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13.06.2013, 08:16 Uhr | 0 |

Hochwasser Prof. Fröhle: "Zähmung der Natur wäre zu teuer"

Obwohl Simulationen viel genauere Vorhersagen erlauben als früher und Milliarden in den Hochwasserschutz flossen, stehen wie 2002 aktuell viele Städte machtlos vor den Fluten. Peter Fröhle, Leiter des Instituts für Wasserbau der TU Hamburg-Harburg, erklärt, warum der Hochwasserschutz an Grenzen stößt.

Hochwasser in Deggendorf an der Donau
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Die Ortsteil Fischerdorf in Deggendorf (Bayern) ist am 5. Juni nach einem Dammbruch vom Hochwasser der Donau überflutet.

Foto: dpa/Armin Weigel

VDI nachrichten: Prof. Fröhle, nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 floss viel Geld in Deiche, Rückhaltebecken, in Früherkennung und Risikomanagement auf Basis von Simulationen. Hilft das alles beim aktuellen Hochwasser?

Fröhle: Die Vorhersage-Qualität hat sich in den letzten Jahren sehr verbessert. Das verschafft Einsatzkräften wichtige Zeit. In großen Flussgebieten wissen wir etwa eine Woche im Voraus, welche Größenordnung von Wasserständen zu erwarten ist. An kleinen Flüssen sind Prognosen schwieriger.

Warum?

Ihr Einzugsgebiet ist kleiner. Da macht es große Unterschiede, ob ein Starkregen 5 km weiter westlich oder östlich niedergeht. Meteorologische Vorhersagen sind nicht so hoch aufgelöst. Auch wirken Niederschläge direkter, weil es weniger Fläche zum Versickern gibt, die Flüsse steiler sind und ihre Betten enger. Lokale Starkregen können schnell extreme Folgen nach sich ziehen...

...erst recht, wenn Böden nach wochenlangen Niederschlägen durchnässt sind.

Das ist beim aktuellen Hochwasser der springende Punkt. Die Böden waren komplett gesättigt und die Hochwasserrückhaltebecken und Talsperren weitgehend voll, als die Extremniederschläge einsetzten. Es gab kaum noch Puffermöglichkeiten.

Muss angesichts der zweiten Katastrophe binnen elf Jahren die Bemessung der Rückhaltebecken und Deiche überdacht werden?

Sie sind auf Basis 100-, 150- oder 200-jährlicher Hochwasserabflüsse bemessen. Was als 100-jährliches Hochwasser gilt, folgt statistischen Fortschreibungen, in die natürlich auch die Hochwasser der letzten Jahre eingeflossen sind. Es gibt also keine starren Werte, sondern stetige Neubewertung. Auch ist es ein Trugschluss, dass ein 100-jährliches Ereignis nur alle 100 Jahre eintritt. Es handelt sich um einen statistischen Mittelwert für das jeweilige Gebiet.

Welche Handlungsoptionen gibt es, wenn eine Flutwelle auf eine Stadt zurollt?

Dann sind nur noch bereits vorbereitete Maßnahmen umsetzbar: Mobile Hochwasserwände aufstellen, Sandsäcke stapeln, Erdgeschosse leer räumen und die Evakuierung vorbereiten. Kurz gesagt: Schäden minimieren.

Wie können Städte wie Passau oder Grimma langfristig vorbeugen?

Sie müssen ihren Hochwasserschutz anpassen. Deiche, Hochwasserschutzwände, die bis 2,5 m hoch sein können...

...was beim aktuellen Hochwasser kaum gereicht hätte...

Das Schadensausmaß hätten sie begrenzen können. Es gibt auch Möglichkeiten, die Häuser hochwassersicher zu machen. Das haben wir in Teilen Hamburgs gemacht. In Altstädten ist das aber nur schwer umsetzbar.

In Hamburg gibt es auch Ansätze, hinter dem ersten Deich eine zweite und dritte Verteidigungslinie einzuziehen. Sind solche Ideen übertragbar?

Es gibt keine Patentrezepte. Hochwasserschutz muss sich an den topografischen, geologischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten sowie an der jeweiligen örtlichen Nutzung orientieren. Ist der Boden sandig, nützt die schönste Hochwasserwand nichts, weil sie sofort unterspült wird. Ein Schutzsystem ist immer nur so gut, wie seine schwächste Stelle. Fehlen etwa in der Kanalisation Rücklaufklappen, wird das Wasser durch Gullis oder Toiletten gedrückt. Und wo Altstadtwirte und Bewohner den unverbauten Flussblick durchsetzen, gibt es eben nur mobilen Hochwasserschutz mit begrenzten Möglichkeiten. Es gilt, für jede Gemeinde und Region individuelle Maßnahmen zu erarbeiten.

Ist das der Grund für die hohen Kosten des Hochwasserschutzes?

Es ist ein Grund. Grundsätzlich folgt Hochwasserschutz Risikoabwägungen. Wenn, wie jetzt in Bayern, die höchsten Pegelstände seit 500 Jahren eintreten, sind die Schutzsysteme dafür nicht bemessen und folglich überfordert. Wir haben es hier mit Naturgewalten zu tun, die sich zu gesellschaftlich vertretbaren Kosten nicht zähmen lassen. Die neue Hochwasserrisikomanagement-Richtline richtet sich im Prinzip nach der Frage, wie viel Schaden pro Jahr akzeptabel ist. Das gilt ausdrücklich nicht, wo Menschenleben oder schützenswerte Kulturgüter in Gefahr sind. Ansonsten verhandelt die Gesellschaft immerfort, welche Restrisiken wir tragen müssen. Dazu gehört, die unmittelbar Betroffenen im Fall der Fälle nicht auf ihren Schäden sitzen zu lassen.

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Von Peter Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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