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05.07.2013, 09:00 Uhr | 0 |

Windenergie Windkraftindustrie steht vor Wandel hin zu industriell gereifter Branche

Ingenieure und Marktakteure waren sich einig – es gilt, die Windenergie im Wettbewerb mit anderen Energieerzeugungsformen noch kostengünstiger anbieten zu können. Der große Wurf ist dabei nicht gefordert, sondern geduldige Ingenieurskunst, wurde auf der "Conference of the Wind Power Engineering Community" in Berlin deutlich, zu der sich die internationale Windindustrie traf.

Windkraft an Land
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Baustelle Offshore-Technik: Um die Anlagen für die Hochsee zu entwickeln, werden erste Erfahrungen an Land gesammelt. 

Foto: dpa/Jan Woitas

Offshore-Windkraft ist etwas ganz anderes als Onshore-Windkraft. Deswegen trennen Branchenkenner diese Bereiche strikt, um sich nicht unnötig in ökonomischen Diskursen zu verheddern. Denn eines wurde auf der Conference of the Wind Power Engineering Community (Cowec) in Berlin deutlich: Die Windenergie-Industrie ist nach einem Jahrzehnt des Booms derzeit in einer schwierigen Situation.

Trotz Energiewende und trotz globalen Zubaus gibt es einen Angebotsüberhang seitens der Hersteller. Zudem wirkt sich die Finanzkrise zeitverzögert negativ auf den Markt aus. Potenzielle Betreiber und Investoren kalkulieren momentan mit sehr spitzem Bleistift. Die Kosten müssen runter, um die Anlagen preisgünstiger anbieten zu können zudem muss der Betrieb effizienter als bisher gestaltet werden. Letztlich gilt es, die Gestehungskosten pro Kilowattstunde weiter zu senken – so das Credo der Stunde.

Dabei hält Andrew Garrad, Präsident der Europäischen Windenergievereinigung Ewea, die Windenergie schon heute gegenüber anderen konventionellen Energien für wettbewerbsfähig in einem nicht transparenten Markt. Dabei gäbe es, so Garrad in seiner Eröffnungsrede zur Cowec, die das VDI-Wissensforum organisierte, viele Bemühungen, die in den nächsten Jahren die Produktionskosten reduzieren würden.

Stellschrauben für Kostensenkungen

Zu den Stellschrauben für Kostensenkungen zählte Garrad die Automatisierung der Blattproduktion, optimierte Zuliefererprodukte, eine bessere Logistikkette, genauere Windvorhersagen, neue Wartungskonzepte und nicht zuletzt auch technische Neuentwicklungen im Detail, so beim Getriebe oder in den Elektronik- und Kontrollsystemen.

Es gibt also viele Baustellen. Dabei sind sich die meisten Ingenieure der Zunft einig, dass es in der näheren Zukunft keine technische Revolution geben wird, die bisher bewährte Techniken plötzlich ins Aus schießen würde. Nein, die Windenergie wird sich technisch in den nächsten Jahren Schritt für Schritt entwickeln.

So werden die Flügel der Anlagen in Zukunft immer länger, die Türme immer höher. Außerdem, so die Prognose, werden immer mehr Anlagenhersteller auf Getriebe verzichten und stattdessen auf Direktantriebe setzen. Darüber hinaus gibt es viele interessante Neuansätze in der Windmessung, von der auch die Netzbetreiber profitieren, weil sie mit diesen Technologien antizipierend die Strommengen berechnen können.

Eine andere spannende Entwicklung zeichnet sich im Segment der Speicherung von Windstrom ab, Unternehmen wie Siemens und GE experimentieren in diese Richtung. Der Forschungsaufwand ist aber extrem hoch, so dass die Speicherung für die meisten klassischen Windenergie-Anlagenhersteller wohl kaum zu stemmen ist.

Ohnehin werden Fehler in der Branche, im Gegensatz zur zurückliegenden Aufbruchphase der Windenergie, inzwischen sofort bestraft. Der Ton im Markt wird rauer, die Angriffsfläche größer. Als einige Konferenzteilnehmer die Innovationskraft der Zuliefererfirmen für die Windindustrie im Vergleich zu denen in der Automobilindustrie anmahnten, kam Widerspruch seitens der Anlagenhersteller.

Vergleiche hinken

Solche Vergleiche hinken, weil in der Automobilbranche rund 90  % aller Einzelteile auch in der nächsten Fahrzeuggeneration anzutreffen seien, so Claudia Meike Martens von Areva Wind, "in der Windindustrie sind es nur 10 %". Dies zeige das hohe Tempo der Entwicklung. "Wir haben gerade mal zehn Jahre industrielle Reife in der Windindustrie erreicht", verteidigt denn auch Jörg Scholle, Leiter der Entwicklungsabteilung bei Nordex, im Namen aller Hersteller das erreichte Niveau. "Unsere Lieferanten und wir sind sehr wohl innovativ."

Dennoch fordert Andreas Reuter, Geschäftsführer des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (Iwes), dass die Windindustrie noch wettbewerbsfähiger werden müsse. Er ist davon überzeugt, dass sich der Trend zu größeren Rotoren weiter fortsetzt. "Je größer die von Flügeln überstrichene Fläche, desto günstiger wird die Stromproduktion."

Im Offshore-Bereich prognostiziert Reuter bis 2020 eine Kostenreduktion von bis zu 30 %. Vor allem in der maritimen Logistikkette sieht er noch viele Einsparpotenziale, zumal die Turbine selbst nur zur Hälfte der Gesamtkosten einer Windkraftanlage zu Buche schlägt. Generell registriert er Fortschritte bei der Netzintegration der Windenergie.

In den nächsten Jahren Windkraft an Land im Mittelpunkt

Für Reuter besteht kein Zweifel, dass die Musik in den nächsten Jahren an Land spielen wird. Er ist nach wie vor zuversichtlich, dass die Windenergie an Land auf einer Fläche von 2 % des Bundesgebietes rund 65 % des deutschen Strombedarfs decken kann, wie das Iwes es 2011 in einer Studie veröffentlichte.

Bis dahin ist es zwar noch ein langer Weg, wenngleich der in diesem Jahr trotz aller energiepolitischen Unwägbarkeiten zu erwartende Zubau in Deutschland bei 3000 MW liegt. Das anvisierte Fernziel wird aber wahrscheinlich nicht mehr mit "Traktoren" der ersten Generation, sondern nur noch mit "Helikoptern", so ein Bonmot von Andrew Garrad, zu meistern sein. Die Ingenieure der Windindustrie haben auf jeden Fall noch viel zu tun.  DIERK JENSEN

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