15.06.2015, 12:00 Uhr | 0 |

NSA-Affäre Russland und China sollen Zugriff auf Edward Snowdens Geheimdokumente haben

Das geheime Archiv des Whistleblowers Edward Snowden soll gar nicht so geheim sein: Offenbar haben gleich zwei Länder, Russland und China, die Informationen von Snowden abgegriffen. Vielleicht habe er mit Kopien seine Eintrittskarten nach Hongkong und Moskau bezahlt, wird jetzt spekuliert.

Edward Snowden
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Ein Video vom 10. Juni 2013 zeigt den Whistleblower und früheren CIA-Mitarbeiter Edward Snowden in Hongkong. 

Foto: Glenn Greenwald/dpa

Dabei geht es um 1,7 Millionen Datensätze, die Snowden während seiner Zeit bei den US-Geheimdiensten CIA und NSA heruntergeladen hat. Und sich damit vor ziemlich genau zwei Jahren nach Hongkong absetzte. Dort im Hotelzimmer begannen die Enthüllungen aus diesem unendlichen Fundus, die all die skandalösen Abhörpraktiken der NSA und des britischen GCHQ schonungslos öffentlich machte.

Abzug von Agenten

Nun behaupten die britische Zeitung Sunday Times und der britische Sender BBC ganz aktuell äußerst Brisantes: Nach ihren Informationen haben Russland und China Zugriff auf die geheimen Dokumente Snowdens. Laut diesen Berichten soll der britische Geheimdienst M16 sogar bereits Agenten aus ihren Einsatzgebieten in „feindlich gesinnten Ländern“ abgezogen haben – um sie vor einer Enttarnung zu schützen.

„Wir wissen, dass Russland und China Zugang zu Snowdens Material haben“

Die britische Zeitung berief sich in ihrem Bericht auf Quellen im Sitz des Premierministers, im Innenministerium und in Sicherheitsbehörden. „Wir wissen, dass Russland und China Zugang zu Snowdens Material haben“, sagte ein Regierungsvertreter der Sunday Times und vermutete, dass diese beiden Länder nun nach „Hinweisen suchen, um mögliche Ziele zu identifizieren“. Wenn der Bericht stimmt, hat sich etwa Russland Zugang zu mehr als einer Million Geheimdokumenten aus Snowdens Archiv verschafft. Kann das sein?

„Nachweisbar falsche Angaben“

Der Journalist Glenn Greenwald ist ein enger Vertrauter von Edward Snowden. Ihm hat der amerikanische Whistleblower vor zwei Jahren sein Archiv anvertraut. Greenwald ist die Quelle, wenn etwa Guardian oder Spiegel wieder etwas aus dem Fundus von Snowden veröffentlichen. Greenwald ist daher über die Berichte der Sunday Times und der BBC gar nicht amüsiert. Zum Bericht der Sunday Times twitterte er umgehend, der Artikel sei gefüllt mit „nachweisbar falschen Angaben“. Greenwald geißelte den Text als ein Beispiel für den „schlimmsten Journalismus“.

Kopie der Dokumente als Eintrittskarte?

Es gibt aber auch die Sichtweise, dass eine Kopie des brisanten Snowden-Archivs eine Art Eintrittskarte für dessen Odyssee über Hongkong als Sonderverwaltungszone Chinas nach Russland gewesen sein könnte. In Moskau genießt Snowden seit August 2014 Asyl für drei Jahre. Er selbst behauptete im Oktober 2013 gegenüber der New York Times, er habe auf seiner Flucht keine geheimen Dokumente mit nach Russland genommen.

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Ein Bild von Edward Snowden klebt am 30. Mai 2015 in Berlin bei der Demonstration gegen Massenüberwachung durch Geheimdienste auf einer Anwaltsrobe. Anlass war der zweite Jahrestag der Enthüllungen von Edward Snowden. 

Foto: Paul Zinken/dpa

Alle Dokumente habe er im Juni in Hongkong vor der Weiterreise nach Russland an Journalisten übergeben und selber keine Kopien behalten. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Russen oder Chinesen irgendwelche Dokumente bekommen haben liegt bei null Prozent“, betonte der heute 31-Jährige damals im Interview.

Sandro Gaycken, Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin und einer der renommiertesten deutschen Spezialisten für die Erforschung digitaler Kriegsführung und Computersicherheit erklärte hingegen gegenüber der Bild-Zeitung: „Alle Experten sind von Anfang an davon ausgegangen, dass Russen und Chinesen sich von Snowdens Material eine Kopie gezogen haben.“

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Von Detlef Stoller
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