derzeit 3700 große Staudämme, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer, im Bau oder zumindest in der Planung. Die Forscher zeigen auf, dass die Wasserkraft zwar eine erneuerbare, aber nicht zwingend eine klimaneutrale und umweltfreundliche Energiequelle ist.

Winzig klein erscheinen die Bauarbeiter am Mittwoch (25.05.2005) auf der fast fertiggestellten Staumauer der Talsperre Leibis bei Unterweißbach (Kreis Saalfeld-Rudolstadt). Hinter der rund 100 Meter hohen Betonwand, die aus etwa 1.000 einzelnen Blöcken gegossen worden ist, werden bereits seit dem 17. Februar 2005 rund 39, 2 Millionen Kubikmeter Wasser auf einer Fläche von 119,7 Hektar angestaut. Momentan hat der Wasserspiegel eine Stauhöhe von 44,50 Metern erreicht. Nach dreijährigem Probebetrieb soll die Talsperre dann rund 300.000 Menschen in Ostthüringen mit Trinkwasser versorgen. Das 140 Millionen Euro teure Bauwerk entstand auf dem Areal des früheren Ortes Leibis. Fotograf: Stefan Thomas dpa/lth +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Staudamm in Deutschland: Das Foto stammt aus dem Jahr 2005 und zeigt die fast fertiggestellten Staumauer der Talsperre Leibis bei Unterweißbach in Ostthüringen. Die Betonwand ist rund 100 Meter hoch und aus etwa 1000 einzelnen Blöcken gegossen.

Foto: dpa/Stefan Thomas

Große Ströme, etwa der Amazonas oder auch der Ganges, werden zunehmend und oftmals unumkehrbar verbaut. Die Investitionen in die Kraft des Wassers haben sich in den letzten Jahren verzehnfacht. Allein der Bau der derzeit in Planung befindlichen Stauanlagen wird etwa 1,5 Billionen Euro verschlingen.

Binnengewässer zählen zu den artenreichsten Ökosystemen weltweit

Besonders brisant: In den Boomländern der Wasserkraft, in Südamerika, Südostasien und Afrika, befindet sich ein Großteil der biologischen Vielfalt unseres Planeten. Gerade die Binnengewässer zählen zu den artenreichsten Ökosystemen weltweit. Heute schon ist dort diese Vielfalt stärker gefährdet als im Meer oder an Land.

Und zusätzliche Staudämme können diesen Rückgang der Artenvielfalt noch weiter beschleunigen, so die Befürchtung der Wissenschaftler. Besonders problematisch sei die Lage in China, Brasilien, Indien und Nepal, aber auch am Balkan und in der Türkei.

Vjosa: Letzter ungezähmter Fluss Europas

Wie verbaut die Zukunft in Europa bereits ist, zeigt der Ausnahmefluss Vjosa im Süden Albanien. Denn er gilt als der letzte ungezähmte Fluss Europas. Über 270 Kilometer vom Grenzgebirge zu Griechenland bis hinab ins Mündungsdelta an der Adria bahnt sich die Vjosa völlig frei ihren Weg ins Tal. Es gibt keinen Staudamm, keinen Deich, der sie einengt. Und das spiegelt die Artenvielfalt wider: In den natürlichen Lehmwänden nisten Uferschwalben und Bienenfresser. In den Altarmen und Nebengewässer wuseln Kaulquappen, an jedem Stück Totholz, das hier im Gebirge noch liegen bleibt, wimmelt es voller Leben. Noch.

Jeder fünfte freifließende große Fluss wird verbaut

Insgesamt etwa 570 Staudämme sollen in den kommenden Jahren in der Balkanregion entstehen, alleine acht an der Vjosa. Die Folgen für die Artenvielfalt könnten dramatisch sein. „So unterbricht jeder Staudamm den Längsverlauf der Flüsse und verändert das Abfluss-, Sediment- und Temperaturregime. Der Sedimentrückhalt führt flussabwärts von Dämmen zur Eintiefung des Flussbetts, und aus den Stauseen, insbesondere in den Tropen, entweichen große Mengen an Treibhausgasen“, erklärt Prof. Zarfl. „Zudem werden etwa 21 Prozent der heute noch freifließenden großen Flüsse in zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr durchwanderbar sein.“ Das ist jeder fünfte heute noch freifließende große Fluss.

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Von Detlef Stoller
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kommentare
02.11.2014, 11:01 Uhr Progetti
Man sollte in Zukunft mehr die Photovoltaik forcieren!

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