06.08.2013, 16:19 Uhr | 0 |

Genossenschaften boomen Grüne Rendite mit überschaubarem Risiko

Energiegenossenschaften stellen in der aktuellen Niedrigzinsphase gute Renditen mit regenerativer Stromerzeugung in Aussicht. Welche Risiken der Anleger dabei eingeht, hängt von den Details des Geschäftsmodells ab.

Montage einer Photovoltaikanlage
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Die BürgerEnergiegenossenschaft Raum Neuenstadt betreibt bei Heilbronn vier größere Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 1 MW.

Foto: BERN

Auf ein sonniges Jahr blickte die Bürgerenergiegenossenschaft Raum Neuenstadt bei ihrer letzten Generalversammlung zurück: Stattliche 127 000 € Gewinn konnten auf die gut 400 Mitglieder verteilt werden. Für die gezeichneten Genossenschaftsanteile wurde eine Dividende von 5,75 % beschlossen. Damit zählt die Energiegenossenschaft, die in der Nähe von Heilbronn vier größere Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 1 MW betreibt, zu den besten Renditebringern in ihrer Branche.

Dank der Energiewende sind Energiegenossenschaften beliebter denn je. Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes (DGRV) haben bundesweit mehr als 130 000 Genossen insgesamt rund 1,2 Mrd. € investiert, um mit Photovoltaik-, Windenergieanlagen oder kleinen Wasserkraftwerken emissionsfreien Strom zu erzeugen.

Überdies haben Energieversorger sowie regionale Genossenschaftsbanken und Sparkassen die Energiegenossenschaft als wirkungsvolles Instrument für die eigene Imagepflege entdeckt. Indem sie technische oder kaufmännische Hilfestellung bieten, präsentieren sie sich den Genossen und der Öffentlichkeit als bürgernahe Partner vor Ort.

EnBW hat Gründung von 60 Genossenschaften begleitet

So hat etwa der baden-württembergische Stromkonzern EnBW die Gründung von rund 60 Energiegenossenschaften im Südwesten begleitet. Viele weitere Genossenschaften arbeiten mit kommunalen Stadtwerken zusammen. Investoren lockt die Aussicht, mit "grünem Strom" der Umwelt etwas Gutes zu tun und gleichzeitig passable Renditen zu erzielen. Allerdings warnt Elisabeth Strobel, Vorsitzende des Verbands der BürgerEnergiegenossenschaften in Baden-Württemberg, vor überzogenen Erwartungen: "Während sich bei Altprojekten bis zu 5 % Dividende erzielen lassen, sollte bei neuen Projekten eher mit einer langfristigen Dividende von 3,5 % bis 4 % kalkuliert werden."

Grund dafür sind die Einspeisevergütungen für Solarstrom, die in den vergangenen Jahren kräftig gekürzt wurden. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass meist erst nach zwei bis drei Jahren die Investitionen abgeschlossen sind und die Stromeinspeisung beginnt.

Vorteilhaft ist im Vergleich zur Beteiligung an Energieprojekten über geschlossene Fonds sowohl die Gesellschaftsform wie auch die Kostenstruktur. Genossenschaften sind auf die direkte Mitbestimmung der Teilhaber ausgelegt. In der beschlussfassenden Generalversammlung hat jedes Mitglied – unabhängig von der Zahl der gezeichneten Anteile – eine Stimme. Die Geldgeber entscheiden also gemeinsam über die Ausrichtung des Unternehmens. Sie kontrollieren über den von ihnen gewählten Aufsichtsrat den Vorstand. Bei Beteiligungsmodellen in Form geschlossener Fonds haben die Kapitalanleger zumeist den Status eines Kommanditisten, der in aller Regel kaum Mitspracherechte hat.

Genossenschaften gehen mit Geldern besonders sparsam um

Vorteile auch bei den Kosten. Hier glänzen genossenschaftliche Stromerzeuger mit Sparsamkeit. Weil Aufsichtsräte und Vorstände meist ehrenamtlich arbeiten, allenfalls eine Aufwandsentschädigung erhalten, sind die Personalkosten minimal. Aufwendungen fallen hauptsächlich für die Wartung und Reparatur der Anlagen, die Versicherung und den Wirtschaftsprüfer an. Er ist bei Genossenschaften gesetzlich vorgeschrieben. "Die finanziellen Aufwendungen für die Gründung und die regelmäßige Prüfung stellen einen beträchtlichen Kostenblock dar", erläutert Strobel. Zuständig ist dafür der Genossenschaftsverband, dem das Unternehmen angehört.

Anders als bei Energieprojekten in Form geschlossener Fonds entfallen jedoch Provisionen für Vertriebspartner und Verwaltungsgebühren für das Fondsmanagement. Diese beiden Posten können sich auf bis zu 25 % der Anlegergelder summieren. Bei Energiegenossenschaften bleibt hingegen fast das komplette Anlegergeld im Unternehmen.

Wegen seiner investorenfreundlichen Struktur stuft die Verbraucherzentrale Bremen in einer aktuellen Studie Energiegenossenschaften als eine vergleichsweise risikoarme Anlageform ein. Dennoch sei der Beitritt zu einer Genossenschaft nicht mit einer Sparanlage zu vergleichen. Die Dividende könne in schlechten Jahren ausfallen. Weil es keine Einlagensicherung gebe, sei im Insolvenzfall das investierte Geld weg. "Jeder Investor sollte sich der Risiken einer solchen Geldanlage bewusst sein und insbesondere bei unverhältnismäßig hohen Ertragsversprechen skeptisch werden", empfehlen die Verbraucherschützer.

Anleger sollten vor dem Beitritt Risiken genau prüfen

Wie groß das Risiko im konkreten Fall ist, hängt sowohl vom Investitionsobjekt wie auch von der Finanzierungsstruktur ab. Anleger sollten vor einem Beitritt prüfen, ob die Investitionen der Genossenschaft aus Eigenmitteln finanziert oder in größerem Umfang Kredite aufgenommen werden.

Je höher der Kreditanteil an den Gesamtinvestitionen, desto riskanter wird es. Denn: Im Pleitefall hat die finanzierende Bank das erste Zugriffsrecht auf die Vermögenswerte. Die Teilhaber müssen sich mit dem begnügen, was nach der Kredittilgung übrig bleibt. Der durchschnittliche Eigenkapitalanteil deutscher Energiegenossenschaften liegt laut DGRV-Studie derzeit bei 50 %.

Vorteilhaft ist es, wenn die Energiegenossenschaft direkt in die Stromerzeugung investiert, indem sie etwa eigene Photovoltaikanlagen betreibt. Dann sind die Anlegergelder durch einen handfesten Sachwert gedeckt, der in aller Regel gegen Unwetter oder Vandalismus versichert ist.

Riskant sind Stromhandel und Stromvertrieb

Beteiligt sich das Unternehmen mit Krediten an Windkraftbetreibern oder Stadtwerken, hängt das Anlegerrisiko vor allem von der Bonität und der fachlichen Expertise des Darlehensnehmers ab. Diese Aspekte sollten vor der Anlageentscheidung sorgfältig geprüft werden. Besonders riskant ist ein genossenschaftliches Engagement im Stromhandel und -vertrieb. Hier können sich die Märkte innerhalb kurzer Zeit stark verändern, weil die Geschäftsmodelle nicht auf prognostizierbaren Stromerträgen und festen Einspeisevergütungen beruhen.

Kein Wunder, dass es in diesem Segment die bislang einzige Pleite einer deutschen Energiegenossenschaft gegeben hat: Im Februar dieses Jahres musste die in Ulm ansässige Strom- und Gashandelsgenossenschaft Energen Süd Insolvenz anmelden.

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Von Thomas Hammer | Präsentiert von VDI Logo
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