23.06.2016, 07:14 Uhr | 0 |

HoloLens im Test Mit dieser Brille klebt das Internet an der Wand

Ingenieur Moritz Gomm könnte mit dieser Brille sogar in einem völlig verqualmten Tunnel, in dem er seine eigene Hand nicht vor Augen sieht, zum Unfallort vordringen. Er sähe die Tunnelwände und Abzweigungen. Seine HoloLens von Microsoft ist aktuell so begehrt wie kaum ein anderes Objekt in der IT-Welt. Nur fünf Prototypen der Brille hat Microsoft in Europa ausgeliefert.

Die Ingenieure von Zühlke Engineering in Eschborn bei Frankfurt sind mächtig stolz, als sie Ingenieur.de von den ersten Schritten mit der neuen Augmented-Reality-Brille von Microsoft berichten. Sie haben eine der fünf HoloLens , die Microsoft in Europa den ersten Entwicklern zur Verfügung gestellt hat. Drei sollen nach Deutschland gegangen sein. Eine ging nach Wien zur österreichischen Niederlassung des finnischen Unternehmens Tieto, das IT-Systeme entwickelt. Und die fünfte? Wer weiß?

Zühlke entwickelt Anwendungen für die HoloLens

Und warum ging eine Brille an Zühlke? „Wir haben bereits konkrete Anwendungsmöglichkeiten im industriellen Bereich in Planung, die Microsoft offenbar überzeugt haben, uns schon jetzt eine erste Brille zur Verfügung zu stellen“, so Moritz Gomm zu Ingenieur.de.

2017, vielleicht sogar erst 2018, soll die Brille auf den Markt kommen. Im Gegensatz zu Virtual-Reality-Brillen, die eine virtuelle Welt vorgaukeln, kann man durch Augmented-Reality-Brillen wirklich die Umgebung sehen und selbst Zusatzinformationen einblenden. Und damit Anwendungen zur Verfügung stehen, wenn die Brille in Serie geht, dürfen sich auch Zühlkes Ingenieure die Brille schon mal ganz genau anschauen.

Feuerwehrleute sollen auch bei Qualm durchblicken

Gomm und seine Entwickler wollen mit der HoloLens faszinierende Ideen verwirklichen. So könnten Rettungskräfte künftig mit einer in den Helm integrierten HoloLens schneller zur Unfallstelle kommen. Dabei denkt Gomm beispielsweise an völlig verqualmte Tunnel wie bei der Katastrophe in der Gletscherbahn Kaprun. „Wir arbeiten daran, dass sich Hilfskräfte auch bei starker Rauchentwicklung optimal orientieren können“, erklärt Gomm.

Zwar sehen auch die Feuerwehrleute durch die Brille nur Rauch, doch Tunnelwände, Wege, Hindernisse, Türen, Schienen, die gesamte Infrastruktur eines Tunnels ließe sich in das Blickfeld projizieren.

Für Bauarbeiten bei Großprojekten wie dem Gotthardtunnel hat Zühlke bereits ein System entwickelt, das alle Arbeiter mit Sensoren ausstattet, die laufend deren Position melden. „Bei einem Unglück erhalten die Hilfskräfte im Tunnel dann Information über den Aufenthaltsort und können direkt zu den Opfern geführt werden“, so Gomm. Heute basiert die Technologie auf Tablets, in Zukunft könnte die HoloLens Rettungskräften den richtigen Weg weisen.

Auch Titan-Schweißen soll durch HoloLens verbessert werden

Aber auch im technischen Bereich sind interessante Anwendungen in Vorbereitung. So soll beim Schweißen von Titan der Schweißer künftig durch die Brille viel genauer die Schweißnaht beobachten können. Titan wird nur unter Schutzgas geschweißt. Die Hände des Schweißers stecken in großen Ärmlingen, die in einen Kasten hineinreichen, in dem Schweißgerät und das Titanstück liegen. Die Sicht ist erheblich eingeschränkt. „Hier könnten Kameras in der Schweißbox und die Übertragung auf die HoloLens den schwierigen Schweißvorgang erheblich erleichtern und verbessern“, so Moritz Gomm.

Bei Reparatureinsätzen von Mechanikern in der ganzen Welt könnte die HoloLens, in die auch zwei Kameras eingebaut sind, die Bilder der defekten Maschine an die Zentrale schicken. Die dortigen Spezialisten sehen nicht nur das gleiche Bild. Sie können auch in das Bild eingreifen, Linien ziehen, konkrete Hinweise zur Fehlersuche und Reparatur geben.

Bei OPs will Zühlke eine Möglichkeit schaffen, dem operierenden Arzt wichtige Zusatzinformationen wie Röntgenbilder und Messdaten über die Brille anzubieten.

Und wie funktioniert das? „Mit der HoloLens kann man Informationen nicht nur einblenden, man kann sie frei im Raum positionieren“, schildert Gomm. Den Internetbrowser, den er mit der HoloLens aufgerufen hat, positioniert Gomm auf der Wand gegenüber seines Schreibtisches. Sein Terminkalender klebt an der Wand neben der Tür. Mitten im Raum schwebt wie in einem 3D-Film eine Erdkugel.

Gomm kann Autos, Maschinen und Konstruktionen aufrufen. Hätten andere Entwickler, egal wo auf der Welt, auch eine HoloLens auf der Nase, könnten sie gemeinsam das Werkstück anschauen, drehen, verbessern.

Ingenieur.de: Ist die Vielzahl von Informationen und die Mischung echter und virtueller Gegenstände nicht verwirrend?

Gomm: Überhaupt nicht. Wenn ich nicht auf die Wand schaue, wo ich den Browser positioniert habe, dann sehe ich ihn auch nicht. Der Arzt soll ja das Röntgenbild auch nicht ständig sehen, sondern nur, wenn er an die Stelle im Raum blickt, wo er die Aufnahme virtuell positioniert hat.

Ingenieur.de: Und wie können sie den an die Wand geposteten Browser nutzen?

Gomm: Ich kann mit den Fingern eine virtuelle Tastatur aufrufen und dann eine Webadresse eingeben.

Ingenieur.de: Ist es nicht skurril, eine in der Luft schwebende, virtuelle Tastatur zu drücken?

Gomm: Es ist sehr ungewohnt. Man hat ja auch keinen Widerstand, sondern berührt einfach nur eine virtuelle Taste. Und das geht auch sehr langsam. Das erinnert mich an die ersten SMS auf den ersten Handys, als man noch dreimal auf eine Taste drücken musste, um den dritten Buchstaben zu erreichen.

Ingenieur.de: Aber sie können doch auch die Sprachsteuerung benutzen?

Gomm probiert es gleich aus und will die deutsche Wikipedia-Seite aufrufen. „Wikipedia Punkt D E“, spricht er ganz deutlich. Die Seite erscheint nicht. HoloLens hat Gomm nicht verstanden und versucht aus Punkt und D E irgend einen sinnvollen Begriff zu machen. Das Problem: Die HoloLens versteht nur englisch. Als Gomm „Wikipedia Dot Com“ sagt, erscheint im Nu die englische Wikipedia-Seite.

Ingenieur.de: Und wie trägt sich die HoloLens?

Gomm: Überraschend gut, obwohl sie 579 g wiegt. Aber die Brille liegt ja nicht nur auf Nase und Ohr, sondern wird auch noch durch einen Bügel vom Kopf gehalten.

Ingenieur.de: Ist es nicht ungewohnt, solch eine Brille zu tragen?

Gomm: Man gewöhnt sich überraschend schnell daran, ähnlich wie bei einem 3D-Film im Kino. Etwas merkwürdig ist es aber schon, wenn man mit der HoloLens auf einen weiteren Bildschirm schaut. Und wenn man die Brille absetzt, ist auch das wieder ungewohnt: Man ist wieder in der Realität. Ähnlich wie der Moment, wenn man aus dem 3D-Kino wieder auf die Straße kommt.

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Von Axel Mörer-Funk
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