21.08.2013, 07:00 Uhr | 0 |

Windräder Todesfalle für Fledermäuse in Deutschland

Die Energiewende fordert Opfer im Tierreich. Zehntausende Fledermäuse werden von den Rotorblätter entweder erschlagen oder ihre Lungen durch den Druckunterschied im Rotorbereich förmlich zerfetzt. Das zeigt eine erste, repräsentative Untersuchung zum Kollisionsrisiko der nachtaktiven fliegenden Säugetiere.

Fledermaus auf Insektenjagd
Á

Eine Fledermaus jagt vor dem nächtlichen Himmel nach Insekten. Ein Forschungsprojekt der Uni Hannover zum Fledermaussterben an Windkraftanlagen sorgt unter Naturschützern für Aufruhr. 

Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Das stimmt nachdenklich, stehen doch 17 der 24 in Deutschland lebenden Fledermausarten auf der Roten Liste bedrohter Tierarten. Eine Studie des Instituts für Umweltplanung der Leibniz-Universität Hannover an 66 zufällig ausgewählten Windrädern ergab jetzt, dass im Durchschnitt zwölf Fledermäuse je Anlage im Jahr zu Tode kommen. „Rechnet man den Befund auf die aktuell 25 000 Windenergieanlagen in Deutschland hoch, sterben an ihnen jährlich eine viertel Million Fledermäuse“, warnt die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen (EGE), die auch für die fliegenden Säugetiere kämpft.

Der Leiter der Studie, Professor Michael Reich, sagt zu dieser Zahl von jährlich 250 000 durch Windräder getöteter Fledermäuse, dass sie nicht falsch sein müsse: „Aber sie ist hoch spekulativ.“ Fakt ist: Die nachtaktiven fliegenden Säuger kommen mit den Rotorblätter der Windmühlen nicht klar. Die Rotorblätter drehen sich oft mit Geschwindigkeiten um die 200 Stundenkilometer und erzeugen enorme Kräfte. Funde getöteter Fledermäuse im Umfeld solcher Anlagen zeigen, dass viele der Tiere nicht einmal von den rasenden Rotorblättern erschlagen werden, sondern ihre Lungen durch den starken Druck im Nahfeld der Anlagen zerplatzen.

Fledermäuse haben eine sehr niedrige Fortpflanzungsrate

Es gilt daher, die Balance zu finden zwischen dem der Energiewende geschuldeten Ausbau der Erneuerbaren Energien und dem Tierschutz. Fledermäuse haben eine auffallend niedrige Fortpflanzungsrate. Die meisten Arten bringen nur einmal im Jahr ein einziges Jungtier zur Welt. Diese niedrige Fortpflanzungsrate wird normalerweise dadurch kompensiert, dass diese Tiere ein Alter von über 20 Jahren erreichen können.

Die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen fordert jetzt, dass diejenigen Anlagen aus der Untersuchungsreihe veröffentlicht werden, die sich als die größten Tötungsmaschinen erwiesen. Das Problem: Die Forscher um Michael Reich haben den Anlagenbetreibern in dem Projekt Anonymität zugesichert. Diese Bedingung hatten die Anlagenbetreiber an die Einbeziehung ihrer Anlagen in das Forschungsvorhaben geknüpft. Auf diese Weise wollen die Betreiber sicherstellen, dass die Ergebnisse nicht zu nachträglichen Betriebsbeschränkungen führen.

EGE fordert Offenlegung der Daten

Die EGE beruft sich bei ihrer Forderung nach Offenlegung der Daten unter anderem auf das Bundesnaturschutzgesetz, wonach das Töten seltener Arten verboten ist und auf die Gefahrenabwehrpflicht im Gesetz zur Vermeidung von Umweltschäden. Die EGE sieht auch das Bundesumweltministerium (BMU) in der Pflicht. Denn das BMU hat die Studie mit 1,1 Millionen Euro gefördert. „Nach dem Umweltschadensrecht sehen wir Sie in der Pflicht, dieser Sache nachzugehen, zumal Sie das Vorhaben finanzieren, in dem diese Daten gewonnen wurden“, schrieb die EGE kürzlich an das BMU. „Eine wie auch immer geartete Vereinbarung zwischen den Betreibern der betreffenden Anlagen und dem Forschungsnehmer ist kein Grund, die Information gegenüber der Öffentlichkeit zurückzuhalten.“

Ein Sprecher des BMU weist nun darauf hin, dass seine Behörde die Daten nicht habe. Im Falle der Studie aus Hannover gehörten die Rohdaten der Uni. Bei der geförderten Studie bestehe nur die Vorgabe, die Ergebnisse öffentlich zu machen: „Für die Rohdaten gilt diese Vorgabe nicht.“ Der kritisierte Studienleiter Michael Reich verweist auf die großen Schwierigkeiten und Bedenken, die es auszuräumen galt, um die Studie überhaupt zu realisieren. „Sie können sich sicher vorstellen, dass es nicht einfach war, Betreiber von Windenergieanlagen als Kooperationspartner für dieses Forschungsprojekt zu gewinnen.“

„Es kann nicht sein, dass sehenden Auges an den betreffenden, dem Forschungsnehmer bekannten Windenergieanlagen hohe Tierverluste in Kauf genommen werden, weil dies den Anlagenbetreibern zugesichert worden ist. Würden die Verluste den zuständigen Immissionsschutzbehörden bekanntgegeben, könnten und müssten Abschaltzeiten erwogen werden“, schreibt die EGE an das BMU.

Vor allem im Sommer besteht hohe Gefahr

Vor allem im Sommer sind die Fledermäuse besonders gefährdet, weil sie zu dieser Zeit sehr aktiv auf Insektenjagd sind. Es gilt also, Mittel und Wege zu finden, die Gefahr, die die Anlagen für die Fledermäuse bieten, zu minimieren. Das sieht man auch im BMU so. „Gleichwohl nehmen wir das Thema des Kollisionsrisikos von Fledermäusen mit Windkraftanlagen sehr ernst“, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Das BMU fördert inzwischen ein Folgeprojekt mit 962 884 Euro, mit dem dasselbe Forscherteam um Michael Reich „Methoden zur Untersuchung, Vorhersage und Reduktion des Kollisionsrisikos von Fledermäusen“ herausfinden soll. „Fledermausfreundliche Betriebsalgorithmen“ heißt das Ziel schlicht.

Es gilt in diesem Projekt, Methoden zu entwickeln, mit denen sich Windräder in Zeiten hoher Fledermausaktivität bremsen lassen. Jahres- oder Tageszeit, Temperatur, Standort und Wetterbedingungen haben Auswirkungen auf die Aktivität der fliegenden Säugetiere. Diese Daten wurden im Rahmen der ersten Studie mithilfe von akustischen Detektoren im Gondelbereich der Windräder, sowie aus der Anzahl der getöteten Tiere an der jeweiligen Anlage gewonnen.

Reduktion getöteter Tiere von zwölf  auf zwei  je Anlage wäre möglich

Jetzt soll ein Computerprogramm entwickelt werden, welches dafür sorgt, dass die Anlagen in für die Fledermäuse besonders gefährlichen Zeiten punktgenau abgeschaltet oder auch stark gebremst werden. Bisher haben die Forscher eine mögliche Reduzierung von zwölf auf zwei Opfer je Windrad errechnet. Und das bei einem Ertragsverlust von lediglich einem Prozent. Das hört sich nach wenig an, doch Michael Reich warnt: „Es gibt Standorte, die nahe an der Wirtschaftlichkeitsgrenze arbeiten.“ Da kann dann das eine Prozent entscheidend sein.

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden