15.06.2013, 08:00 Uhr | 0 |

Telematik Der gläserne Autofahrer nimmt Gestalt an

Nutzerdaten werden bei Telematikdiensten künftig eine immer größere Rolle spielen. Beim Fahren fällt eine Unmenge Daten an, die sich auf ganz unterschiedliche Weise nutzen lassen. Der Datenschutz steht dabei aber noch am Anfang.

E-Call: So funktioniert das automatische Notrufsystem
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Ab dem Jahr 2015 sollen laut EU alle Neufahrzeuge mit einem automatischen Notrufsystem ausgerüstet werden. Dieses informiert bei einem Unfall die Notrufzentrale und übermittelt den Unfallort. 

Foto: ADAC

Viele elektronische Fahrerassistenzsysteme speichern zeitweise oder permanent technische Daten. Damit soll das Auto störungsfrei und sicher werden. Daten helfen zudem der Werkstatt Fehler zu erkennen und zu beseitigen. Werden die Daten mit Kundendaten verknüpft, können sie noch für andere Zwecke verwendet werden.

Mit dem neuen Notrufsystem eCall werden bald alle Autos mit einem Gerät ausgestattet sein, das die Fahrsituation beobachtet. Am 13.Juni 2013 stellte die EU-Kommission einen entsprechenden Vorschlag vor, dem Rat und Parlament noch zustimmen müssen. Er sieht vor, ab 2015 alle neu zugelassenen Kraftfahrzeuge in der Europäischen Union mit dem System auszustatten.

eCall setzt bei einem Unfall automatisch einen Notruf ab. Dabei soll es auch bleiben. "Bei eCall ist es nicht möglich, die Nutzerdaten auszulesen und an Versicherungen weiterzugeben", stellt Thomas Funke, Partner und Leiter Kartellrecht der Kanzlei Osborne Clarke, klar.

Forderung des EU-Parlaments nach offener Plattform

Das Europäische Parlament forderte außerdem bereits im vergangenen Jahr, dass die eCall-Hardware eine offene Plattform sein soll und damit Interoperabilität gewährleistet. Rechtsanwalt Funke: "Der Fahrzeughersteller darf das vernetzte Fahrzeug nicht dauerhaft an sich ketten, sondern der Kunde muss unter verschiedenen Dienstleistern auswählen können." Auf diese Weise sollten Autohersteller über eCall keinen Informationsvorsprung bekommen, um so Wettbewerbsvorteile im Telematikmarkt ausbauen zu können.

"Allerdings", so weiß Funke, "kann dieselbe Technik genutzt werden, um ständig Daten zu sammeln und über Mobilfunk zu verschicken." Solche weitergehenden Telematikdienste könnten die Autohersteller oder die Versicherungen anbieten. Beispielsweise könnten bei Nutzfahrzeugen die Standzeiten reduziert werden, indem die Reparaturzeiten beschleunigt werden. Das wäre etwa möglich, wenn das System feststellt, dass der Fahrer wiederholt stark bremst und die Bremsscheiben entsprechend abnutzt. Darauf könnte sich die Werkstatt rechtzeitig einstellen.

Erste Versicherer bieten bereits Notrufgeräte an

Schon heute gibt es auf dem deutschen Markt erste Versicherer wie R+V oder Provinzial, die Notrufgeräte anbieten, die bei Unfällen automatisch Alarm schlagen. In Großbritannien gibt es bereits einen Versicherer, der, gekoppelt an ein solches System, einen speziellen Versicherungstarif anbietet, der sich vor allem an junge Frauen zwischen 17 und 25 Jahren wendet.

Er heißt "drive like a girl", da man festgestellt hat, dass junge Autofahrerinnen defensiv fahren und weniger Unfälle verursachen als männliche Fahranfänger. Sie beschleunigen weniger hart, gehen weniger schnell in die Kurve und fahren nicht immer die Höchstgeschwindigkeit. Das Telematikgerät überprüft dabei, ob die Fahrerin tatsächlich defensiv fährt.

Riesige Datenmengen fallen an

Es sind riesige Datenmengen, die in solchen Geräten anfallen und für die verschiedensten Zwecke genutzt werden können. Die entstehenden Bewegungsprofile könnten künftig auch für maßgeschneiderte Angebote, wie die Werbung für ein Restaurant an einer viel befahrenen Strecke, genutzt werden. Im Auto als rollender Computer wachsen damit zwei Welten zusammen: die der Automobilwirtschaft und die der Informationstechnik. "Wichtig dabei ist", sagt Thomas Funke, "dass der Autofahrer die Kontrolle über seine Daten behält."

Die Realität sieht jedoch etwas düsterer aus. "In der Regel hat der Fahrzeugnutzer keine Kenntnis, dass und welche Daten in seinem Fahrzeug erhoben, verarbeitet und gespeichert werden", stellt der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar in seinem aktuellen Tätigkeitsbericht fest. Die Datenschützer des Bundes und der Länder haben deshalb eine Arbeitsgruppe "Fahrzeugdatenspeicher" eingerichtet.

Dort entwickeln sie gemeinsam mit dem Verband der Automobilindustrie eine Musterinformation über Datenspeicherung in Autos, die künftig in die Betriebsanleitung von neuen Fahrzeugen aufgenommen werden soll. Sie soll die Fahrer besser darüber informieren, welche personenbezogenen Daten ihr Fahrzeug speichert. Wer allerdings wissen möchte, welche Daten zu welchem Zweck ausgelesen werden können, muss sich an seine Kfz-Werkstatt oder den Fahrzeughersteller wenden.   

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Von Chr. Schulzki-Haddouti | Präsentiert von VDI Logo
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