European Data Center Association Europäische Rechenzentren gründen EUDCA
Um ihre Interessen gegenüber den europäischen Gremien und Regulierern besser durchsetzen zu können, gründet die europäische Rechenzentrumsindustrie einen neuen Verband. Denn die Branche sieht sich selbst als wesentliches Element einer digitalisierten, nachhaltigen Gesellschaft.
Während viele Wirtschaftszweige noch oder schon wieder unter den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise leiden, kann die junge Branche der Rechenzentrums(RZ)-Betreiber darüber nur müde lächeln: Das Marktforschungsunternehmen Datacenter Dynamics ermittelte in einer groß angelegten weltweiten Umfrage, die rund 100 000 Rechenzentren einschloss, Wachstumsraten hinsichtlich der technischen Einrichtungen um bis zu 60 %.
Finanzinvestitionen in die Technik stiegen nach den Erhebungen von Datacenter Dynamics in den Jahren 2011 und 2012 länderspezifisch um bis zu 118 %. In Deutschland wuchs das Investitionsvolumen um 26 %, das entspricht 2,6 Mrd. $. Damit steht das Land an der Spitze der europäischen Investoren-Rangliste bei Rechenzentren.
Europäische Rechenzentren wollen sich durch EUDCA besser organisieren
Nun versucht die Branche, sich mit der Neugründung EUDCA (European Data Center Association) organisatorisch besser aufzustellen. Bisher nämlich gab es höchstens Länderverbände wie in Deutschland etwa Eco. "Weil immer mehr europaweit reguliert wird, brauchen wir eine einheitliche Organisation, damit wir bei den europäischen Gremien gehört werden", sagte Bernard Lecanu, der zum Vorstand des Verbands bestimmt wurde.
Außerdem sollen Rechenzentren, ihre Verteilung, ihr Aufbau und ihre Verbindungen untereinander an das aufdämmernde Mobil- und Cloud-Zeitalter angepasst werden. Gleichzeitig, so etwa Paul Sharp, Buildings Manager des Anbieters Telehouse, können sie im intelligenten Energiesystem der Zukunft lukrative Ausgleichsfunktionen übernehmen, indem sie Strom dann verbrauchen, wenn er besonders billig ist und Abwärme an Nachbarn verkaufen.
Schon bei der offiziellen EUDCA-Gründung während des Kongresses Datacentres 2012 Europe Mitte Mai in Nizza konnte der neue Verband auf 50 Mitglieder verweisen, die sofort beitraten. Das Interesse sei riesig, betonte Lecanu. "In den ersten beiden Jahren möchten wir um die 200 Mitglieder aus Gesamteuropa gewinnen", erklärte der Manager. Damit ist EU27 gemeint, plus assoziierte Länder wie die Schweiz. Offen ist der Verband für Hersteller von Rechenzentrums-Equipment, professionelle RZ-Betreiber und ihre Kunden.
EUDCA will Zertifizierungsrichtlinien für Rechenzentren
Außerdem möchte EUDCA europaweite Zertifizierungsrichtlinien für Rechenzentren entwickeln, die europäischen Prioritäten und Wertvorstellungen entsprechen. International anerkannt sind heute bei Rechenzentren vor allem die Leistungsklassen-(Tier-)Zertifizierungen des US-amerikanischen Uptime Institute. Die sind nicht billig.
"Wir wollen, dass dieses Geld zukünftig in europäische Kassen fließt", sagt Lecanu. Mit Organisationen wie Uptime, The Green Grid oder dem European Code of Conduct for Datacentres will der Verband aber auch kooperieren. Weitere Themen sind verbesserte Kommunikation untereinander und Weiterbildung.
Fraglich ist allerdings, ob das heterogene Interessenspektrum, das EUDCA bündelt, tatsächlich zu einer Stimme findet: Die Hersteller von Equipment interessieren sich natürlich in erster Linie dafür, ihre Produkte zu verkaufen. Bei den RZ-Betreibern dagegen geht derzeit der Minimalismus um. Wie Christian Belady, General Manager Datacenter Services bei Microsoft, es formulierte: "Das Einzige, was am Rechenzentrum interessiert, ist die Rechenleistung – der Rest ist eigentlich überflüssig und sollte so weit wie möglich abgespeckt werden."
Auch hinsichtlich des RZ-Energieverbrauchs und dessen wohl anstehender Regulierung durch die EU, etwa durch Kohlendioxid-Zertifikate, könnte es im Verband durchaus unterschiedliche Auffassungen geben.
EUDCA muss sich mit Energieeffizienz von Rechnenzentren auseinandersetzen
Denn in Europa sind die Voraussetzungen, ein RZ energiekostengünstig und regenerativ zu betreiben, nicht gleich verteilt: Während beispielsweise RZ-Betreiber in Norwegen und anderen nördlichen Ländern ihre Kunden mit billiger und aus regenerativer Wasserkraft stammender Energie und Freiluftkühlung umwerben, werden viele der Rechenzentren in Ballungsräumen wie Frankfurt, London oder Paris noch immer mit Kohle- und Atomstrom betrieben.
Von Umzügen oder Neubauten in die Nähe der Küsten, etwa nach Hamburg, Bremen oder Kiel, um dort die bald in großen Massen anfallende Offshore-Windenergie nahe der Quelle abzufangen, halten Branchenvertreter vorläufig nichts. Rupprecht Rittweger, Gründer und Managing Director des Anbieters E-Shelter, winkt ab: "Unsere Kunden speichern bei uns wichtige Daten, deshalb müssen wir in deren Nähe bleiben." Zudem wehe der Wind nicht kontinuierlich.
Wie auch immer die verbandsinternen Diskussionsprozesse verlaufen werden, die EUDCA hat dafür gesorgt, dass ihre Ergebnisse sehr wahrscheinlich auch auf den höchsten Stufen der EU-Bürokratie offene Ohren vorfinden: Für das Lobbying hat man einen ehemaligen Vize-Kommissionspräsidenten der EU angeworben.






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