02.09.2013, 11:06 Uhr | 0 |

Telefone verwanzt und Computer gehackt NSA hat auch französische Diplomaten ausspioniert

Im NSA-Abhörskandal ist offenbar kein Ende absehbar. Jetzt wurde bekannt, dass der US-Geheimdienst das französische Außenministerium gezielt attackiert hat. François Hollande will die Verhandlungen über das transatlantische Freihandelsabkommen aussetzen, bis die Spionage beendet ist.

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Die US-Geheimdienste haben laut einem Bericht der «Washington Post» zehntausende Computer weltweit mit Software-Hintertüren versehen, über die sie Zugriff auf Daten oder ganze Netzwerke haben. Bis Ende dieses Jahres soll es demnach mindestens 85 000 solcher präparierten Rechner geben, schrieb die Zeitung auf Basis von Unterlagen aus dem Fundus des Informanten Edward Snowden. Der Geheimdienst NSA habe aber auch ein System entwickelt, das Millionen infizierter Computer automatisch kontrollieren könne. 

Foto: dpa/Holger Hollemann

Das Papier gilt laut dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ als „streng geheim“ und beschreibt eine „Erfolgsstory“: Das gezielte Ausspähen des französischen Außenministeriums durch den US-amerikanischen Geheimdienst National Security Agency (NSA) im Jahr 2010. Im Fokus der NSA lag das Computernetz der Diplomaten. Es verbindet die Computer in Botschaften, in Konsulaten und die Zentrale in Paris miteinander. Laut „Spiegel“ verfügte die NSA über mehrere „sensitive Zugänge“ zu diesem als sicher geltenden Computernetz.

Die geheime Liste der NSA nennt unter anderem die Adresse diplomatie.gouv.fr, die über die Server des französischen Außenministeriums läuft. Auch die französischen Vertretungen in Washington und bei den Vereinten Nationen sind offenbar Ziele für Überwachungsattacken des NSA gewesen. Techniker des Geheimdienstes installierten in beide Gebäuden Wanzen, bei den Vereinten Nationen in New York sammelten sie zusätzlich Screenshots von Computermonitoren. Die Aktionen bekamen schöne Decknamen: Für die Aktionen in Washington entschieden sich die Schnüffler für „Wabash“ und in New York firmierten die Aktionen unter „Blackfoot“.

Frankreich wird als offizielles Aufklärungsziel genannt

Frankreich gilt laut einer nachrichtendienstlichen Prioritätenliste des Geheimdienstes als offizielles Aufklärungsziel der US-Geheimdienste. Die NSA jagt Informationen zur französischen Außenpolitik, der französischen Waffenindustrie und der wirtschaftlichen Stabilität Frankreichs hinterher. Inzwischen leidet das amerikanisch-französische Verhältnis unter den Spionageübergriffen der NSA. Bereits Anfang Juli hatte der französische Präsident François Hollande damit gedroht, die Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA auszusetzen. Hollande besteht auf Garantien seitens der US-Regierung, dass die Spionage ein Ende habe. „Solange wir diese nicht haben, kann es keine Verhandlungen geben“, sagte der französische Präsident.

Auch die diplomatischen Vertretungen der EU attackiert

Wie es scheint, hat das massive Schnüffeln der NSA in diplomatischen Vertretungen System: Aus den geheimen Dokumenten, die der Geheimnisverräter Edward Snowden besitzt und in die der „Spiegel“ in Teilen einsehen konnte, geht hervor, wie der Geheimdienst die diplomatische Vertretung der EU in Washington und bei den Vereinten Nationen in New York attackierte. Nach diesen als „streng geheim“ eingestuften Papieren der NSA vom September 2010 installierte der Geheimdienst nicht nur Wanzen in dem Gebäude im Zentrum der US-Hauptstadt und in New York, sondern infiltrierte auch das interne Computernetzwerk der diplomatischen Vertretung. Durch dieses Doppelpack lauschen die Amerikaner bei den Besprechungen in den Räumlichkeiten der EU und lesen die E-Mails und die internen Dokumente auf den Computern der Diplomaten.

„Das Ausspionieren hat Dimensionen angenommen, die ich von einem demokratischen Staat nicht für möglich gehalten habe“, sagte Elmar Brok von der CDU, Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments. Für ihn steht das geplante Freihandelsabkommen mit den USA auf der Kippe. „Wie soll man noch verhandeln, wenn man Angst haben muss, dass die eigene Verhandlungsposition vorab abgehört wird.“

231 Cyberangriffe in 2011

Auch in das Buchungssystem der russischen Fluglinie Aeroflot soll sich die NSA laut „Spiegel“ eingeklinkt haben. Und die interne und vor allem besonders gut geschützte Kommunikation des arabischen Senders Al-Dschasira lief in die Serverparks der NSA in Fort Meade in Maryland im Hauptquartier der geheimen Behörde. Laut einem Budgetentwurf, der sich im Besitz Edward Snowdens befindet, haben die amerikanischen Geheimdienste im Jahr 2011 insgesamt 231 Cyberangriffe ausgeführt. Fast dreiviertel davon richteten sich gegen Ziele mit höchster Priorität in Ländern wie Iran, Russland, China und Nordkorea und gegen die Verbreitung von Atomwaffen.

Der wohl bekannteste und spektakulärste Cyberangriff war der Computerwurm Stuxnet, der vor einigen Jahren das iranische Atomprogramm sabotierte. Es gilt als relativ gesichert, dass Stuxnet von westlichen Geheimdiensten geschrieben und auf seine zerstörerische Reise geschickt worden ist. Eine offizielle Bestätigung für die Quelle von Stuxnet gibt es bis heute nicht.

NSA entwickelt ein gigantisches Bot-Netz

Weit häufiger allerdings brechen die Geheimdienste in Computer ein, um dort Daten abzuschöpfen. Unter dem Code-Namen „Genie“, was hier für „Geist“ steht, sollen bis Ende dieses Jahres auf mindestens 85 000 strategisch ausgewählte Computern weltweit spezielle Software aufgespielt werden. Diese Schadsoftware kann automatisch Daten mitschneiden und praktischerweise gleich übermitteln. In großen Computernetzwerken kann ein solcher strategisch ausgewählte Computer den Zugang zu Hunderttausenden weiteren Computern öffnen.

Eine eigene NSA-Einheit namens TAO – das Kürzel steht für Tailored Access Operations – entwickelt die Angriffsprogramme. Die TAO verfügt dabei über ein ganzes Arsenal vorgefertigter Schadsoftware für die gängigen Router, Switches und Firewalls.

Das 652 Millionen Dollar Projekt „Genie“ hat aber Startprobleme. Die NSA meldete im Jahr 2011 bei damals schon 69 975 infizierten Computern rund um den Erdball erst bei 8448 Computern die volle Ausbeutung der Informationen, obwohl immerhin 1870 Personen im „Genie“-Programm arbeiteten.

Mit „Turbine“ Kontrolle über Millionen eingeschleuster Programme

Doch „Genie“ ist offenbar erst der Anfang. In Zukunft soll ein System mit dem Codenamen „Turbine“ den automatischen Betrieb von Millionen eingeschleuster Spionage-Programme auf infizierten Rechnern ermöglichen. Ganz offenbar strickt die NSA sich mit „Genie“ und der darauf aufbauenden „Turbine“ ihr eigenes Bot-Netz: Die NSA kontrolliert die von ihr infizierten Computersysteme unbemerkt von den Nutzern.

Insofern ist mit diesen NSA-Angriffen eine neue Dimension der Cyber-Überwachung zu erkennen. Früher ging es den USA darum, eine internationale Norm gegen aggressives Handeln im Cyberspace zu bewahren, gerade auch, weil die amerikanische Wirtschaft und das Militär so eklatant auf sichere und funktionierende Computersysteme beruht. „Nun jedoch haben offensive Operationen eine bedeutendere Rolle bekommen“, sagt William J. Lynn III, ehemaliger stellvertretender US-Verteidigungsminister.

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Von Detlef Stoller
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