26.11.2013, 13:42 Uhr | 0 |

Rechercheprojekt „Geheimer Krieg“ Pentagon finanziert deutsche Hochschul-Forschung

Seit dem Jahr 2000 haben mindestens 22 deutsche Hochschulen und Wissenschaftsinstitute rund zehn Millionen Dollar aus dem amerikanischen Verteidigungshaushalt erhalten. Mit den eingeworbenen Drittmitteln betreiben die Unis zivile Grundlagenforschung, aber auch Rüstungsforschung.

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Das Pentagon: Seit dem Jahr 2000 haben mindestens 22 deutsche Hochschulen und Wissenschaftsinstitute rund zehn Millionen Dollar aus dem amerikanischen Verteidigungshaushalt erhalten. 

Foto: Wikimedia/David B. Gleason

Das US-Verteidigungsministerium finanziert eine Reihe von Forschungsprojekten in Deutschland. Rund zehn Millionen Dollar sind seit dem Jahr 2000 an verschiedene Hochschulen, Technische Universitäten und Forschungsinstitute wie die Max-Planck-Gesellschaft oder Fraunhofer-Institute geflossen. Hier geht es um zivile Grundlagenforschung, aber auch um eindeutig militärische Forschungsaufträge, etwa an Munition und Sprengstoffen.

Journalisten haben amerikanische Datenbank ausgewertet

Die Universität des Saarlandes forscht beispielsweise an Modellen zur Spracherkennung, Frankfurter Wissenschaftler untersuchen Erdbeben im Iran und das Alfred-Wegener-Institut entwickelt Wal-Detektoren weiter. Das Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg erhielt 900.000 Dollar, um Tumor- und Fehlbildungserkrankungen zu untersuchen. Direkte Projekte für die Rüstungsforschung hat etwa die Universität Marburg übernommen, die sich im Auftrag der US-Luftwaffe mit Drohnen und präzisionsgelenkter Munition beschäftigen. Und das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik hat mit US-Geldern an neuartigen Sprengköpfen geforscht. Geld- und Auftraggeber sind neben dem US-Verteidigungsministerium selbst auch die Luftwaffe, die Marine und dort angegliederte Forschungslabore.

Geheim sind diese Drittmittelforschungen deutscher Hochschulen nicht, aber dass sie gerade jetzt zum Thema werden, ist einem journalistischen Rechercheprojekt  zu verdanken. Unter dem Titel „Geheimer Krieg“ haben in den vergangenen anderthalb Jahren Journalisten des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und der Süddeutschen Zeitung (SZ) zu den geheimen US-Strukturen recherchiert, die mitten in Deutschland bestehen. Hier geht es um Orte, die für die US-Sicherheitsarchitektur eine wichtige Rolle spielen. Nun haben der NDR und die SZ eine Liste vorgelegt, in der sie Informationen zusammengetragen haben, welche deutsche Forschungseinrichtung für welches Projekt wie viel Geld vom amerikanischen Militär erhalten hat. Zu finden waren die Informationen in einer öffentlichen US-Datenbank, in der 300.000 Regierungsaufträge aufgelistet sind.

Zulässigkeit militärischer Forschung umstritten

Bei den deutschen Wissenschaftseinrichtungen ist das Rechercheteam „Geheimer Krieg“ mit der US-Auftragsliste auf unterschiedliche Reaktionen gestoßen. Die Universität Bremen, die Messungen auf einem Umweltsatelliten für das US-Militär durchgeführt hatte, erklärte auf Nachfrage, es habe sich lediglich um Grundlagenforschung gehandelt. Ein Verstoß gegen die sogenannte Zivilklausel wollte die Uni, ebenso wie die TU Ilmenau, nicht erkennen. In der Zivilklausel hat sich eine Reihe von deutschen Universitäten dazu verpflichtet, ausschließlich Forschung für zivile Zwecke zu betreiben. Andere Forschungseinrichtungen, wie die Universität Hamburg, verweigern auf Nachfrage die Auskunft darüber, wofür das Geld aus den Staaten genau verwendet wurde.

Tatsächlich besteht Forschungsfreiheit in Deutschland und die Universitäten sind nicht dazu verpflichtet, ihre Projekte komplett offen zu legen. Andererseits wird über die Zulässigkeit militärischer Forschung an etlichen Universitäten nicht erst seit heute gestritten. Auch das deutsche Verteidigungsministerium gibt Geld für Forschung aus. An deutsche Hochschulen seien im Schnitt rund zehn Millionen Euro pro Jahr vergeben worden, erklärte das Verteidigungsministerium der Nachrichtenagentur dpa.

Zweifacher Forschungsnutzen, militärisch und zivil, ist problematisch

Einem Dilemma sehen sich allerdings auch diejenigen Universitäten gegenüber, die eine Zivilklausel in ihren Statuten haben und diese auch ernst nehmen. Denn auch reine Grundlagenforschung kann letztlich auf unterschiedlichen und eben auch militärischen Gebieten zur Anwendung führen. Oft sind Forschungsergebnisse sowohl militärisch als auch zivil nutzbar. Der Umgang mit diesem „dual use“, dem zweifachen Nutzen, ist problematisch.

Inzwischen wird von verschiedenen Seiten vor allem Transparenz über die Drittmittelprojekte der Hochschulen gefordert. Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen, und Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft  sehen die Offenlegung aller militärischen Forschungsprojekte an Hochschulen und Instituten als ersten Schritt. Gehring: „Nur die Offenlegung der vertraglichen Eckdaten ermöglicht den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über die ethische Bewertung der Forschungsprojekte.“ 

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Von Gudrun von Schoenebeck
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