26.09.2016, 13:02 Uhr | 0 |

Spaß an der Wissenschaft Abseitig, skurril und trotzdem wertvoll: ig-Nobelpreise verliehen

Die Tradition ist bereits ein Vierteljahrhundert alt: Jedes Jahr im September zeichnet die Elite-Universität Harvard besonders abseitige Forschungsergebnisse mit dem ig-Nobelpreis aus und verbindet so ausgelassenen Spaß mit realer Wissenschaft. In diesem Jahr waren wieder einige Deutsche unter den Ausgezeichneten – einer holte seinen Anti-Nobelpreis aber lieber nicht ab. 

ig Nobelpreis
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Der Deutsche Andreas Sprenger bedankt sich für den ig-Nobelpreis Medizin, den er gemeinsam mit Kollegen von der Universität Lübeck in Cambridge an der Harvard University entgegen genommen hat. Sie haben herausgefunden, dass ein Jucken auf der rechten Körperseite gelindert werden kann, wenn man sich links kratzt – solange man dabei in einen Spiegel schaut

Foto: Mike Benveniste/Improbale Research/dpa

Normalerweise steht die amerikanische Elite-Universität Harvard nicht im Verdacht, sich großartig mit Unsinn und Abseitigem zu befassen. Einmal im Jahr jedoch ist dies anders: Die altehrwürdige Universität verleiht jedes Jahr im September die ig-Nobelpreise – ein Wortspiel aus den englischen Wort „ignoble“ ( zu deutsch unwürdig) und „Nobelpreis“ – und verschafft eher unbedeutenden Arbeiten so die dennoch verdiente Aufmerksamkeit.

Ausgelassene Stimmung bei der Zeremonie

Dass diese Themen rund um die Fellfarbe von Pferden, die Persönlichkeit von Steinen oder das ideale Alter zum Lügen zum Lachen reizen, ist nicht nur in Ordnung, sondern zentrale Voraussetzung: Mit den auch Anti-Nobelpreis genannten Auszeichnungen, die in diesem Jahr zum 26. Mal traditionsgemäß kurz vor der Bekanntgabe der echten Nobelpreisträger verliehen werden, honoriert das Komitee abseitige, skurrile Forschung.

Dem Anlass entsprechend, ist auch die Zeremonie nicht bierernst: Zu ausschweifende Redner werden von einer lebenden Alarmglocke unterbrochen, das Publikum wird explizit aufgefordert zu twittern, und Papierflieger aus dem Auditorium kommen auch gern einmal zum Einsatz. Als Trophäe gibt es eine speziell modifizierte Kunststoffuhr mit Eieruhren als Zeiger.

Erst lachen, dann denken

Trotzdem ist der Spaß kein reiner Selbstzweck: Es handelt sich bei den preisgekrönten Projekten um echte Arbeiten, deren Ergebnisse in renommierten Fachjournalen veröffentlicht wurden. Und manches ist gar nicht so sinnlos, wie es auf den ersten Blick scheint – auch das ist Absicht. Man wolle die Leute erst zum Lachen und dann zum Denken bringen, heißt es von Seiten des ig-Nobelpreiskomitees, und so ihr Interesse für Medizin, Wissenschaft und Technik anregen. Außerdem: Unwürdig ist die Auszeichnung schon mal gar nicht. Schließlich sind es echte Nobelpreisträger, die die Preise übergeben.

Die zehn Preisträger 2016

HANDOUT - Master of Ceremonies Marc Abrahams speaks during the Ig Nobel award ceremonies at Harvard University in Cambridge, Mass., USA, Thursday, Sept. 22, 2016. EDITORIAL USE ONLY AND ONLY IN CONNECTION WITH THE IG NOBEL PRIZES. MANDATORY CREDIT: "Photo: Mike Benveniste/Improbale Research/dpa" +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Zermonienmeister Marc Abrahams moderierte die skurrile Preisverleihung. 

Foto: Mike Benveniste/Improbale Research/dpa

Verhüten mit Polyester-Unterhosen

Zehn Disziplinen werden regelmäßig ausgezeichnet. Im Bereich Reproduktion hatte Ahmed Shafik von der Universität Kairo in diesem Jahr die Nase vorn. Er testete die Auswirkungen von Unterwäsche aus verschiedenen Materialien auf die Fortpflanzungsfähigkeit von Ratten und Männern. Das Ergebnis: Man(n) kann auch mit Polyesterunterhosen verhüten. Nach gerade mal halbjährigem Einhüllen der Hoden in den Kunststoff ist die Spermienproduktion gleich Null.

Für die Kategorie Wirtschaft wurden Marks Avis, Sarah Forbes und Shelagh Ferguson aus Großbritannien und Neuseeland ausgezeichnet. Sie untersuchten, wie die Persönlichkeiten von Steinen aus Marketingperspektive bewertet werden. Die Versuchspersonen wiesen den Kieseln dazu Eigenschaften wie „freundlich“, „cool“ oder „bodenständig“ zu. Den ig-Nobelpreis für Physik sicherten sich Gábor Horváth von der Eötvös Universität und sein internationales Team, indem sie nachwiesen, dass Pferdebremsen Opfer mit dunklem Fell gegenüber Schimmeln bevorzugen – wegen der lichtreflektierenden Eigenschaften von hellen Haaren.

Links kratzen, wenn’s rechts juckt

Für die Kategorie Medizin räumten die deutschen Forscher Christoph Helmchen, Carina Palzer, Thomas Münte, Silke Anders und Andreas Sprenger von der Universität Lübeck ab, indem sie zeigten, dass ein Jucken auf der rechten Körperseite gelindert werden kann, wenn man sich links kratzt – solange man dabei in einen Spiegel schaut. Dieses „Austricksen des Gehirns“, wie die Forscher selbst sagen, hilft Patienten tatsächlich: Auf diese Weise werden zum Beispiel Ekzeme nicht weiter gereizt, das Jucken aber trotzdem abgestellt. 

Das internationale Team Evelyne Debey, Maarten De Schryver, Gordon Logan, Kristina Suchotzki und Bruno Verschuere gewann den ig-Nobelpreis für Psychologie, indem sie das ideale Alter für Lügner herausfanden: Junge Erwachsene lügen am besten. Der Pferdefuß an dieser Studie: Die Ergebnisse basieren auf Befragungen der Probanden. Falls die gelogen haben, ist das ganze Werk möglicherweise hinfällig. Ihre Plastikuhr bekamen die Forscher trotzdem. 

Leben wie eine Bergziege

Auch einen ig-Friedensnobelpreis gibt es in Harvard: Das kanadisch-amerikanische Team Gordon Pennycook, James Allan Cheyne, Nathaniel Barr, Derek Koehler und Jonathan Fugelsang testete, ob Menschen Unsinn als Unsinn wahrnehmen, wenn er nur hochtrabend genug daher kommt. Und damit war nicht die ig-Nobelpreisverleihung gemeint, sondern ein Text aus pseudointellektuellen Sätzen, der den Probanden vorgelegt wurde.

Für Biologie wurden gleich zwei Preisträger ausgezeichnet: Charles Foster hatte sich ganz auf das Leben als Tier in der Wildnis eingelassen, indem er zum Beispiel wie ein Vogel, ein Otter oder ein Hirsch lebte. Thomas Thwaites führte ähnliche Experimente durch: Ausgestattet mit ziegenähnlichen Hinterbein-Prothesen und einem Helm lebte er mit Bergziegen und focht sogar Kämpfe mit seinen „Hörnern“ aus.

HANDOUT - Thomas Thwaites, left, accepts the Ig Nobel prize in biology from Nobel laureate Eric Maskin (economics, 2007) during ceremonies at Harvard University in Cambridge, Mass., USA, Thursday, Sept. 22, 2016. Thwaites, of the United Kingdom, won for creating prosthetic extensions of his limbs that allowed him to move like and to roam in the company of goats. EDITORIAL USE ONLY AND ONLY IN CONNECTION WITH THE IG NOBEL PRIZES. MANDATORY CREDIT: "Photo: Mike Benveniste/Improbale Research/dpa" +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Thomas Thwaites nahm die Auszeichnung für sein Leben mit Bergziegen vom echten Nobelpreisträger Eric Maskin (Wirtschaftswissenschaften, 2007) entgegen – mit Prothese und Helm.  

Foto: Mike Benveniste/Improbale Research/dpa

Für seine dreibändige Autobiographie über das Sammeln von toten und noch nicht ganz toten Fliegen wurde der Schwede Fredrik Sjöberg mit dem ig-Nobelpreis für Literatur belohnt, während Atsuki Higashiyama und Kohei Adachi untersuchten, wie die Welt aussieht, wenn man sie vornübergebeugt durch seine Beine betrachtet. Dafür bekamen sie eine Auszeichnung im Bereich Wahrnehmung.

Volkswagen wollte Chemiepreis für Schummelsoftware nicht

Der ig-Nobelpreis ist zwar mit einem Augenzwinkern versehen, vorgeführt und lächerlich gemacht werden soll jedoch in der Regel niemand. Deshalb nehmen die Preisträger die Trophäe auch meistens selbst entgegen und verstehen sie als das, was sie ist: eine Auszeichnung.

Eine Ausnahme stellt hier aber in jeder Hinsicht wohl der diesjährige Gewinner der Kategorie Chemie dar: Volkswagen wurde für seine Lösung ausgezeichnet, automatisch weniger Emissionen zu produzieren, wenn das Auto getestet wird. Diese Leistung ist als eine der wenigen ig-Nobelpreisträger bereits der Öffentlichkeit bekannt und wird im Volksmund „Schummelsoftware“ genannt. Besonders stolz auf die Würdigung scheint VW jedoch nicht zu sein: Den Preis holte niemand ab.

Ruhm und Ehre müssen reichen

Vielleicht lag das aber auch daran, dass sich das finanziell nicht gelohnt hätte: Reich werden die Gewinner nämlich nicht durch ihren Gewinn, zumindest nicht aufgrund des Preisgeldes. Das beträgt zwar bis zu zehn Billionen Dollar, aber auch hier liegt der Teufel im Detail. Es handelt sich um Simbabwe-Dollar, was gleich zwei Haken hat: Theoretisch sind das gerade mal ein paar Cent, und praktisch gibt es diese Währung seit rund einem Jahr gar nicht mehr. Ruhm und Ehre müssen also reichen. Und das Bewusstsein, etwas Spaß in den Forscheralltag und etwas Farbe in die graue Theorie gebracht zu haben. 

Ausgezeichnete verrückte Forschung aus dem Jahr 2015 haben wir Ihnen hier vorgestellt. 

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Von Judith Bexten
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