15.06.2016, 10:10 Uhr | 0 |

Digitale Personenprofile Datenschutz ade: Bald werden alle Briten gläsern

Die Überwachung der Bevölkerung nimmt in zahlreichen Ländern immer weiter zu. Den Vogel dürften aber bald wohl die Briten abschießen: Das Innenministerium in London plant eine Großrechenanlage, in der sämtliche Daten zu jeder Person im Land jede Minute greifbar sind und in Sekundenschnelle zu kompletten Personenprofilen zusammengestellt werden können.

Briten feiern 90. Geburtstag der Queen
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Briten feiern den 90. Geburtstag von Queen Elizabeth II.: Nicht mehr lange und die Daten aller im Land lebenden Personen werden zentral vom Innenministerium erfasst. In wenigen Sekunden soll sich bei einer Anfrage dann ein vollständiges Profil abrufen lassen. 

Foto: Facundo Arrizabalaga/dpa

Rund 65 Millionen Menschen zählt die britische Bevölkerung. Das Innenministerium zielt mit seiner neuesten Planung darauf ab, sämtliche Einwohner – und wohl auch alle Ausländer, die sich legal im Lande aufhalten – in einem Zentralrechner mit sämtlichen verfügbaren Daten über sie zu speichern. Dabei sollen alle irgendwo von der öffentlichen Hand geführten Daten auf den zentralen Großrechner übertragen werden. Davon verspricht sich die Regierung eine ganz erhebliche Verbesserung der Sicherheit im Land. 

Schnelle Auswertung der riesigen Datenmenge

Rein theoretisch werden im Zentralrechner auch nicht mehr Daten enthalten sein als heute in einer Vielzahl von Dateien. Das Innenministerium erwartet von der Datenkonzentration aber nicht nur einen wesentlich schnelleren Zugriff auf Einzeldaten, sondern vor allem eine drastische Verbesserung in der Auswertung.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Die Aufnahme vom Freitag (09.09.2011) zeigt das "Gefällt mir"-Logo von Facebook, das sich in der Pupille einer Nutzerin spiegelt. Foto: Boris Roessler dpa (zu dpa: "Facebooks Problem mit der rassistischen Hetze" vom 26.08.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Nicht nur bei Facebook gibt es Probleme mit dem Datenschutz. Auch Behörden haben immer weniger Respekt vor der Privatsphäre. 

Foto: Boris Roessler/dpa

Die Datensammlung an einer einzigen Stelle ermöglicht nämlich den Aufbau eines Personenprofils, das bei der heutigen Verteilung der Informationen auf schier unzählige Rechenzentren-Betreiber nur sehr langsam und in mühevoller Kleinarbeit möglich wäre. Dabei könnten auch sekundenschnell Zusammenhänge sichtbar werden, die bisher kaum aufzuspüren sind.

Schon jetzt wird in Großbritannien so flächendeckend überwacht wie in kaum einem anderen Land. So gibt es im gesamten öffentlichen Raum Überwachungskameras, jedes Auto in Großbritannien wird im Schnitt viermal pro Stunde gefilmt, das Kennzeichen erfasst und gespeichert.

Regierung will Terrorismus und Kriminalität bekämpfen

Die vorgesehene Zentralisierung aller Datenbestände soll nach Angaben des Innenministeriums vor allem drei große Vorteile bringen: Erstens eine weitere Reduzierung der Verbrechenshäufigkeit bei gleichzeitiger Verbesserung der Aufklärung von Verbrechen. Zweitens eine wesentliche Verbesserung der Sicherheit an den Grenzen. Drittens eine deutlich spürbare Vorbeugung gegenüber Terrorismus.

Nicht aufgeführt in dieser Liste ist noch ein anderes Ziel, welches das Innenministerium auch nicht bestreitet: eine nachhaltige Reduzierung der Kosten in der Datenvorhaltung und -auswertung. Dazu trägt wesentlich bei, dass viele Behörden künftig keine eigenen Rechenzentren mehr betreiben werden.

Welche Daten zuerst zentralisiert werden, steht schon fest 

Das Innenministerium macht mit jenen Datenbeständen den Anfang, auf die heute schon von der Behörde zugegriffen wird. Dabei handelt es sich um alle Reisepass-Daten der Bevölkerung, sämtliche Daten, die die Polizei landesweit gespeichert hat, sämtliche Daten von Ein- und Ausreisen an den Landesgrenzen sowie die Daten des zentralen Kraftfahrzeug- und Führerscheinamts.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Ein Netzwerk-Kabelstecker leuchtet am 16.10.2014 in der Netzwerkzentrale der Messe Friedrichshafen (Baden-Württemberg) zu Kontrollzwecken rot. Die EU und die USA hatten sich Ende Februar auf neue Regeln zum Datenaustausch geeinigt. Die Datenschutzbehörden der EU-Staaten veröffentlichen nun am 13.04.2016 eine Stellungnahme zu der Datenschutzvereinbarung. Foto: Felix Kästle/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Rund 65 Millionen Menschen zählt die britische Bevölkerung. Das Innenministerium zielt mit seiner neuesten Planung darauf ab, sämtliche Einwohner – und wohl auch alle Ausländer, die sich legal im Lande aufhalten – in einem Zentralrechner mit sämtlichen verfügbaren Daten über sie zu speichern. 

Foto: Felix Kästle/dpa

Schließlich kommen noch die Daten aus der erst vor kurzem eingeführten und noch keineswegs landesweiten Automatischen Kraftfahrzeug-Kennzeichen Beobachtung (ANPR) hinzu. All diese Informationen werden künftig nur noch an einer Stelle – im Zentralrechner – gespeichert.

Weitere Daten werden im Laufe der Zeit hinzukommen

Während das Innenministerium keine größeren Schwierigkeiten bei der Übertragung der erwähnten Daten auf den Zentralrechner erwartet, sieht das bei einigen anderen Datensammlungen ganz anders aus. Erheblicher Widerstand in der Bevölkerung dürfte sich regen, wenn die Datensammlungen des Staatlichen Gesundheitsdienstes, der Schulen und Universitäten, der Finanzverwaltung, des Zentralen Grundbuchamts und einiger anderer Stellen ebenfalls auf den Zentralrechner übergehen. Hier könnte die erstaunliche Langmut der allermeisten Briten gegenüber einer immer weiter zunehmenden Überwachung dann doch einer Opposition weichen.

Profil der Einzelperson baut technisch auf Algorithmen auf

Die schnelle Auswertung extrem großer Datenbestände ist nur auf der Basis eines automatisch arbeitenden Programms mit unzähligen Algorithmen möglich. In der Endstufe enthielte ein Personenprofil sämtliche Daten der jeweiligen Person von der Geburt über Schulbesuche, Krankheiten, die Ausbildung, den beruflichen Werdegang, Strafen, den Kauf und Verkauf von Kraftfahrzeugen, Immobilien, Auslandsreisen, Einkommens- und Vermögensverhältnisse.

Das Problem liegt dabei darin, wer ein solches Profil anfordern darf. Schon jetzt wird von verschiedenen Seiten gefordert, dass die Entscheidung darüber nicht allein dem Innenministerium vorbehalten bleiben darf. Diese Behörde betont, dass der Zugang zu einem Personenprofil abhängig von der Aufgabe derjenigen sei, die es anfordern.

Ein Demonstrant trägt am 26.05.2016 in München (Bayern) bei einer Kundgebung ein T-Shirt mit der Aufschrift "PRIVACY IS NOT A CRIME". Die Teilnehmer gingen auf die Straße um unter dem Motto "Freiheit statt Angst! Stoppt den Überwachungswahn!" für mehr Datenschutz zu demonstrieren. Foto: Tobias Hase/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Privatsphäre ist kein Verbrechen: Trotzdem schreitet die Überwachung unbescholtener Bürger fort. In Großbritannien sollen jetzt alle verfügbaren Daten über dort lebende Menschen in einem Großrechner zusammengeführt werden, um daraus bei Bedarf sekundenschnell ein Personenprofil erstellen zu können.

Foto: Tobias Hase/dpa

De facto würde das bedeuten, dass der Zugang nicht nur zu Gesamtprofilen einer Person sondern auch zu Teilprofilen möglich sein wird. So bekäme beispielsweise das Zentrale Kraftfahrzeug- und Führerscheinamt automatisch den Zugang zu all jenen Daten, die diese Behörde schon heute speichert, die dann aber nicht mehr im eigenen Rechnersystem, sondern im Zentralrechner enthalten sein werden.

Der Zugang zum Zentralrechner muss nach Auffassung zahlreicher Politiker aber auf jeden Fall in einer Art und Weise geregelt werden, die zuvor vom britischen Parlament abgesegnet werden sollte.

Software-Basis ist Apache HADOOP

Der Zentralrechner des Innenministeriums wird mit einer Plattform für alle Daten arbeiten. Die dafür benötigte Software wird auf Apache HADOOP aufbauen, einem Open-Source-Software-Netzwerk von IBM, das den dezentralen Zugang zu extrem großen Datenmengen erlaubt. 

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Von Peter Odrich
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