09.11.2017, 07:52 Uhr | 0 |

DE-CIX in Frankfurt a.M. Zu Besuch beim größten Internetknoten der Welt

Aus allen Richtungen strömt der Verkehr nach Frankfurt. Die Rede ist jedoch nicht vom Flughafen, sondern von DE-CIX, dem größten Internetknoten der Welt. Viele Telekommunikationsanbieter tauschen hier ihre Daten aus. Das war nicht immer so. 

DE-CIX Patchpanel
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Foto: DE-CIX Management GmbH

Es war eine Weltreise von Wiesbaden nach Mainz. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn Nutzer in den Anfangsjahren des Internets eine Webseite anklickten, musste der Telekommunikationsanbieter die Anfrage erst einmal in die USA schicken. Dort wurde sie an den Provider des Seitenbetreibers übergeben. Selbst wenn der Nutzer in Wiesbaden saß und die Webseite, die er aufrief, nur wenige Kilometer weiter gehostet wurde. Das so genannte Peering war damals nicht nur umständlich, sondern auch teuer.

Beim Peering geht es darum, dass zwei Netzwerke ihre Daten direkt in einem Rechenzentrum austauschen: etwa der Internetanbieter Telekom, bei dem der Nutzer seinen Anschluss hat, mit Vodafone, bei dem der Seitenbetreiber seinen Anschluss hat.

Wie alles begann im Fernmeldezentrum…

Also haben sich 1995 verschiedene Internetprovider zusammengetan, und selbst einen Knoten gegründet. Im ehemaligen Fernmeldezentrum in Frankfurt, dort wo früher die Telexe, also Fernschreiben, ankamen. Es gab nur ein Problem: Wer sollte den Knoten betreiben? Immerhin waren die Gründungsmitglieder allesamt Wettbewerber. Keiner von ihnen sollte alleine die Hoheit erhalten. Sie einigten sich schließlich auf den neu gegründeten Internetverband eco, bzw. auf die eco-Tochter DE-CIX Management GmbH als neutrale Instanz. Mittlerweile betreiben selbst Provider aus Russland und den GUS-Staaten ihr Peering über Frankfurt.

Die Rechenzentren machten Frankfurt attraktiv

Aber wieso gingen die Anbieter gerade nach Frankfurt, wo schon damals die Mieten recht hoch waren? Und nicht etwa in das benachbarte Offenbach? „Aufgrund des internationalen Flughafens und der Banken gab es hier schon relativ früh Rechenzentren“, erklärt, Thomas King, Chief Innovation Officer der DE-CIX GmbH. Und die sind nun einmal unabdingbar für das Peering. „Natürlich wirken sich die hohen Immobilienpreise ein Stück weit auf die Mieten aus. Aber glücklicherweise liegen die meisten Rechenzentren in Industriegebieten, wo die Mietkosten nicht ganz so hoch sind“, so der Wirtschaftsinformatiker. 

Noch heute betreibt DE-CIX seine Rechenzentren nicht selbst, sondern mietet sich mit seiner technischen Plattform ein. Wenn eines der Geräte ausfällt, schicken sie natürlich nicht schnell mal jemanden zu Media Markt. „Unsere Peeringinfrastrukur beziehen wir direkt vom Hersteller. Wenn eine Komponente ausfällt, liefert er innerhalb von 4 Stunden einen Ersatz“, sagt King. Der Kunde soll ja nichts vom Ausfall merken. Aus diesem Grund ist die Technik mehrfach redundant ausgelegt, d.h. jedes Peering findet auf mehreren Routern gleichzeitig statt. In einem Nebenraum des Hauptquartiers im Frankfurter Ostend überwacht ein Kollege die Leitungen, durch die der Datenverkehr strömt. Sobald es eng wird – und das kann passieren bei einem Datendurchsatz von 5,9 Terabit pro Sekunde, der aktuellen Rekordmarke, die zur Vorstellung der neuen Apple-Produkte im September erreicht wurde – schaltet er einen Teil des Verkehrs auf eine weniger stark frequentierte Leitung um.

DDoS-Attacken landen im schwarzen Loch

Mitunter bombardieren auch Cyberkriminelle Webseiten mit Anfragen. Sinn und Zweck dieser so genannten DDoS-Attacken ist es, den Server in die Knie zu zwingen, so dass das Unternehmen nicht mehr erreichbar ist. „Ein spezielles Programm identifiziert diese Anfragen anhand bestimmter Merkmale als Teil der DDoS-Attacke. Die Daten, die zur DDos-Attacke gehören,werden dann markiert, an der DE-CIX-Plattform gestoppt,aus dem Netz ausgefiltert und vernichtet. Man spricht hier von Blackholing, weil die Anfragen sozusagen in einem schwarzen Loch verschwinden“, erklärt King. Solche Attacken passieren recht häufig.

Im Rahmen einer Forschungsarbeit hat Anja Feldmann, Professorin des Fachgebiets Internet Network Architectures der TU Berlin, festgestellt, dass bei DE-CIX in Frankfurt innerhalb von drei Monate fast 8.000 solcher Blackholing-Aktionen durchgeführt wurden. Kein Wunder: DDoS-Attacken gibt es mittlerweile für kleines Geld im so genannten Darknet als Dienstleistung zu kaufen. Und viele der Anfragen stammen von Rechnern, bzw. von Geräten aus Smart-Home-Umgebungen, die von Cyberkriminellen gekapert und zu diesem Zweck missbraucht werden. Wie sicher das Smart Home ist und was Besitzer tun können, lesen Sie hier.

Internetknoten DE-CIX im Visier von Terroristen?

Auch für Terroristen wäre der DE-CIX-Knoten ein lohnendes Anschlagsziel. Ist es daher nicht riskant, diese wichtige Infrastruktur an einen Standort zu konzentrieren? King winkt ab. Einen Terroranschlag fürchtet er weniger. Er hält es für wahrscheinlicher, dass es in dem Rechenzentrum zu einem Brand kommen könnte, etwa durch einen Kurzschluss oder andere Gründe.

Für diesen immer noch recht unwahrscheinlichen Fall sind die Router auf 21 Rechenzentren über ganz Frankfurt verteilt. An die Rechenzentren selbst stellt das Unternehmen strenge Auflagen zum Beispiel auf Basis der Sicherheitsvorgaben von ISO-27001. So müssen sie unter anderem über zwei unabhängige Stromversorgungsquellen verfügen und strikte Einlasskontrollen durchführen.

Mit dem iPhone kam der erste große Peak

Seit das Unternehmen 1995 in das schon zum Abbruch freigegebenen Gebäude des Fernmeldezentrums  einzog, hat sich natürlich einiges getan: Cloudcomputing, Internetradio und nicht zuletzt der Siegeszug der Smartphones haben den Datenverkehr in immer neue Höhen getrieben.

Zwischen 2007 und 2008 ging es besonders hoch her. Es war die Zeit als das erste iPhone auf den Markt kam. Damals, so erinnert sich der Wirtschaftsinformatiker, ist der Datendurchsatz um 100 Prozent gewachsen – in einem Jahr. Seit etwa vier Jahren hat sich das Wachstum ein wenig verlangsamt, auf etwa 30% pro Jahr. Aber King und seine Kollegen rechnen schon mit einem weiteren Höhenrekord. Grundsätzlich, „weil immer mehr Nutzer 4k-Videos über beispielsweise Smartphones oder Tablets schauen“. Und ganz speziell zur Veröffentlichung des iOS-11-Updates, bei dem die 6-Terabit-Marke fallen soll.

Planen für den nächsten Höhepunkt

Um für das nächste große Ding gewappnet zu sein, wurde vor einiger Zeit die Research-Abteilung gegründet. Hier überlegen vier Reseacher, wie die Welt in fünf Jahren aussehen könnte. Und welche Folgen diese Entwicklungen für ihren Arbeitgeber und für das Internet an sich haben könnten. Damit engagieren sie sich auch in der Internet Engineering Task Force, einem internationalen Gremium, das an der Weiterentwicklung und Standardisierung des Internets arbeitet.

Aktuell befassen sich die Researcher mit dem Internet der Dinge. Der eco-Verband geht im Zuge der Vernetzung von einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum an Datenmengen von etwa 19% in den nächsten fünf Jahren aus. Denn wenn alle möglichen Gegenstände, von der Stanzmaschine über das Werkstück bis hin zur Verpackung anfangen, miteinander zu kommunizieren, wird das das Datenvolumen auf ein neues Rekordhoch treiben. Mal wieder. Bis zum nächsten Höchstwert.

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Von Sabine Philipp
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