12.01.2016, 12:30 Uhr | 0 |

Schnecken sind clever Mikroplastik ist im Speisefisch angekommen – aber nicht in jedem

Plastikteilchen in beliebten Speisefischen wie Makrelen und Kabeljau: Das sind keine guten Nachrichten, die die Forscher des Alfred-Wegener-Institutes nach Analyse von Fischen melden. Immerhin ist der Hering relativ sauber. Doch am besten mit Plastik gehen Strandschnecken um.

Heringsfischer im Greifswalder-Bodden
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Heringsfischer im Greifswalder-Bodden: Hering nimmt deutlich weniger Plastikpartikel mit der Nahrung auf als die Makrele.

Foto: Christian Charisius/dpa

Fast kann man mit einem Bonmot beginnen: Mikroplastik ist in aller Munde. Jedenfalls im Munde der Menschen, die gerne Speisefische wie Kabeljau und Makrele essen. In zwei neuen Studien zeigen Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, dass die winzigen Plastikreste auch von Meeresschnecken sowie Nord- und Ostseefischen wie Kabeljau und Makrele gefressen werden.

Plastik verrottet nicht, es verwittert

Mikroplastik ist in allen Weltmeeren und auch in vielen Flüssen nachweisbar. So zählt der Rhein zu den am stärksten mit Mikroplastik belasteten Flüssen der Welt, wie Ingenieur.de erst kürzlich berichtete. Plastik verrottet nicht, es verwittert.

Es zerbricht unter dem Einfluss von Sonnenlicht, UV-Strahlen, Wind und Wellen in immer kleinere Fragmente. Plastikreste die kleiner als 5 mm sind, nennt man Mikroplastik. Die Bremerhavener Forscher haben untersucht, wie Speisefische wie Kabeljau, Makrele und Hering oder Pflanzenfresser wie Strandschnecken dieses Mikroplastik aufnehmen.

Schnecken scheiden Plastik komplett wieder aus

Bei den Strandschnecken, die beispielsweise an der Felsküste Helgolands besonders häufig vorkommen, ist der Befund eindeutig: Je mehr Mikroplastik im Meer schwimmt, desto mehr davon setzt sich auf Großalgen und Blasentang ab, die Strandschnecken besonders gerne nach Essbarem abgrasen. „Gleichzeitig konnten wir nachweisen, dass die Schnecken diese Plastikfragmente ganz unbeeindruckt mitfressen“, berichtet AWI-Biologe Lars Gutow.

Doch den Schnecken macht das nichts aus. Sie scheiden das aufgenommene Mikroplastik nahezu vollständig wieder aus. „Die Schnecken besitzen in ihrem Magen eine komplexe Sortiereinheit. Das von uns eingesetzte Mikroplastik ist demzufolge weder verdaut worden, noch in den Blutkreislauf oder in das Gewebe der Tiere gelangt“, erklärt Gutow.

Makrele nimmt besonders viel Plastik auf

In der zweiten Studie haben die Wissenschaftler den Verdauungstrakt und Mageninhalt von 290 Makrelen, Flundern, Heringen, Dorschen und Klieschen aus der Nord- und Ostsee untersucht. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich.

Der Hering scheint zu bestimmten Jahreszeiten gar keine Mikroplastikpartikel aufzunehmen. Die Makrele hingegen entpuppt sich als Plastikvielfraß: Der Prozentsatz der Fische mit Mikroplastik in den Verdauungsorganen schwankte je nach Meeresregion zwischen 13 und 30 %. Makrelen verschlucken demnach deutlich häufiger die Mikroplastikpartikel als in Bodennähe lebende Fischarten wie Flunder und Kliesche.

„Die Ursache dafür liegt vermutlich im Fressverhalten der Fische“, sagt AWI-Biologe und Studienleiter Dr. Gunnar Gerdts. „Bei den gefundenen Mikroplastikpartikeln gegen wir davon aus, dass die Tiere die in der Wassersäule treibenden Fragmente ganz zufällig bei der Futtersuche mit aufgenommen haben. Anders sieht es bei einer Vielzahl der Plastikfasern aus, die wir vor allem bei den Makrelen gefunden haben. Vermutlich haben die Fische sie für Beute gehalten.“

Fische hatte 50 cm langes Gummiband im Magen

Denn die Fasern treiben an der Oberfläche der Meere und ähneln in Form und Farbe frisch geschlüpften Seenadeln, die von den Makrelen bevorzugt gejagt werden. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Fischarten, die an der Wasseroberfläche oder in den oberen Schichten nach Fressbarem suchen, eher Gefahr laufen, Plastik zu verschlucken, als andere“, so Gerdts.

Für die Forscher barg der Einblick in die Mägen der Tiere oft auch eine handfeste Überraschung: „Bei einem der untersuchten Kabeljaue fanden wir ein etwa 50 Zentimeter langes Gummiband im Magen. Das Tier hatte es nicht wieder ausspucken können, war körperlich schon gezeichnet und wäre vermutlich auf lange Sicht verhungert.“

Immerhin gibt es Hoffnung. So hat eine Lübecker Werft eine mechanische „Seekuh“ entwickelt, die Plastikmüll wieder aus dem Wasser filtern kann. Und Forscher halten auch für möglich, dass viel weniger Plastikmüll an der Oberfläche der Meere schwebt als bislang gedacht.

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Von Detlef Stoller
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