25.06.2013, 15:30 Uhr | 0 |

Facebook-Reader Zuckerberg will Zeitung machen

Facebook arbeitet an einer eigenen Zeitung. Der einfach nur Reader genannte Dienst soll personalisierte Nachrichten mit trendigen Informationen zu einem eigenen attraktiven Leseangebot bündeln. Das Ziel ist klar definiert: Es gilt, die Nutzer so lange wie möglich im Facebook-Universum zu halten.

Facebook macht derzeit wegen einer Datenpanne und eines geplanten Readers von sich reden.
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Durch eine Software-Panne bei Facebook sind Kontaktdaten von schätzungsweise sechs Millionen Mitgliedern an andere Nutzer des Online-Netzwerks weitergegeben worden. Es handele sich um E-Mail-Adressen und Telefonnummern, teilte Facebook mit. 

Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Sie brodelt mal wieder ordentlich, die Gerüchteküche um Facebook, dem mit mehr als eine Milliarde Nutzer größtem sozialem Netz der Welt. Jetzt ist durchgesickert, dass Facebook einen eigenen News-Reader plant. Vorbild für den einfach nur Reader genannten Dienst, ist Flipboard, eine Nachrichten-App für Android und Apple iOS. Nur besser soll er werden, der Reader. Facebook-Chef und Gründer Mark Zuckerberg sagt, dass sein Netzwerk „die beste personalisierte Zeitung der Welt“ werden soll. Und so will Facebook all die Nachrichten, die seine Nutzer auf der Seite posten, bündeln und als Zeitung zum Blättern auf die mobilen Endgeräte bringen.

Mehr als eine Milliarde Nutzer produzieren Inhalte völlig umsonst

Seit einem Jahr werkeln Techniker bei Facebook an dem Reader, der die Nachrichten der persönlichen Facebook-Freunde eines jeden Nutzers mit Nachrichten aus verschiedenen Medien in einem neuen Format kombiniert. Das Potential eines solchen personalisierten Readers ist enorm, schon allein deshalb, weil die über eine Milliarde Nutzer die meisten Inhalte dieses Readers von ganz alleine und völlig umsonst produzieren. Facebook-Nutzer zeichnen sich dadurch aus, dass sie viel von sich mitzuteilen haben.

Der neue Dienst passt auch in die Konzeption von Facebook Home, der App-Sammlung, die sich mit einer eigenen Oberfläche über Android legt. Der Reader würde Facebook Home optimal ergänzen und die Nutzer bleiben noch länger in der Facebook-Umgebung, in der sie mit schöner Regelmäßigkeit bezahlte Werbung präsentiert bekommen. Zuckerberg hat seit seinem spektakulären Börsengang im vergangenen Jahr auch ein wenig Druck. Die Facebook-Aktie hat bisher nicht einmal ansatzweise Fahrt aufgenommen und dümpelt derzeit bei 18,40 Euro vor sich hin – und damit ein gutes Drittel unter dem Ausgabepreis.

Facebook macht ein Drittel seines Umsatzes mit mobilen Diensten

Daran könnte ein in Facebook Home eingebetteter Reader etwas ändern. Denn es ist die bezahlte Werbung, über die Facebook Geld und damit Gewinn generiert. Derzeit macht Facebook ein Drittel seines Umsatzes mit mobilen Diensten. Im Facebook-Kosmos ist die Verweildauer die Währung, bei der jede Sekunde zählt. Nur solange ein Nutzer sich in der Facebook-Umgebung aufhält, kann er mit bezahlter Werbung bespielt werden.

Allerdings ist Facebook nicht allein im Nachrichtengeschäft unterwegs. Im Gegenteil: Twitter und Linkedin haben ihre eigenen Nachrichtendienste bereits aggressiv vorangetrieben. Linkedin, ein soziales Netz mit vornehmlich geschäftlicher Ausrichtung, hat rund 90 Millionen US-Dollar in die Hand genommen, um vor einiger Zeit Pulse zu kaufen, einen mobilen Newsreader wie Flipboard. Linkedin möchte nach eigenen Angaben die „maßgebliche professionelle Veröffentlichungsplattform“ werden. „Die Option, die Plattform zu besitzen, auf die die Nutzer gehen, um längere Stücke zu lesen, ist eine sehr große Gelegenheit, vor allem, wenn  es um Werbung geht“, sagt Josh Elman, Wagniskapitalgeber bei Greylock Partners, der zuvor an Produkten für Facebook und Twitter gearbeitet hat.

Flipboard hat bereits über 50 Millionen Nutzer

Das Vorbild für den Reader, die Nachrichten-App Flipboard, zählt inzwischen bereits über 50 Millionen Nutzer. Diese kann Zuckerberg nur schwer in den Facebook-Kosmos hinüberziehen. „Es gibt etliche Dinge, die Menschen anders als vor Jahren inzwischen auf Facebook machen“, meint etwa Nate Elliot, Analyst bei Forrester. „Aber ich glaube, es wird sehr schwer werden“, die Menschen dazu zu bringen, Facebook als wesentliche Nachrichtenquelle zu sehen.

Zuckerberg selbst verfolgt die Entwicklung des Readers sehr genau, hat sich die verschiedenen Entwicklungsstufen immer wieder erklären lassen und seine eigenen Ideen beigesteuert. Der Reader ist auch ein Indiz dafür, dass sich das Selbstverständnis des sozialen Netzwerkes verändert. Bei der Gründung von Facebook im Jahre 2004 ging es Mark Zuckerberg darum, eine Plattform zu schaffen, auf der sich College-Schüler mit ihren Freunden und Kommilitonen austauschen können. Auch heute steht bei Facebook im Vordergrund, über Fotos und Postings mit Freunden oder der Familie in Verbindung zu bleiben. Doch in jüngster Zeit versucht das Unternehmen sich zu einer Plattform zu wandeln, auf der ständig Neues entdeckt werden kann, auf der man in Echtzeit Veranstaltungen verfolgen oder mit anderen Nutzern Gespräche führen kann.

Apple-Designer ins Facebook-Boot geholt

Zuckerberg hängt seinen Reader ziemlich hoch. Er hat für das Projekt Mike Matas als führenden Designer ins Boot geholt. Matas ist einer der Designer der originalen Benutzeroberfläche von iPhone und iPad. Der Facebook-Gründer weicht mit der Entwicklung des Readers von seinem Mantra „Bewege dich schnell und bringe Dinge voran“ ab und lässt dem Entwicklerteam um Matas viel Zeit. Es gilt, das Leseerlebnis sowohl auf dem Smartphone als auch auf dem Tablet zu optimieren. Alles vereint unter dem Ziel, den Leser so lange es geht, in der Facebook-Umgebung zu halten.

Es ist vielleicht auch gut so, das Zuckerberg-Mantra zu überdenken und sich etwas mehr Zeit zu nehmen. Denn ein Reader, der personalisierte Nachrichten mit trendigen Meldungen vermischt und zu einem attraktiven Leseangebot bündelt, kann schnell zu einem geöffneten Scheunentor für sensible, nicht für die Öffentlichkeit bestimme Informationen werden.

Sicherheitspanne: Sechs Millionen Nutzer betroffen

Ganz ohne Reader, einfach nur bei Facebook ist das am vergangenen Freitag sechs Millionen Nutzern passiert. Durch eine Sicherheitspanne in der Facebook-Datenbank sind private Informationen von sechs Millionen Facebook-Nutzern ungewollt verbreitet worden. Freunde der Betroffenen oder deren Bekannte konnten zeitweise Email-Adressen und Telefonnummern einsehen, die nicht für ihre Augen bestimmt waren.

Es geschah beim optionalen Herunterladen der eigenen Nutzerdaten, sozusagen dem digitalen Fingerabdruck bei Facebook. Bedingt durch einen Softwarefehler hätten Nutzer zusätzliche Email-Adressen oder Telefonnummern von ihren Kontakten oder Menschen erhalten können, mit denen sie eine Verbindung hätten, teilte Facebook mit und nannte den Vorfall „ärgerlich und peinlich“. Das kann man so sehen.

Das Problem ist die immer weiter wachsende Komplexität der Anwendungen, die ein ständiges Synchronisieren der Smartphone- und Tablet-Kontakte mit der internen Facebook-Datenbank verlangt. Genau bei diesem Prozess schlich sich ein Fehler ein und es wurden Kontakte übertragen, die eigentlich nicht zugänglich sein sollten. Facebook hat den sechs Millionen Nutzern, mit deren Daten Missbrauch betrieben worden ist, per E-Mail auf die Panne hingewiesen und den Fehler inzwischen behoben. Getreu dem Zuckerberg-Mantra „Bewege dich schnell und bringe Dinge voran“.

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Von Detlef Stoller
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