05.12.2013, 16:39 Uhr | 0 |

Windgeschwindigkeiten bis zu 140 km/h Orkan „Xaver“ noch keine Folge des Klimawandels

Im Laufe des heutigen Tages tobt das Orkantief „Xaver“ vor allen an den Küsten Deutschlands heftig. Windgeschwindigkeiten von gut 140 Stundenkilometern werden erwartet mit hohen Sturmfluten als Begleiterscheinung. Ist „Xaver“ bereits eine Folge des Klimawandels?

Orkan Xaver
Á

Passanten laufen am 5. Dezember 2013 über den überfluteten Fähranleger in Dagebüll (Schleswig-Holstein) an der Nordsee. Das Orkantief "Xaver" hat den Norden mit voller Wucht erreicht. 

Foto: dpa/Carsten Rehder

Heute schauen vor allem die Nordlichter in Deutschland ängstlich in den Himmel. Orkantief „Xaver“ nähert sich unaufhaltsam der Küste, der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat eine Unwetterwarnung herausgegeben, für die Küstenregionen außerdem eine Sturmflutwarnung. Es drohen Windgeschwindigkeiten von gut 140 Stundenkilometern, dazu heftige Regen- und Schneefälle. In Niedersachsen und an der Westküste Schleswig-Holsteins fiel heute an etlichen Schulen der Unterricht aus. Inselfähren stellen ihren Betrieb zum großen Teil ein. Weihnachtsmärkte in Hamburg, Kiel und Lübeck bleiben geschlossen.

Auswirkungen werden bis nach Bayern zu spüren sein

„Der Sturm hat ordentlich Pfeffer. Mit Windgeschwindigkeiten von über 140 Kilometern pro Stunde sprechen wir hier von extremen Orkanböen“, sagt Jens Hoffmann vom DWD. „Für manche Regionen werden wir noch eine extreme Unwetterwarnung herausgeben.“ Die Auswirkungen von Xaver wird man bis weit ins norddeutsche Binnenland und sogar bis nach Bayern spüren können. „Es kann auch vorkommen, dass Windgeschwindigkeiten mit Stärke zehn, das sind dann mehr als 102 Kilometer pro Stunde bis nach Nordrhein-Westfalen reichen“, erklärt Hoffmann. Mit dem Höhepunkt des Sturms rechnet Hoffmann für die Nacht von Donnerstag auf Freitag. „Danach schwächt der Sturm ab, das bedeutet aber noch keine Entwarnung.“

Höchster Pegelstand wird in Hamburg erwartet

Der Schutz gegen die Sturmfluten, die Xaver in seinem windigen Gepäck mitbringt, scheint an den Küsten ausreichend zu sein. „Den höchsten Pegelstand erwarten wir in Hamburg. Dieser wird aber einen Meter unter der schweren Sturmflut von 1962 liegen“, beruhigt Sylvin Müller-Navarra vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrogeologie in Hamburg die Küsten-Anwohner. Damals war das Wasser auf 5,70 Meter über Normalnull gestiegen und hatte die Deiche überspült. Ganze Stadtteile der Hansestadt standen unter Wasser, mindestens 315 Menschen verloren ihr Leben, zehntausende wurden obdachlos.

Aus dieser Katastrophe hat die Stadt Hamburg ihre Lehren gezogen und den Küstenschutz deutlich verbessert. Die Deiche sind jetzt durchgängig bis zu einem Pegelstand von 7,30 Meter über Normalnull sicher – an manchen Stellen reicht der Schutz sogar bis zu neun Metern.

Küstenschutz an der Nordsee ist noch bis zum Jahre 2030 wirksam

Wissenschaftler vom Helmholtz-Zentrum in Geesthacht haben errechnet, dass der Küstenschutz an der Nordsee bis zum Jahre 2030 genauso wirksam ist wie heute. Bisher hat sich auch der vom Menschen verursachte Klimawandel kaum auf die Nordseesturmfluten ausgewirkt. Betrachtet man die letzten 60 Jahre, so gibt es heute in Norddeutschland zwar im Vergleich zu den 50er Jahren etwa drei bis vier zusätzliche Sturmtage. Jedoch sind diese nicht auf die Folgen menschengemachter Treibhausgasemissionen zurückzuführen, sondern natürlichen Schwankungen zuzuordnen.

An den Küsten stürmt es häufig. Analysen des Zeitraums zwischen 1980 und 2010 zeigen, dass die Norddeutschen pro Jahr rund 23 Sturmtage mit mehr als 8 Windstärken erleben. Hamburg hat fünf Sturmtage mehr zu erdulden, dort stürmt es im Mittel an 28 Tagen im Jahr. Und über Helgoland fegt der Wind sogar insgesamt fünfmal häufiger, dort stürmt es im Mittel an 126 Tagen im Jahr.

Winterstürme können bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 13 Prozent heftiger wehen

Für die Zukunft weisen Klimarechnungen allerdings darauf hin, dass Nordseestürme im Winter nicht nur häufiger sondern auch stärker werden können. Die Geschwindigkeit von Winterstürmen kann in Norddeutschland bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um bis zu 13 Prozent zunehmen. Und Sturmflutszenarien zeigen, dass Sturmflutwasserstände bis zum Ende des 21. Jahrhunderts windbedingt um bis zu 30 Zentimeter höher auflaufen können.

Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die Einfluss auf die Sturmflutwasserstände nehmen können. Da sind der regionale und lokale mittlere Meeresspiegel, der Luftdruck und die Zyklonenzuggeschwindigkeit, der Wellenauflauf, das Gezeitenregime und die küstennahe Topographie. Dazu gesellen sich noch der globale Meeresspiegelanstieg und die Windverhältnisse über der Deutschen Bucht.

Der UN Klimarat Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) erwartet bis Ende des 21. Jahrhunderts einen Meeresspiegelanstieg von etwa 20 bis 60 Zentimeter. Das bedeutet, dass sich die durchschnittliche Anstiegsrate des letzten Jahrhunderts von 20 Zentimetern verdreifachen kann, mindestens aber gleich bleibt. Dazu kommen aber noch die schwer abzuschätzenden Folgen der Schmelzprozesse in den großen Eisschilden Grönlands und der Antarktis, die den globalen Meeresspiegel zusätzlich ansteigen lassen. Insgesamt ist dann laut IPCC ein weltweiter Meeresspiegelanstieg von 20 bis 80 Zentimetern bis zum Ende des 20. Jahrhunderts plausibel.

Den Küstenbewohnern muss das Sturmrisiko bewusster gemacht werden

So können Nordseesturmfluten bis zum Ende des Jahrhunderts insgesamt etwa zwischen 30 Zentimeter und 110 Zentimeter höher auflaufen als heute. Es liegt auf der Hand, dass bis Ende des Jahrhunderts Handlungsbedarf beim Küstenschutz besteht. Vor allem muss den Küstenbewohnern das Sturmflutrisiko stärker bewusst gemacht werden, damit sie in die Lage versetzt werden, ihr Hab und Gut, vor dem Wasser der Nordsee zu verteidigen.

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden