09.12.2015, 16:28 Uhr | 2 |

191 Mio Teilchen am Tag So stark ist der Rhein mit Mikroplastik belastet

Der Rhein gehört zu den weltweit am schlimmsten mit Mikroplastik belasteten Flüssen. Das haben Umweltwissenschaftler der Universität Basel jetzt durch die Entnahme von Wasserproben entlang des Stroms herausgefunden. Am höchsten ist die Belastung in der Rhein-Ruhr-Region.

Probeentnahme im Niederrhein bei Rees
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Probeentnahme im Niederrhein bei Rees: Der Manta Trawl hängt von einem Bordkran seitlich im Fluss, um dem Bugwellenschlag und den Wasserverwirbelungen auszuweichen. 

Foto: Pascal Blarer/Universität Basel

Die Forscher entnahmen dem Rhein zwischen Basel und Rotterdam auf einer Strecke von rund 820 km an elf Standorten 31 Wasserproben. Keine davon  war frei vom Mikroplastik. Im Durchschnitt lag die Konzentration bei 892.777 Partikel, die pro Quadratkilometer an der Oberfläche schwimmen, schildert Forscher Thomas Mani im Gespräch mit Ingenieur.de. Rechnet man das in Partikel pro Kubikmeter um, ergibt das 4960 Partikel pro 1000 Kubikmeter.

Rhein-Ruhr-Region am höchsten belastet

Die geringste Belastung fand sich zwischen Basel und Mainz. Dort fischten die Forscher im Durchschnitt 202.900 Partikel pro Quadratkilometer aus dem Fluss. Bei Bad Honnef, Köln-Porz und Leverkusen lag die Belastung mit 714.053 Partikel pro Quadratkilometer schon deutlich höher.

Die höchste Belastung fanden die Umweltwissenschaften in der Rhein-Ruhr-Region mit 2,3 Millionen Partikel je Quadratkilometer. Die am stärksten belastete Einzelprobe fanden die Schweizer in Rees am Niederrhein, 15 km vor der niederländischen Grenze, in der 3,9 Millionen Plastikpartikel pro Quadratkilometer schwammen.

„Die Konzentration von Mikroplastik im Rhein liegen damit im Bereich der höchsten Konzentrationen der bisher weltweit untersuchten Gewässer“, sagt die Leiterin der Studie, die Biologin Prof. Patricia Holm vom Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel. Zum Vergleich: In den am meisten belasteten Schweizer Seen, dem Genfer See und dem Lago Maggiore, wurden je rund 220.000 Partikel pro Quadratkilometer nachgewiesen.

Täglich über 191 Millionen Plastikteilchen Richtung Nordsee

„Gehen wir von den mittleren Mikroplastik-Konzentration am Tag der Probenahme in Rees aus, trägt der Rhein täglich eine Fracht von mehr als 191 Millionen Plastikteilchen in Richtung Nordsee, und das allein an seiner Oberfläche“, verdeutlicht Holm. „Gewichtsmäßig entspricht das zwar nur etwa 25 bis 30 Kilo pro Tag, doch im Jahr summiert sich das immerhin auf 10 Tonnen. Jedes einzelne dieser vielen Milliarden Plastikteilchen kann von Organismen aufgenommen werden und schädliche Auswirkungen haben.“

In Würmern, Schnecken, Muscheln, Wasserflöhen und Muschelkrebsen ließen sich bereits aufgenommene Mikropartikel nachweisen. Das ist deshalb gefährlich, weil diese Partikel Schadstoffe anreichern können. Dazu gehören auch die äußerst gesundheitsschädlichen oder krebserregenden Polychlorierte Biphenyle (PCB) und Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Ihre Konzentration kann in den Plastikkügelchen bis zu 100.000-mal höher als in der Umgebung sein.

Mehr Plastikpartikel als Fischlarven in der Donau

Eine im vergangenen Jahr im Fachjournal „Environmental Pollution“ veröffentlichte Studie ließ aufhorchen: Forscher um Hubert Keckeis von der Universität Wien berichteten darin, dass sie in der Donau mehr Plastikteilchen als Fischlarven fanden. Im Schnitt fanden sie 317 Mikroplastikpartikel und nur 275 Fischlarven je 1000 Kubikmeter Wasser.

Mikroplastik ist extrem langlebig

Mikroplastik sind Plastikteile mit einem Durchmesser von 0,3 bis 5 mm. Diese Mikroplastikteile sind inzwischen in allen Gewässern zu finden. „Sie treten als Zwischenprodukt bei der Kunststoffherstellung sowie als Granulat in Reinigungs- und Pflegeprodukten auf und entstehen bei der Zersetzung größerer Plastikteile in der Umwelt“, erklären die Forscher um Patricia Hoplm. Ein großes Problem mit der immensen Plastikverschmutzung ist die Langlebigkeit dieser Partikel. Experten gehen davon aus, dass es zum Teil mehrere Hundert Jahre dauern kann, bis die Plastikteile wieder aus der Umwelt verschwunden sind.

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Von Detlef Stoller
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kommentare
10.12.2015, 08:19 Uhr FeleFX
Sehr geehrter Herr Stoller,

ich finde die Bilder der Partikelkonzentration sehr unpassend gewählt, da sich aus Ihren Zahlen durchschnittlich 0,9 Partikel pro m² bzw. im schlimmsten Fall 3,9 Partikel pro m² ergeben. Ich bitte Sie die Wahl der Bilder zu überprüfen.
Weiterhin benötige ich Aufklärung zur Umrechnung wie in folgendem Satz: "Rechnet man das in Partikel pro Kubikmeter um, ergibt das 4960 Partikel pro 1000 Kubikmeter.". Wie kommen Sie auf diesen Wert und ist es möglich das ganze als 4,96 Partikel pro m³ darzustellen?

Mit freundlichen Grüßen
Felix Markert

10.12.2015, 16:40 Uhr a.moerer-funk
Sehr geehrter Herr Markert und Mitleser,

genau diese Fragen haben wir uns auch gestellt und deshalb mit den Forschern in Basel telefoniert, die genau diese Zahlen verbreitet haben.

Quadratkilometer sind ein Flächenmaß, Kubikmeter ein Raummaß. Das ist uns natürlich bewusst. Die Erklärung für die merkwürdige Umrechnung von Quadratkilometer in Kubikmeter ist die Folgende: Mikropartikel schwimmen nur in den obersten Wasserschichten, also den obersten Zentimetern. Zuerst haben Wissenschaftler Mikropartikel im Meer untersucht. Dabei werden Netze durch die Oberfläche gezogen. Die Forscher erfassen die Fläche des Meeres, die sie mit den Netzen gefiltert haben, und zählen die Partikel. Da man die Partikel nicht bis in die Tiefen des Meeres untersucht, weil sie oben schwimmen, hat sich die Angabe Partikel pro Fläche eingebürgert.

Jetzt werden zunehmend auch Flüsse und Seen untersucht, in denen auch Partikel pro Kubikmeter erfasst werden. Deshalb hat sich die Wissenschaft auf einen Umrechnungsfaktor geeinigt. Und deshalb kommt diese ungewöhnliche Darstellung im Artikel zustande.

Ob die Partikelbelastung nun als hoch oder niedrig einzustufen ist, vermögen wir als Redaktion nicht zu entscheiden. Sicher gehören Kunststoffpartikel überhaupt nicht ins Wasser. Und wenn Forscher sagen, dass der Rhein zu den höchst belasteten Flüssen der Welt gehört, dann ist das eben ein Fakt, den wir für berichtenswert halten. Schließlich ist der Rhein nicht irgendein Fluss.

Es grüßt Axel Mörer-Funk, Chefredakteur

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