12.08.2014, 09:00 Uhr | 0 |

Selbstbestimmtes Leben KogniHome: Die ganze Wohnung denkt mit

Die Universität Bielefeld entwickelt mit 13 Partnern aus der Region eine intelligente Wohnung, die sich den Bedürfnissen ihrer Bewohner anpasst und „lernt“. Damit trägt sie zu einem selbstbestimmten Leben von Senioren und Behinderten bei – bei Bedarf das ganze Leben lang. 

Ruhepause mit Aussicht
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Die Aussicht genießen und sich auf die eigenen vier Wände freuen: Die Universität Bielefeld arbeitet an dem Projekt "KogniHome", eine intelligente Wohnung, die sich den Bedürfnissen ihrer Bewohner anpasst. Sie ermöglicht Senioren ein eigenständiges selbstbestimmtes Leben zuhause.

Foto: dpa/Felix Kästle

Die eigene Wohnung – es gibt wenig, das mehr mit Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit verbunden wird. Das ist bei jungen Erwachsenen so, die aus ihrem Elternhaus ausziehen, und auch bei vielen Senioren, die so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben möchten. Doch was, wenn der Bezug einer eigenen Wohnung nicht möglich ist, weil der potenzielle Bewohner geistig oder körperlich eingeschränkt ist? Was, wenn alte Menschen schneller „tüddelig“ werden, als sie es sich eingestehen möchten, aber ihnen der Umzug in ein Heim nicht besonders attraktiv erscheint?

Eine Möglichkeit ist das betreute Wohnen, in vielen Bereichen bereits sehr erfolgreich praktiziert. Oder, und das ist neu: Die Wohnung selbst übernimmt die Betreuung und leistet individuell zugeschnitten Hilfestellung zu einem selbstbestimmten Leben. Dabei konzentriert sie sich nicht nur auf einzelne Aspekte wie einen automatisierten Notruf, sondern ist ganzheitlich ausgerichtet.

14 Partner aus der Region arbeiten an KogniHome

An einer solchen Wohnung mit dem Namen KogniHome arbeiten gerade 14 Projektpartner aus Ostwestfalen. Das Heft in der Hand hat CITEC, das Exzellenzcluster der Universität Bielefeld; mit im Boot sind unter anderem die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, der Hausgerätehersteller Miele und der Automobilzulieferer und Lichtsystem-Hersteller Hella aus Lippstadt. Das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit acht Millionen Euro gefördert wird, soll in den nächsten drei Jahren mitdenkende und vertrauenswürdige Systeme in einem Wohnumfeld vereinen, das Menschen aller Altersstufen ein selbstbestimmtes und nicht zuletzt gesundes Leben ermöglicht – egal, ob junger Single, Familie oder Seniorenpaar.

Die Unterstützung geht schon im Eingangsbereich los: Die Wohnungstür zum Beispiel ist in der Lage, Besucher zu begrüßen und den Bewohner an das Einstecken des Schlüssels aufmerksam zu machen. Auch Termine hat die Tür parat und erinnert gegebenenfalls daran. Wer sich schon des Öfteren zu leicht, zu warm oder sogar im Nachthemd gewandet auf der Straße wiedergefunden hat, mag sich über den intelligenten Garderobenspiegel freuen, der Kleidung zum Beispiel mit den klimatischen Gegebenheiten abgleicht und notfalls korrigiert. Nicht nur Erkältungen soll die Wohnung verhindern, auch gegen Haltungsschäden, Bewegungsmangel und drohende Überanstrengung hat sie etwas: Dezent weist sie auf Fehler wie diese hin, um die Gesundheit so lange und so effektiv wie möglich zu erhalten.

Kommunikation in beide Richtungen

In der Küche sind ebenfalls intelligente Geräte verbaut, die Rezeptvorschläge liefern, Varianten anregen und Alarm schlagen, bevor der Reis anbrennt oder die Milch überkocht. Dabei stellen sich die Instrumente im Laufe der Zeit auf die kulinarischen Vorlieben der Nutzer ein – sie lernen dazu.

Überhaupt ist die Kommunikation zwischen Wohnung und Bewohner keine Einbahnstraße: Die künstliche Intelligenz der Einrichtung manifestiert sich in einem Avatar, der auf Bildschirmen zu sehen ist und mit dem der Besitzer mit Gesten oder ganz normaler Alltagssprache kommunizieren kann – ebenso wie mit einzelnen Geräten der Wohnung. Hier liegt auch der Unterschied zu einem vergleichbaren Konzept, das ebenfalls vom Exzellenzcluster CITEC stammt: Anfang dieses Jahres hat es ein Wohnkonzept vorgestellt, das auf einem mit einem intelligenten Appartement vernetzten Service-Roboter beruht.

Begleitung fürs ganze Leben

Nicht nur die Küche, sondern die ganze Wohnung richtet sich auf die Bedürfnisse ihres Bewohners ein – sie lernt ihn kennen und begleitet ihn im Idealfall durchs ganze Leben. Da die unterstützende Fähigkeit nicht nur an einer Stelle zum Tragen kommt, sondern durch das Zusammenspiel einer Reihe unterschiedlicher Geräte erreicht wird, können diese auch individuell kombiniert, dazu- und abgeschaltet werden: für Bewohner, die sich im Laufe ihres Lebens ja ebenfalls entwickeln, ideal. Und auch die an dem Modellprojekt beteiligten Unternehmen profitieren von dem Prototyp, der derzeit in einem Gebäude der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel eingerichtet wird: Sie wollen die Ergebnisse nutzen, um ihre jeweiligen Produkte zur Marktreife zu bringen. 

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Von Judith Bexten
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