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22.06.2012, 11:00 Uhr | 0 |

Umweltstudie Finanzkrise erschwert Weg zur CO2-freien Stadt

Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Experten schätzen, dass hier 75 % aller CO2-Emissionen entstehen. Während gewachsene Metropolen noch um geringfügige Verbesserungen der Luftqualität kämpfen, wetteifern Neubauprojekte weltweit um den Titel der ersten CO2-freien Stadt. Doch die Finanzkrise hat dem Ehrgeiz einen Dämpfer verpasst, so eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

So wenig Masdar City, Lingang New City, Freiburg oder Chicago sonst gemein haben, dies eint sie: Sie wollen eine Stadt der kurzen Wege sein. Bei den ersten beiden Orten kein Problem – sie entstehen auf dem Reißbrett. Dezentralisierte Ortskerne und Versorgungszentren, Fuß- und Radwege, ein dichtes ÖPNV-Netz. All das soll die Bewohner animieren, das Auto stehen zu lassen. In der vom MIT mitgeplanten Musterstadt von Abu Dhabi ist der gesamte Verkehr gar auf eine andere Ebene ausgelagert, um die Fußgänger nicht zu behindern.

Chicago will bis 2050 zur CO2-freien Stadt werden

Doch der Umbau im Bestand mutet noch viel ambitionierter an. Chicago etwa hat sich im „Greenhouse Gas Reduction Plan“ zum Ziel gesetzt, bis 2050 eine Zero-Emission-Stadt zu werden. Ein Teil des Plans ist, die wuchernden Vorstädte zurückzudrängen. Denn die zersiedelten, auf das Auto zugeschnittenen Wohnanlagen gelten dort als Hauptverursacher der klimaschädlichen Gase.

Verdichtete Vororte von Chicago, die zudem Kreuzungspunkte des Regionalverkehrs an Grünkorridoren sind, sollen die alten „Edge Citys“ ablösen, fordert Harald Kegler von der Uni Weimar. 23 solcher relativ eigenständiger „Intermodal Villages“ seien vorgesehen und sollen mit einer neuen Ringbahn sowie einem moderaten Highway-Ausbau miteinander und mit der Kernstadt verknüpft werden.

Freiburg setzt auf dem Weg zur CO2-freien Stadt auf Flächensparen

Flächensparen hat sich auch Freiburg auf die Fahnen geschrieben: „Der Neubau selbst klimaneutraler Städte oder Stadtteile auf der grünen Wiese verursacht baubedingt erhebliche zusätzliche CO2-Emissionen“, sagen Martin Haag und Babette Köhler vom Technischen Rathaus. Die Innenentwicklung Freiburgs habe daher konsequent Vorrang. Neue Siedlungen sollen Lücken schließen oder ältere Bausubstanz ersetzen. Trotz wachsendem Bedarf käme der neue Flächennutzungsplan so mit ca. 30 ha weniger Baufläche aus.

Eine Kooperation mit Toshiba ist die französische Metropole Lyon eingegangen. So entsteht in einem heruntergekommenen Industrie- und Hafengebiet ein modernes Viertel mit E-Carsharing und Smart Grid. Mit dem intelligenten Netz sollen die Bewohner ihren Verbrauch je nach Tages-, Wochen- und Jahreszeit optimieren und von gebündelten Dienstleistungen und Büroanwendungen profitieren. Dies wirft jedoch Fragen nach Datenschutz und Kontrolle auf.

Manchmal führt der Weg zurück zu den Wurzeln. Die Mustersiedlung Civano am Rande der Großstadt Tucson in Arizona habe weder Fahrradwege noch Windräder aufzuweisen, keine „typischen“ Öko-Merkmale also, erklärt Kegler. Doch errichtet aus Stroh und recycelten Baumaterialien in einer dem Wüstenklima angepassten Bauweise, verbrauche sie weniger als die Hälfte der üblichen Strommenge zur Kühlung. Die Hütten der Pueblo-Indianer dienten hier als Vorbild.

Reduzierter Ressourcenverbrauch ist die eine Sache. Den Energiebedarf wiederum sollen nichtfossile Rohstoffe decken. Einige Städte experimentieren auch mit der Energiegewinnung aus Meereswasser und Abwasser sowie aus industrieller Abwärme.

Hamburg etwa hat die Neubauten der Hafencity zum Anschluss an zwei Fernwärmenetze gezwungen: Befreit wurden nur Eigentümer, die einen noch niedrigeren CO2-Ausstoß nachweisen konnten. Die Fernwärmenetzbetreiber durften die Technologie frei wählen, vorausgesetzt, sie hielten die Emissionsgrenzwerte ein, beschreibt Maja Berghausen vom Amt für Landes- und Landschaftsplanung der Hansestadt. Dezentrale Elemente sollen die Versorgung ergänzen: etwa eine Biomethanbrennstoffzelle, Solarthermie, eine Holzabfall-Verbrennungsanlage und Wärmepumpen, die das Elbwasser nutzen.

Hamburg profitiert durch den Bau hocheffizienter Wohngebäude und die Sanierung im Bestand. Berghausen: „Die Förderzuschüsse, vor allem im Bereich der energetischen Modernisierung, lösen durchschnittlich eine achtfach höhere Gesamtinvestition aus, wodurch eine entsprechend große Nachfrage bei der Hamburger Bauwirtschaft entsteht.“

Doch die CO2-freie Stadt findet ihre Grenzen; die aber liegen nicht im technisch Machbaren. Von Masdar City stehen bisher nur die Gebäude eines wissenschaftlichen Instituts samt Hotel und Kongresszentrum. Die Finanzkrise hat dem Projekt einen Dämpfer verpasst. In Civano stockt die Vermarktung der Häuser seit der Immobilienkrise. Ein Managementwechsel soll zu Abstrichen bei der gestalterischen und ökologischen Qualität geführt haben.

In Lingang New City, einer Satellitenstadt von Shanghai, leben bereits über 50 000 Personen. Bis zu 400 000 sind vorgesehen. Das chinesische „Low-Carbon“-Projekt mit WWF-Siegel wird noch hauptsächlich über Kohle und Kernkraft mit Elektrizität versorgt. Auch wurde die Idee verworfen, Autos am Stadtrand parken zu lassen: Zu sehr schreckte das die urbane Mittelschicht ab, für die der eigene Wagen ein Statussymbol ist.

Die CO2-freie Stadt wird nur Wirklichkeit, wenn die Bürger mitmachen

Ohne den Bürger geht es nicht, schlussfolgern auch die Experten der Studie. „Die Industrie kann Angebote machen, die Politik Vorschriften erlassen oder Anreize schaffen, aber es ist letztendlich der Einzelne, der mitmachen muss.“ Noch sind die Energiepreise zu niedrig und der Klimawandel zu wenig spürbar, um lieb gewonnene Lebensstile infrage zu stellen.

Von Mathilda Jordanova-Duda | Präsentiert von VDI Logo
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