24.04.2014, 16:31 Uhr | 0 |

Netzgemeinde ist empört Geschwindigkeit gegen Geld: USA beenden Netzneutralität

Die Netzneutralität im Internet wird schon bald Geschichte sein. Die US-Regulierungsbehörde FCC will es amerikanischen Internet-Providern künftig erlauben, Kunden gegen Geld eine schnellere Datenübertragung anzubieten. Das verzerrt den Onlinewettbewerb, wütet die empörte Netzgemeinde.

Von links nach rechts: Ajit Pai, Mignon Clyburn, Tom Wheeler, Jessica Rosenworcel und Michael O’Rielly.
Á

Die US-amerikanische Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC) will heute ihre neuen Regeln für die Neuordnung des Internets vorstellen. Von links nach rechts: Ajit Pai, Mignon Clyburn, Tom Wheeler, Jessica Rosenworcel und Michael O’Rielly.

Foto: Federal Communications Commission

Was war die Aufregung in der deutschen Internetgemeinde groß, als die Deutsche Telekom vor rund einem Jahr ankündigte, künftig in die Verträge von Neukunden eine Datendrosselung hineinzuschreiben. Sofort hatte die Telekom ihren Spottnamen weg: als Drosselkom wurde sie beschimpft. Nun bereitet die USA offenbar das Zwei-Klassen-Internet vor. Die US-amerikanische Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC) will es künftig Internet-Providern erlauben, für die Priorisierung der Datenpakete Geld zu verlangen.

Die genauen Regeln will die FCC am heutigen Donnerstag vorstellen. Die Behörde führt Qualitätsgründe für ihre radikale Neuordnung des Internets an. Anbieter von Internetinhalten sollen ihre Dienste mit garantierter Qualität zum Kunden bringen können. Am 15. Mai schon will die FCC die neuen Regeln formell verabschieden.

Netzneutralität in den USA droht zu kippen

Die Netzaktivisten sind empört über die FCC. „Das ist keine Netzneutralität“, sagte Michael Weinberg, Vizepräsident der Forschungs- und Software-Entwicklungsinitiative Public Knowledge Project. „Die FCC lädt die Internet-Provider dazu ein, über Gewinner und Verlierer im Online-Wettbewerb zu entscheiden. Dieser neue Standard erlaubt den Internetprovidern, einen neuen Eintrittspreis für Innovationen im Netz zu verlangen.“

Unternehmen wie Disney, Netflix oder Googles Videoplattform YouTube sollen Netzprovidern wie Comcast, AT&T oder Verizon künftig Geld dafür bezahlen, wenn diese Videos oder andere Inhalte auf schnelleren Leitungen übertragen. Die neuen FCC-Regeln sollen nur für die sogenannte letzte Meile des Netzes zu den US-Haushalten gelten, auf denen bisher alle Daten gleich behandelt werden müssen. Erlaubt die FCC jetzt für diese letzte Meile eine Art Überholspur, so kippt damit die Netzneutralität in den USA.

Mit Netzneutralität ist gemeint, dass alle Datenpakete im Internet gleich behandelt werden. Bei ihrem Transport durch das weltweite Netz spielen Inhalt, Dienst, Anwendung, Herkunft oder Ziel keine Rolle. Dieses Prinzip der diskriminierungsfreien Übermittlung heißt Best-Effort und ist Netzaktivisten immens wichtig. Denn es garantiert, dass Jeder die bestmögliche Bandbreite bekommt.

Netzneutralität war lange Zeit technologische Notwendigkeit

Was wie eine urdemokratische Idee anmutet, war lange Zeit im Netz eine schlichte technische Notwendigkeit. Es ging darum, die ursprünglich wenigen Leitungen so gut wie irgend möglich auszulasten. Daher wurden und werden alle zu übertragenden Daten in kleine Datenpakete zerhackt und über verschiedene Wege geschickt.

Es ist im Internet also grundsätzlich anders, als zum Beispiel beim Telefon, wo eine Leitung für eine konkrete Kommunikation reserviert ist. Alle Informationen, die im Netz kursieren, sind in solche kleine Datenpakete zerhackt, die erst beim Empfänger wieder zum großen Ganzen zusammengesetzt werden. Das gilt für E-Mails, Bilder, Videos und Texte.

Á

Die diskriminierungsfreie Datenübermittlung im Internet steht kurz vor dem Aus. Unternehmen wie das Internet-Videoportal YouTube können in den USA zukünftig gegen Geld eine schnellere Datenübertragung einkaufen. 

Foto: dpa/Britta Pedersen

Bisher werden alle Datenpakete mit der gleichen Priorität behandelt und in der Reihenfolge abgearbeitet, in der sie ankommen. Dieses Prinzip nennt man First-In/First-Out-Prinzip: Niemand kann sich vordrängeln oder gar eine Leitung fest nur für sich reservieren. Die verfügbare Bandbreite soll allen Menschen im Netz so gut wie möglich dienen. Jeder kann alles im Netz verfügbare nutzen, ohne Einschränkungen.

Die neuen Regeln des FCC würden es hingegen zum Beispiel erlauben, dass Provider ihren Kunden gegen Gebühr einen Netzzugang einrichten, bei dem E-Mails unbeschränkt und kostenlos sind, Videos aber gesondert bezahlt werden müssten. Firmen haben naturgemäß an einem solchen Modell ein großes Interesse, verspricht es ihnen doch größere Gewinne. Für Nutzer hingegen bedeutet ein solches Modell eine eingeschränkte Freiheit im Netz.

Bisher hatte FCC kostenpflichtige Überholspur auf der Datenautobahn abgelehnt

Die jetzt vorgeschlagenen Regeln gelten als Kompromiss. Denn im Januar hatte ein US-Berufungsgericht entschieden, dass die Regulierungsbehörde nicht genügend Rechte besitzt, Netzneutralität für DSL-Anschlüsse durchzusetzen.

Mit dem Kompromiss will die FCC ihre Legitimation als Regulierungsbehörde wiederherstellen. Deshalb enthalten die neuen Regeln Einschränkungen. Wenn zum Beispiel Netflix einem Provider Geld für eine schnellere Leitung bezahlt, muss dieser Provider auch Konkurrenten ein wirtschaftlich vernünftiges Angebot machen, ebenfalls eine Überholspur zu mieten. Allerdings ist der Begriff wirtschaftlich vernünftig so dehnbar wie ein Gummiseil.

Internet-Riesen dürften für die Überholspur gerne hohe Summen bezahlen, kleinen Start-ups könnte so der Zugang zum Markt verwehrt werden. Die Rechnung wird am Ende der Endkunde zahlen. Voraussichtlich wird die FCC bei der heutigen Vorstellung der neuen Regeln betonen, dass diese die Drosselung oder gar Blockade der Daten ausschließt. Die Frage steht im Raum, ob eine Bevorzugung bestimmter Dienste in der Praxis nicht doch eine sinkende Qualität für den ganzen Rest zur Folge hat. Auf das Geburtsjahr des Internets im Jahre 1969 anspielend titelte das Magazin Mother Jones: „Im reifen Alter von 45 Jahren ist die Netzneutralität gestorben.“

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden