03.05.2014, 12:00 Uhr | 1 |

Erste systematische Studie in Europa 600 Bilder und Videos ausgewertet: Meere verkommen zur Müllhalde

Das Müllaufkommen in den Meeren ist erschreckend: Plastiktüten, Zahnbürsten, Telefonhörer und Fischernetze treiben noch tausende Kilometer entfernt von den Küsten auf dem Wasser. Aber auch auf dem Tiefseeboden hat sich bereits jede Menge abgelagert. Sogar die Forscher der ersten systematischen Studie in Europa waren überrascht vom Ausmaß des von ihnen gefundenen Abfalls.

Müll aus dem Meer
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Nach einer neuen Studie ist der Meeresboden teilweise so unsauber wie stark vermüllte Strände.

Foto: Greenpeace/Alex Hofforf

Dass der Zivilisationsmist die Meere verdreckt, ist lange bekannt. Doch fehlte bisher eine systematische Erfassung. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat nun erstaunliche Ergebnisse vorgelegt: „Wir haben nicht erwartet, dass der Müll so weit verbreitet ist“, stellte der Meeresforscher Christopher Pham von der Universität der Azoren fest. Er leitete die Studie, die jetzt im Fachjournal „PLoS One“ veröffentlicht wurde.

Teilweise sei der Meeresboden so unsauber wie stark vermüllte Strände. Der Unrat liegt nicht nur 2000 Kilometer vom Land entfernt, sondern hat sich sogar in 4500 Metern Tiefe ausgebreitet.  „Der größte Teil der Tiefsee ist vom Menschen noch unerforscht, und viele Stellen haben wir zum ersten Mal besucht. Wir waren schockiert zu sehen, dass unser Müll schon vor uns da war", erklärte die Forscherin Kerry Howell von der Universität Plymouth in Großbritannien.

600 Bild- und Videoaufzeichnungen ausgewertet

Dabei könnte es sich den Ergebnissen zufolge sogar nur um die Spitze des Eisbergs handeln: „Höchstwahrscheinlich unterschätzen wir noch immer das Problem", fügte der Meeresbiologe Pham hinzu. Denn die Forscher haben nur einen Teil des Meeres begutachtet. Gut zehn Jahre haben sie  den Atlantik, den arktischen Ozean und das Mittelmeer durchforstet und dabei 600 Bild- und Videoaufzeichnungen ausgewertet.  An der Studie beteiligt waren auch das Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven und die Jacobs Universität Bremen.

Überwiegend Plastik- und Fischereimüll

Den Großteil des gefundenen menschlichen Abfalls macht mit 41 Prozent Plastik aus, darunter  viele Plastikflaschen und -tüten wie sie täglich überall benutzt werden. Allein jeder Deutsche verbraucht rund 70 Plastiktüten im Jahr. Fischereimüll wie Netze und Leinen macht ein Drittel des Mülls im Meer aus. Dann kommen noch Glas, Metall, Holz, Papier, Keramik hinzu und vieles, was sich nicht mehr zuordnen lässt. Etliches davon schwemmt über Flüsse und Küstenabwässer ein, wird über Bord geworfen oder verteilt sich bei Schiffsunglücken im Wasser.

Am stärksten vermüllt sind die Untersee-Gräben wie beispielsweise der Lisbon Canyon vor der Küste Portugals. Die Gräben verbinden oft die flachen Küstengewässer mit der Tiefsee. Wahrscheinlich fließt der Müll durch sie hindurch und gelangt von dort aus in tiefere und weiter abgelegene Regionen. Abfall in großen Mengen sammelt sich außerdem in der Nähe von großen Städten an und in dicht besiedelten Landstrichen.

Fatal für Mensch und Tier: Plastik mit giftigen Stoffen

Die Vermüllung hat extreme Folgen. Besonders gefährlich für Mensch und Tier ist der Plastikabfall, der Jahrhunderte überdauern kann. Nicht nur dass viele Lebewesen wie Schildkröten kleinere Plastikteile mit Futter verwechseln und daran zugrunde gehen. Manche Kunststoffmischungen enthalten tödliche Gifte wie PCB und Dioxine. Die zerreiben sich nach und nach im Wasser zu immer kleineren Teilen. Was fatal ist, denn diese Partikel führen wahrscheinlich erst recht zu weiteren ökologischen Problemen: Über die millimeterkleinen Teilchen können die Gifte in den Nahrungskreislauf gelangen und landen am Ende beim Menschen. In einigen Nordsee-Fischen und Langusten konnte bereits Mikroplastik nachgewiesen werden.

Aufräumen kann man das Meer nicht

Nach Angaben der Vereinten Nationen kommen weltweit jedes Jahr rund 6,4 Millionen Tonnen Müll neu im Meer hinzu. Demnach könnten sich dort insgesamt bereits 142 Millionen Tonnen Plastikabfall angesammelt haben. Die Lösung des Problems wäre einfach, wenn man das Meer  aufräumen könnte. Geht aber nicht aus praktischen und finanziellen Gründen. Deshalb ist  Mäßigung angesagt. Von der EU angedacht ist die Plastikflut beispielsweise mit Abgaben, Steuern oder Verboten einzudämmen. Außerdem kann jeder Verbraucher in Eigeninitiative etwas tun: Zumindest beim Einkauf statt Einwegtüten Stofftaschen benutzen. Funktionierte früher mal ganz gut.

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Von Lisa von Prondzinski
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kommentare
04.05.2014, 13:10 Uhr Progetti
Große Schiffe sollten den Plastikmüll zu Treibstoff umformen können: Wasser wird vorne eingesaugt, geht durch ein rotierendes Fünf- Stufen- Sieb, womit das Plastik eingefangen und oben abgestreift wird. Dann wird es verdichtet zwischengelagert und später zu Treibstoff umgeformt. Das eingesaugte Wasser wird hinten durch Jet- Düsen ausgestossen und treibt das Schiff an. So könnte sich der Betreiber Geld ersparen und kommt keinesfalls in Versuchung, anfallenden Müll ins Meer zu verklappen.
Schwimmende Urlaubsinseln könnten stationär durch Robot- Systeme Plastik vom Meeresgrund holen, Energie gewinnen, anfallenden Müll selbst verwerten und so das nützliche mit dem Angenehmen verbinden.

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