03.01.2014, 09:00 Uhr | 0 |

Georisiken in Kirgisistan Schmelzende Gletscher drohen verheerende Flutwellen auszulösen

Durch tauende Gletscher entstehen in Kirgisistan neue Gebirgsseen. Abstürzende Felswände drohen Flutwellen auszulösen, die Dörfer im Tal verwüsten könnten. Mit einem neuen Gletschermodell wollen Wiener Wissenschaftler die Bevölkerung schützen. 

Klimastation im nördlichen Tien-Shan-Gebirge
Á

Die hoch gelegene Klimastation im nördlichen Tien-Shan-Gebirge ist nur per Hubschrauber erreichbar. Von hier erforschen Wissenschaftler die Entwicklung des Inylchek-Gletschers. Dieser taut zwar tendentiell, stößt jedoch immer wieder unerwartet vor und wird somit zur Gefahrenquelle.

Foto: Universität Wien / Hermann Häusler

Wenn Gletscher schwinden, entstehen riesige Fels- und Geröllflächen mit gefährlicher Eigendynamik. „Das wird zu erheblichen Umgestaltungen des Gletschervorfeldes führen“, warnt der Umweltgeowissenschaftler der Universität Wien, Hermann Häusler. „In übertiefen Gletschersenken werden sich neue Gebirgsseen bilden, was das potentielle Risiko von Naturgefahren erheblich erhöhen wird. Eisabschmelzungen werden Bergflanken, aber auch Hangfußlagen destabilisieren.“ Gefahr droht vor allem, wenn riesige Geröll- und Gesteinsmassen in die Seen abstürzen. Dann könnten mehrere Hunderttausend Kubikmeter Wasser schlagartig ins Tal stürzen und dort alles verwüsten, was sich ihr in den Weg stellt, befürchtet Häusler.

Gletscherentwicklung am Tien-Shan-Gebirge bis 2050 modelliert

Die neuen Erkenntnisse haben Häusler und sein Team aus sehr luftiger Höhe aus dem Tien-Shan-Gebirge in Kirgisien mitgebracht. „Gottes Berg“, wie das Tien-Shan-Hochgebirge im Uigurischen genannt wird, ragt bis zu einer Höhe von 7439 Meter in den Himmel.

Die Wissenschaftler haben die dortige Gletscherentwicklung bis zum Jahre 2050 modelliert. Eine große Herausforderung, denn in Kirgisien stehen nur sehr begrenzt Zeitreihen von Niederschlags- und Lufttemperaturdaten zur Verfügung. Die Forscher verwendeten daher sogenannte statistische Downscaling-Methoden, um lokale Klimainformationen an ausgewählten meteorologischen Stationen zu berechnen. Als Basis dienten dabei globale Analysedaten von 1948 bis 2012 und globale Modelldaten von 2001 bis 2050. „Ziel war es, das für den Alpenraum bereits erfolgreich durchgeführte Downscaling-Verfahren für einzelne Regionen Zentralasiens anwendbar zu machen“, erläutert Wolfgang Schöner, Projektpartner an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien.

Öffentliches Bewusstsein für Gefahren fehlt

„Auf dieser Datenbasis ist es uns gelungen, die zukünftige Gletscherentwicklung anhand mehrerer Szenarien bis zum Jahr 2050 zu modellieren“, erklärt Hermann Häusler. Mit dem glazial-hydrologischen Modell ist es nun möglich, das zukünftige Gletscherverhalten und die damit verbundenen Prozesse und Risiken zu beurteilen.

„Auch haben wir Vorschläge erarbeitet, wie die mit den geologischen Veränderungen einhergehenden Risiken reduziert werden können, und diese mit den Betroffenen in Kirgisien diskutiert“, ergänzt Diethart Leber, Post-Doc im Team von Hermann Häusler. Es geht darum, Katastrophenszenarien durch verbesserte Prognosemodelle und eine angepasste Landnutzung vorzubeugen. „Die Öffentlichkeit ist sich zu wenig bewusst, welche Gefahren hier wirklich lauern“, so Häusler.

Rasche Gletschervorstöße verursachen Flutwellen

Das Team erforscht den 80 Kilometer langen Inylchek-Gletscher, den längsten Hochgebirgsgletscher der Welt. „Wir haben es hier mit einer weltweit einzigartigen Situation zu tun, da auf derselben geografischen Länge und Breite ein Teil des generell im Rückzug befindlichen Gletschers noch immer aktiv vorstößt“, berichtet Häusler. Das geschieht seit Jahrzehnten und stellt die weltweiten Gletscherforscher vor ein Rätsel. Im 7000 Meter hohen Grenzbereich von Kirgisien, China und Kasachstan sind bereits mehrfach sogenannte glacial surges, also rasche Gletschervorstöße, aufgetreten, die in der Literatur auch als galoppierende Gletscher beschrieben werden. Der jüngste surge geschah 1996 im nördlichen Inylchek-Tal.

Zeitreihenanalysen von Stereo-Luftbildern seit den 1940er-Jahren und Satellitenbilder bis zur Jahrtausendwende belegen zuerst ein Abschmelzen des nördlichen Inylchek-Gletschers, wodurch sich ein Gletschersee bis zu einer Länge von vier Kilometer ausbildete. Dann kippte die Situation dramatisch: Im Spätherbst des Jahres 1996 kam es zu einem über drei Kilometer weiten Vorstoß des Gletschers mit Geschwindigkeiten von bis zu 40 Metern pro Tag. Das vom Gletscher verdrängte aufgestaute Wasser überflutete schließlich einen tiefer gelegenen Talbereich. „Es wäre interessant, die Ursache derartig rascher Gletschervorstöße weiter zu untersuchen, da sie in Zeiten der globalen Klimaerwärmung einen regional gegenläufigen Trend des Gletscherverhaltens anzeigen und die damit verbundenen Gletscherseeausbrüche ein erhöhtes Gefährdungspotential darstellen“, erklärt Häusler.

Neues Frühwarnsystem wird installiert

Die europäischen Wissenschaftler um Häusler sind im ständigen Informationsaustausch mit ihren Kollegen vor Ort am Berg. Dort wird jetzt ein Frühwarnsystem eingerichtet. Zudem werden Folgestudien gemäß den Anforderungen des kirgisischen Katastrophenschutzministeriums implementiert.

Häusler geht hinsichtlich der Zukunft der Hochgebirgsgletscher durchaus davon aus, dass sich die Situation weiter verschärfen wird. „Dass es – wie manche Kollegen meinen – bereits in 50 Jahren keine Gletscher mehr geben wird, glaube ich aber nicht. Es existieren sehr fundierte Forschungsergebnisse, die zu weit weniger pessimistischen Einschätzungen kommen.“

Das Team von Häusler ist Lead-Partner in einem zweijährigen EU-Projekt zu den Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen, Lappland und Kirgisien. Die Studie war Teil des CIRCLE-2-MOUNTain-Projektes, ausgeschrieben Climate Impact Research & Response Coordination for a Larger Europa. Es handelt sich um ein europäisches Netzwerk-Projekt, welches 34 Institutionen aus 23 Ländern zusammenbringt, um Forschungsergebnisse und Wissen unter anderem zu Klimawandelfolgen zu teilen. Wissenschaftler aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, der Tschechischen Republik, Schweden, Kirgisien, Kasachstan, Usbekistan und den USA sind an diesem Forschungsmarathon beteiligt.

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden