26.07.2013, 12:04 Uhr | 0 |

Freisetzung von Methan kostet Die Arktisschmelze wird richtig teuer

Diese Zahl lässt aufhorchen: 45.000 Milliarden Euro kostet es die Weltengemeinschaft, wenn aus den flachen Meeren vor der Küste Sibiriens in einem Zeitraum von zehn Jahren 50 Gigatonnen Methan in die Atmosphäre entweichen. Das entspricht fast der gesamten Jahres-Weltwirtschaftsleistung.

Eisschmelze
Á

Der Eispanzer der Arktis: Experten befürchten, dass durch die Schmelze riesige Mengen Methangas freigesetzt werden – was die Erderwärmung weiter beschleunigen würde.

Foto: dpa

Tick, Tick, Tick: Unaufhörlich tickt die Zeitbombe, die niemand sehen kann. Sie tickt in der Arktis und heißt Methan. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gail Whiteman von der Erasmus-Universität in Rotterdam hat zusammen mit ihren Kollegen Chris Hope und Peter Wadhams von der Universität Cambridge in Großbritannien im Fachmagazin „Nature“ einen Artikel veröffentlicht, der vorrechnet, welche wirtschaftlichen Folgen die Freisetzung von 50 Gigatonnen Methan vor der Küste Sibiriens über einen Zeitraum von zehn Jahren hätte. Das Ergebnis: 45.000 Milliarden Euro. Ironischerweise entspricht das fast genau der gesamten Weltwirtschaftsleistung eines Jahres.

„Unsichtbare Zeitbombe“

„Das ist eine unsichtbare Zeitbombe“, warnt Whiteman. Denn wenn man die Folgen einkalkuliere – Überschwemmungen, Dürren, Unwetter und die Schwächung der Produktivität – dann ergebe sich ein Schaden von 45.000 Milliarden Euro. Die den Berechnungen zugrunde liegende Methan-Menge von 50 Gigatonnen ist sicher nicht zu hoch gegriffen. Sie entspricht zehn Prozent der gesamten Methangasmenge, die in der sibirischen Kontinentalpatte vermutet werden.

Bisher liegt dieses Methan in den flachen Meeren vor Russlands Küsten als sogenanntes Gashydrat am Ozeanboden. Dieses Gemisch aus Eis und Methan, zersetzt sich im wärmer werdenden Ozean und steigt blubbernd nach oben, wo das Methan in die Atmosphäre gelangt. Schon vor fünf Jahren haben russische Forscher vor diesem Prozess gewarnt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das Entweichen von 50 Gigatonnen „sehr wahrscheinlich“ sei.

Ergänzung zum „Stern-Report“ aus dem Jahre 2006

Die Forscher um Gail Whiteman benutzten für ihre Berechnungen das Modell Page 09, welches eine Fortentwicklung des Rechenmodells ist, mit dem der britische Ökonom Nicholas Stern 2006 im Auftrag der britischen Regierung die Kosten des Klimawandels beziffert hatte. Dieser „Stern-Report“ sorgte damals für weltweite Schlagzeilen, obwohl er die Folgen der jetzt betrachteten Methanfreisetzung nicht einmal mit einkalkuliert hatte.

Gail Whiteman sagt, sie haben das Rechenmodell Page 09 mehr als 10.000 Mal durchlaufen lassen, um die Kosten der Methanfreisetzung zu erfassen. Dabei spielt der zeitliche Rahmen der Methanfreisetzung so gut wie überhaupt keine Rolle. Ob das Treibhausgas in den Szenarien sofort oder erst in 20 Jahren freigesetzt wird, ob es womöglich etwas langsamer entweicht – all das hatte kaum Einfluss auf das Ergebnis: „Es macht keinen großen Unterschied“, so Whiteman. Dieses Ergebnis ist vor allem deshalb beunruhigend, weil die Freisetzung des Methangases bereits eingesetzt hat. Nicht im Rechenmodell, sondern in der Wirklichkeit.

Schon 2035 zwei Grad wärmer

Wenn es wirklich zur Freisetzung von 50 Gigatonnen Methan aus dem schmelzenden Packeis Sibiriens kommt, „dann schmilzt die Zeitspanne, bis die globale Temperaturerwärmung die zwei Grad überschreitet, auf 15 bis 35 Jahre zusammen“, erklärt Chris Hope. Die zwei Grad sind in dem Szenario des „weiter so“, des „business as usual“, im Jahre 2035 geknackt. Im Szenario „weniger Emissionen“, „low emission case“ genannt, dauert es bis zum Jahre 2040.

Die schwindelerregenden Kosten, die das Modell im Falle der Methangas-Freisetzung ausspuckt betreffen alle Länder. Doch wie schon häufiger im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung gibt es keine Verteilungsgerechtigkeit: „Den größten Teil werden die Entwicklungsländer schultern müssen“, sagt Whiteman. Der Nature-Artikel nennt eine Zahl: 80 Prozent dieser 45.000 Milliarden Euro belasten die Entwicklungsländer, also die ärmeren Staaten in Afrika, Asien und Südamerika.

Gail Whiteman vertritt die Meinung, dass für die Diskussion über die Folgen der globalen Erwärmung belastbare Zahlen auf den Tisch müssen, vor allem, damit Wirtschaftsvertreter verstehen, was im hohen Norden auf dem Spiel steht. „‘Schlechte Nachrichten für den Eisbär‘ – so etwas funktioniert nicht, wenn ich mit CEO’s spreche“, sagt sie. Das sei ihr klar geworden, als sie vor drei Jahren mit Geschäftsleuten in der kanadischen Arktis unterwegs war.

Eisschmelze in der Arktis hat wenige ökonomische Vorteile – aber viele Nachteile

Wirtschaftsvertreter sehen im Tauwetter in der Arktis zunächst einen günstigen Zugang zu neuen Öl- und Gasvorkommen. Das macht die Arktis für sie zu einem attraktiven Ziel. Die Versicherungsfirma Lloyd’s of London schätzt zum Beispiel, dass in den kommenden zehn Jahren rund 100 Milliarden Dollar  im hohen Norden investiert werden, um dort dessen Rohstoff-Schätze zu bergen. „Das Schmelzen des Eises verursacht einen Ansturm auf genau die fossilen Brennstoffe, die das Schmelzen überhaupt erst angetrieben haben“, sagt Achim Steiner, Chef der UN-Umweltorganisation United Nations Environment Programme (UNEP) mit Sitz in Kairo.

Auch Logistikkonzerne sind vom schwindenden arktischen Eispanzer begeistert, eröffnet dieser Schmelzprozess doch neue Schiffsrouten durch den hohen Norden. 218 Kapitäne haben dieses Jahr schon die Genehmigung für eine Abkürzung entlang der russischen Küste beantragt.

Ganze Rechnung des Klimawandels liegt noch gar nicht vor

Doch den wenigen wirtschaftlichen Vorteilen des schmelzenden Eispanzers in der Arktis stehen offenbar horrende wirtschaftliche Nachteile gegenüber, die die ganze Welt treffen. Und die jetzt berechnete Zahl einer Jahres-Weltwirtschaftsleistung resultiert ausschließlich aus den Folgen der Freisetzung von 50 Gigatonnen Methan aus der Arktis. Die Gesamtkosten des Klimawandels sind wesentlich höher. Denn die Versauerung der Ozeane durch das Kohlendioxid, die Folgen der steigenden Meeresspiegel oder der tauende Permafrostboden an Land, all diese wichtigen Folgen der globalen Erwärmung haben Gail Whiteman und ihre Kollegen gar nicht berücksichtigt.

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden