08.09.2015, 09:42 Uhr | 0 |

Kopfhaut unter Strom Elektrische Impulse fürs Gehirn schützen vor Reisekrankheit

Eine Seefahrt ist nicht lustig für Menschen mit Reisekrankheit. Gegen ihre Symptome wie Übelkeit, Schwindel und kalter Schweiß helfen bislang nur Medikamente – und vielleicht ein paar Tricks wie auf den Horizont zu gucken. Forscher aus London haben jetzt ein anderes Mittel gegen das Leiden entdeckt. 

Stuhl simuliert Bewegungen, die reisekrank machen können
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Diesem Probanden wird gleich noch das Lachen vergehen: Der Stuhl simuliert Bewegungen, die reisekrank machen können. Und jeder dritte von zehn Menschen reagiert empfindlich darauf. 

Foto: Imperial College London

Leichte Stromstöße auf die Kopfhaut helfen nach neuen Erkenntnissen gegen Reisekrankheit. Bis ein für jedermann erschwingliches Therapiegerät auf den Markt kommt, das auf dieser Entdeckung beruht, könnten aber noch ein paar Jahre vergehen.

Wer auf einer Schiffspassage schon mal vor Übelkeit über der Reling gehangen hat oder im Reisebus zur Tüte greifen musste, um den eigenen Mageninhalt aufzufangen, zählt zu den etwa drei von zehn Menschen, die laut einer Studie des Londoner Imperial Collenge stark unter Reisekrankheit leiden.

Die Ursachen dieses Leidens, das auch Bewegungskrankheit oder Kinetose genannt wird, sind wissenschaftlich nicht geklärt. Die herrschende Theorie besagt aber, dass die Sinnesorgane dem Gehirn widersprüchliche Informationen über die Bewegung des Körpers liefern, also zum Beispiel zwischen dem, was man sieht und dem, was der Gleichgewichtssinn im Innenohr vermittelt.

Haube mit Elektroden setzt Kopfhaut unter Strom

Leider machen Tabletten, die die Symptome bekämpfen, meist auch müde oder dösig. Das kann die Lust an der Seefahrt auch verderben. Zumindest seien solche Tabletten nicht für eine Dauermedikation geeignet – zum Beispiel für Menschen, die auf einem Schiff arbeiten, nennt Professor Michael Gresty vom Londoner Imperial College ein Beispiel. Seine Kollegen und er haben eine alternative Behandlungsmethode erforscht, die sie gerade im Journal Neurology vorgestellt haben. Sie setzten die Kopfhaut ihrer Testpatienten leicht unter Strom und konnten damit die Symptome der Bewegungskrankheit deutlich abmildern.

Für die Studie trugen die Probanden zehn Minuten lang eine Haube, in der Elektroden schwache elektrische Impulse auf die Kopfhaut schickten. Danach nahmen die Testpersonen in einem Stuhl Platz, der sich drehte und die Kippbewegungen imitierte, von denen es Menschen auf Schiffen oder auch in einer Achterbahn schlecht wird.

Wie sich zeigte, wurde den Testpersonen weniger übel und sie erholten sich schneller, wenn ihr Gehirn zunächst mit elektrischen Impulsen behandelt worden war. Diese schwächten die Vorgänge in einer Region des Gehirns ab, in der Bewegungssignale verarbeitet werden, erklären die Wissenschaftler ihre Wirkung. Das helfe dem Gehirn, den Einfluss der widersprüchlichen Eindrücke zu reduzieren und dadurch den Symptomen der Reisekrankheit vorzubeugen.

Therapie per Handy

„Wir sind wirklich begeistert von dem Potential eines neuen, effektiven Mittels gegen Reisekrankheit ohne offensichtliche Nebenwirkungen“, freut sich Gresty über die Strom-Therapie. Die Behandlung mit elektrischen Impulsen wirke fast genauso gut wie die besten Medikamente gegen Reisekrankheit, die zu haben seien.

Ein paar Jahre wird es aber noch dauern, bis sich der von Seekrankheit gebeutelte Patient einer Behandlung mit elektrischen Impulsen unterziehen kann. „Wir sind zuversichtlich, dass in fünf bis zehn Jahren jeder in die Apotheke gehen und ein Anti-Seekrankheit-Gerät kaufen kann“, erklärt Forschungsleiter Dr. Qadeer Arshad. Er stellt sich dabei so etwas wie ein Tens-Gerät vor, das auch gegen Rückenschmerzen eingesetzt wird.

Videoquelle: Imperial College London

Tens ist die Abkürzung für transkutane (durch die Haut) elektrische Nervenstimulation: Dort, wo es wehtut, werden kleine Elektroden auf der Haut aufgebracht, über die schwache elektrische Impulse verabreicht werden. Möglicherweise könnten die elektrischen Impulse für den Schädel sogar von einem Mobiltelefon über die Kopfhörerbuchse geliefert werden, so Arshad. Der Patient werde die kleinen Elektroden vor Antritt beispielsweise einer Schiffspassage selbst auf seiner Kopfhaut aufbringen können.

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Von Susanne Neumann
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