21.01.2016, 12:57 Uhr | 0 |

Kindle für Blinde Wie ein 3D-Display eine ganze Buchseite für Blinde fühlbar macht

US-Forscher entwickeln derzeit eine Display-Technologie, mit der Blindenschrift auf einem Tablet dargestellt werden kann. Ganze Seiten und Grafiken lassen sich mit dieser neuen Technik darstellen. Bislang konnten nur einzelne Textzeilen in Braille-Schrift angezeigt werden. Die neue Technik kann nicht nur mehr, sondern ist auch preiswerter.

Display für Blinde
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Das neue Display zur Darstellung von Blindenschrift basiert auf einem pneumatischen System. Es gibt zahlreiche Punkte auf dem Display, die mit einer Flüssigkeit nach oben gedrückt werden können.

Foto: Universität Michigan

Der „Braille Kindle“ rückt in greifbare Nähe: IT-Spezialisten der Universität Michigan entwickeln eine neue Display-Technologie, mit der ganze Seiten in Blindenschrift auf tragbaren Tablets dargestellt werden können. Ähnliche mechanische Displays gibt es zwar bereits, wie beispielsweise die Dot Watch. Die smarte Armbanduhr übersetzt Texte, die etwa auf einem Smartphone oder einem eBook gespeichert sind, in Blindenschrift. 

Und auch ein Smartphone ist in Entwicklung, das mit Hilfe kleiner Stifte die Information eines Displays darstellen will. Allerdings sind solche Geräte meist teuer und können jeweils nur eine Zeile mit etwa zehn Wörtern darstellen. Und das macht das Lesen schwer.

Pneumatisches System ist ähnlich wie elektrischer Schaltkreis aufgebaut

„Mit einer Zeile kann man nicht viel anfangen“, meint Alex Russomanno, der als Doktorand an der Fakultät für Maschinenbau am Projekt beteiligt ist. „Erstens ist es schwierig, auf diese Weise zu lesen und außerdem unmöglich, Grafiken, Tabellen oder andere räumlich angeordnete Informationen darzustellen.“

Diese Begrenzung in der Darstellung will das Forscherteam, zu dem auch der Professor für Maschinenbau Brent Gillespie gehört, mit einer neuen Technik überwinden. „Wir wollen einen Bildschirm entwickeln, auf dem, wie bei einem Kindle oder iPad, ein ganzseitiger Text in Echtzeit aufgebaut wird“, sagt Sile O’Modhrain, die als Professorin für computerbasierte Musiktheorie das Team leitet.

Ihr neues Display basiert auf einem pneumatischen System, das im Prinzip genauso aufgebaut ist und dieselbe Logik hat wie ein elektronisches Schaltsystem. Statt eines elektrischen Schaltkreises wird jedoch ein Schaltkreis mit Flüssigkeiten aufgebaut. Statt Strom, der durch Leitungen geschickt wird, fließen hier Flüssigkeiten durch winzige Schläuche. Statt mit hoher und niedriger Spannung arbeiten die Forscher mit starkem und schwachem Druck.

Die Punkte im Braille entsprechen einem Binärcode

Im Ergebnis erhalten die Forscher einen Binärcode, mit dem die aus Punkten bestehende Braille-Schrift dargestellt werden kann. Jede Braille-Zelle, die je nachdem für einen Buchstaben oder ein ganzes Wort stehen kann, besteht aus sechs Punkten. Sie sind entweder erhöht, also tastbar, oder flach.

Die einzelnen Punkte werden durch Luftblasen nach oben gedrückt. „Die Punkte sind entweder da oder nicht, wie bei der 0 und der 1 im Binärcode“, sagt Sile O’Modhrain. „Das macht die Schaltung so elegant.“

Ein Prototyp des neuartigen Schlauch-Schaltkreises gibt es bereits, er ist aber noch relativ groß. Jetzt arbeiten die Wissenschaftler daran, die Größe des Schlauchsystems unterhalb des Displays so stark zu verkleinern, dass sie daraus ein tragbares Gerät entwickeln können. Ihr Ziel sind 10.000 Punkte auf dem Display, die durch 10.000 „Mikrofluid-Chips“ angetrieben würden.

Neues Tablet soll preiswerter sein als bisherige Braille-Displays

Überdies glaubt das Forscherteam, dass die neue Technik deutlich preiswerter sein wird, als bisherige Displays. Während ein kommerzielles Braille-Display, das nur eine Textzeile darstellen kann, um die 5000 $ kostet, soll ein Gerät mit der neuen Technologie und einer ganzen Seite Text für etwa 1000 $ zu haben sein.

Sile O’Modhrain, die selbst blind ist, hofft außerdem, dass durch ihre Erfindung die Braille-Schrift erneut an Attraktivität gewinnen wird. Die Blindenschrift, bedauert die Wissenschaftlerin, werde mehr und mehr von Sprach- und Vorleseprogrammen verdrängt, die zwar den Zugang zu elektronischer Information erleichtern, aber auch die Zahl der Menschen, die in Braille alphabetisiert sind, zurückgehen lassen. 

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Von Gudrun von Schoenebeck
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