01.08.2013, 14:25 Uhr | 1 |

Staaten wussten Bescheid Harbulot: Wir sind eine Kolonie des US-kontrollierten Internets

Mit scharfer Kritik an der europäischen Politik hat sich die Pariser „Schule für Wirtschaftskrieg“ zur Wort gemeldet: Deren Direktor Christian Harbulot wirft den Staaten vor, schon vor den Enthüllungen des IT-Spezialisten Edward Snowden von der Abhörung des Internets durch die USA gewusst zu haben. Europa sei im Internet nur eine Kolonie der USA.

Christian Harbulot
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Christian Harbulot, Direktor der Pariser "Schule für Wirtschaftskrieg": "Wir sind Kolonien des US-kontrollierten Internets."

Foto: Xerfi Canal/Screenshot ingenieur.de

„Die zuständigen Behörden hier in Paris haben deshalb schon Anfang der 90er-Jahre vor der Nutzung des Internets gewarnt. Aber es hat keiner darauf gehört“, sagte Harbulot den am Freitag erscheinenden VDI nachrichten. „Die meisten Staaten wussten es schon vorher. Die jetzige Aufregung hat viel mit Scheinheiligkeit und Heuchelei zu tun. Snowden hat das System offengelegt.“

Europa habe den Fehler gemacht, den USA die Herrschaft im Internet zu überlassen. „Bislang haben alle stillschweigend akzeptiert, mit der Abhörsituation zu leben. Jetzt weiß jeder Bescheid, aber niemand weiß, wie er den USA die Kontrolle wegnehmen soll.“ Dass die EU-Minister in Vilnius über die Sicherheit im Internet und neue Datenschutzgesetze gesprochen haben, sei zwar gut. „Aber die Verlogenheit und ihr Erhalt sind unerträglich. Die europäischen Staaten sind in Sachen Internet von den USA abhängig. Das hat einen Preis. Es wäre gut, darüber nachzudenken, was Europa trotz der Kontrolle der USA im Internet noch machen will.“

Derzeit sei Europa im Internet nur eine Kolonie der USA. „Ich will keine Vergleiche mit den Kolonien ziehen. Aber in diesem immateriellen Bereich des Internets fürchte ich, dass die USA eine Art der informationellen Kolonisation geschaffen haben. Wir sind Kolonien des US-kontrollierten Internets.“ Diese Kontrolle durch die USA sei mit nichts vergleichbar. „Die USA haben ein System geschaffen und kontrollieren es. Das ist mit nichts vergleichbar. Und darum geht es.“

Hier lesen Sie das Interview im Wortlaut:

VDI nachrichten: Herr Harbulot, war Ihnen das Prism-Abhörprogramm der USA vor dem Skandal bekannt?

Ja, in dem Sinn, dass jeder in der Szene wusste, dass das Internet von den USA zur Zeit des Kalten Krieges zu militärischen Zwecken geschaffen worden war und von den USA kontrolliert wird. Die zuständigen Behörden hier in Paris haben deshalb schon Anfang der 90er-Jahre vor der Nutzung des Internets gewarnt. Aber es hat keiner darauf gehört.

Halten Sie das Vorgehen der USA für legitim?

Es ist schwierig, von einem Land zu verlangen, keinen Vorteil aus einem System zu ziehen, das es selbst geschaffen hat. Das hätte jedes andere Land auch gemacht. Die Geschichte zeigt, dass jeder Staat in seinem Interesse handelt. Wir haben eben keine Weltregierung. Es ist also naiv zu glauben, dass ein Staat ein solches System schafft, sich die Nutzung aber aus philanthropischen Gründen selbst untersagt.

Wie können sich Staaten oder Unternehmen schützen?

Die Affäre Snowden stellt die Frage danach, was zu tun ist. Jeder weiß jetzt, dass es ein solches System gibt. Jeder weiß, dass das Internet kein sicheres Universum mehr ist. Die meisten Staaten wussten es auch schon vorher. Die jetzige Aufregung hat viel mit Scheinheiligkeit und Heuchelei zu tun. Snowden hat das System offengelegt. Außer den USA kann niemand die Funktionsweise des Internets verändern. Natürlich gibt es die Verschlüsselung. So etwas verlangsamt vielleicht den Zugang zu Informationen, aber löst nicht das Problem. Im Gegenteil: Verschlüsselte Informationen sind viel interessanter! Jeder muss sich also fragen, welche strategisch wichtigen Informationen er wirklich ins Internet stellen will. Wenn dort etwas erscheint, ist es schwer zu schützen. Ich möchte lieber nicht an der Stelle jener Unternehmen sein, die Internetsicherheit verkaufen.

Die USA haben Unternehmen zur Herausgabe von Daten aufgefordert. Lässt sich das nicht ablehnen?

Ich habe nicht das Gefühl, dass sie die Wahl haben. Wenn die USA Informationen wollen, finden sie schon einen Weg. Und wenn das Unternehmen sich weigert, muss es mit schwerwiegenden Folgen rechnen; vor allem für sein US-Geschäft. Es gibt Tausende Möglichkeiten, da einzugreifen.

Wie sollten Staaten reagieren?

Bislang haben alle stillschweigend akzeptiert, mit der Abhörsituation zu leben. Jetzt weiß jeder Bescheid, aber niemand weiß, wie er den USA die Kontrolle wegnehmen soll. Mir scheint es wichtig, dass die Regierungen sehr vorsichtig mit ihren Äußerungen sind. Sie sollten nicht behaupten, dass sie die Kontrolle über die Informationen im Internet haben. Die wirkliche Gefahr ist die Verschleierung. Denn es wird sicher noch andere Snowdens geben. Die Bürger müssten sich dann fragen, warum sie angelogen werden. Wer würde davon profitieren? Europafeindliche und extremistische Parteien. Darin liegt die Gefahr.

 Ist das Internet heute eine gefährlichere Waffe als Atomraketen?

Man muss realistisch bleiben. Waffensysteme – vor allem nukleare – spielen eine sehr wichtige Rolle im internationalen geopolitischen System. Aber neben dem geografischen Raum gibt es einen anderen, den virtuellen. Dort werden die Konfrontationen nicht mit Waffen geführt. Cyberkriege spielen eine immer größere Rolle und werden mit immer härteren Bandagen geführt. In diesem Bereich hat die Bezeichnung „Krieg“ ihre Berechtigung. Das Internet ist für das Militär geschaffen worden. Wir haben bislang einen großen Fehler gemacht und immer über Inhalte gesprochen – aber nicht darüber, wie sie genutzt werden. Snowden ist dafür ein gutes Beispiel. Der Schaden dieser Affäre ist größer als das Hacken einer Pentagon-Seite.

Die EU-Minister haben sich in Vilnius getroffen, um die nicht mehr ganz frischen Datenschutzregeln von 1995 zu überarbeiten. Brauchen wir andere Gesetze?

Über Gesetze nachzudenken ist gut. Aber die Verlogenheit und ihr Erhalt sind unerträglich. Die europäischen Staaten sind in Sachen Internet von den USA abhängig. Das hat einen Preis. Es wäre gut, darüber nachzudenken, was Europa trotz der Kontrolle der USA im Internet noch machen will. Die neuen Gesetze verschleiern. Wir können die USA nicht zwingen, uns nicht mehr per Internet auszuspionieren. Wir sollten mehr Geld ausgeben für die Nutzung der Informationen. Das ist in der EU seit der Formulierung der Lissabon-Strategie im Jahr 2000 völlig untergegangen.

Jetzt stehen die Briten wegen der Ausspionierung des G20-Gipfels 2009 am Pranger. Was haben sie davon?

Dahinter steckt natürlich ein Gegenfeuer der USA. Die sagen jetzt: Alle machen das Gleiche wie wir. Wir sind nicht die Einzigen. Aber der Unterschied liegt im Internet. Das wird nur von den USA kontrolliert. Es geht nicht um andere Staaten. Die USA haben ein System geschaffen und kontrollieren es. Das ist mit nichts vergleichbar. Und darum geht es.

Viele europäische Staaten sehen die USA als Alliierte.

Es geht um die Abhängigkeit eines Staates von einem anderen. Da kann man nicht von Allianzen oder Souveränität sprechen. Ich will keine Vergleiche mit den Kolonien ziehen. Aber in diesem immateriellen Bereich des Internets fürchte ich, dass die USA eine Art der informationellen Kolonisation geschaffen haben. Wir sind Kolonien des US-kontrollierten Internets. 

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Von C. Chaton | Präsentiert von VDI Logo
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kommentare
09.08.2013, 21:44 Uhr Wolf1
Ja, Herr Harbulot, wie wahr: Knechtschaft ist bequem. Und Freiheit kostet. Wenn Europa infrastrukturell selbsttändig sein und die Spielregeln bestimmen will, dann zahlt, - wer? - Und, wenn wir uns schon mit infrastruktureller Selbständigkeit befassen: Die gilt es nicht nur bei der Kommunikation im Internet zu wahren. Was machen wir eigentlich, wenn morgen "bedauerliche Sachzwänge" zu einer nur noch eingeschränkt verfügbaren Präzision beim GPS führen? Stichworte Logistikmanagement (aktuell), GPS-gestützte Lagerwirtschaft im Hochregallager morgen ...? Auch GPS ist so eine Infrastruktur, die kostet, und für die bisher andere zahlen ...

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