24.07.2014, 12:20 Uhr | 0 |

Privatsphäre gefährdet Canvas Fingerprinting: Ein Gemälde als Fingerabdruck

Der Schutz der Privatsphäre im Internet hat eine neue Angriffsfläche: Canvas Fingerprinting. Diese Methode ersetzt die Cookies, die schon seit langem das Surfen im Netz komfortabler machen, aber auch für unerwünschte Werbung sorgen. Abschalten kann man das Canvas Fingerprinting im Browser nicht.

Kennen Sie Cookies? Sicher! Diese kleinen Spähprogramme gibt es schon seit Mitte der 90er-Jahre, sie legen unbemerkt im Hintergrund ein Profil des Nutzerverhaltens auf jeden mit dem Internet verbundenen Computer an. Sie helfen vor allem der werbetreibenden Industrie, den jeweiligen Nutzer wiederzufinden, ein Profil seiner Gewohnheiten und Wünsche zu erstellen. Das Ziel: ihn gezielt mit Werbung zu bombardieren. Praktisch alle Internet-Browser bieten heute die Möglichkeit, diese Cookies abzuwehren. Einfach eine Frage der Einstellung im Browser, sicher surfen ohne Spuren im Netz also. Weit gefehlt!

Selbst Sicherheitsfirmen nutzen den Fingerprint

Ausgerechnet Kaspersky, eine der Firmen, die für Sicherheit im unsicheren Internet sorgen will, setzt offenbar eine neue Verfolgung des Surferverhaltens namens „Canvas Fingerprinting“ ein, übersetzt heißt das „Gemälde als Fingerabdruck“. Dieses Gemälde ist ein Werk, ein Code, aus Nullen und Einsen und im Sekundenbruchteil übertragen. Da ist Kaspersky dann vereint mit dem Weißen Haus in Washington, mit n-tv, dem Kicker, mit der Telekom, mit dem Handelsblatt, mit WetterOnline oder Computer Bild.

„Das Web vergisst nie“

Laut einer Studie von Forschern an den Universitäten Princetown in den USA und Leuven in Belgien mit dem schönen Titel „Das Web vergisst nie“ sind es inzwischen fünf Prozent der 100.000 populärsten Webseiten, die das Canvas Fingerprinting einsetzen. „Die Deutsche Telekom wusste nichts von der eingesetzten Methode auf t-online.de. Wir werden dem Sachverhalt nachgehen und diese nicht abgestimmte Form des Trackings unterbinden“, zeigt sich das Unternehmen einigermaßen entsetzt. Im Groben funktioniert das Fingerprinting so: Die angesteuerte Webseite bringt den jeweiligen Browser des Nutzers dazu im Hintergrund und für den Nutzer völlig unsichtbar ein Bild zu erstellen.

Von der Bildschirmauflösung bis zu installierten Schriften

Dazu nutzt die neue Tracking-Technik Informationen, die ohnehin für die angesteuerte Webseite bekannt sind: Das ist die Rechnerkonfiguration, die Browserversion, das Betriebssystem, die Bildschirmauflösung, ja selbst die installierten Schriftarten gehen als Basisdaten in das Bild ein. So entsteht eine Art von Fingerabdruck, ein einzigartiges Bild. Anhand dieses Bildes können die Tracker den Nutzer beim Besuch der nächsten Seite mit Canvas Fingerprinting identifizieren.

Das ist erst mal nichts gravierend Neues, weil so etwas auch die bekannten Cookies machen. Diese zeichnen auch das Surfverhalten des Nutzers auf, diese erstellen auch Nutzerprofile auf Grundlage des Surfverhaltens. Cookies kann der Nutzer allerdings in den Sicherheitseinstellungen seines Browsers blockieren. Dann richten diese kleinen Programme keinen Schaden mehr an. Canvas Fingerprinting hingegen umgeht die Funktionen der Browser.

„Schneller, bequemer und noch genauer“

Auch die Technologie des Fingerprintings ist nicht neu. Das Grundprinzip zum Fingerprinting wurde im Jahre 2010 von der Electronic Frontier Foundation aufgezeigt und 2012 von den Entwicklern Keaton Mowery und Hovav Shacham an der Universität von San Diego in Kalifornien weiterentwickelt. Die Beiden holten sich schon die Daten über den Browser, über installierte Plugins, kaperten die Informationen über die Zeitzone  und die CPU.

ILLUSTRATION - Ein Mann arbeitet am 12.07.2014 in Kaufbeuren (Bayern) an der Tastatur eines Laptops. Deutschland und die USA liefern sich wegen der Spionage-Affäre einen offenen Schlagabtausch. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht die Vertrauensbasis erschüttert, wie sie am Samstag im ZDF betonte. Die US-Regierung kritisierte die heftigen deutschen Reaktionen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Den großen Unbekannten gibt es im Internet nicht. Immer wieder gibt es neue Programme, um das Nutzungsverhalten der User zu verfolgen. 

Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

„Das neue Canvas Fingerprinting, das stellt eine Weiterentwicklung dar im dem Sinne, dass nicht nur eine Datei, eine Liste von den Browser-Einstellungen gespeichert wird, sondern daraus ein technisches Bild, eine Grafikdatei im Hintergrund unsichtbar gezeichnet wird, die die Identifikation oder Individualisierung schneller, bequemer und noch genauer macht“, erklärt Frederick Richter von der Stiftung Datenschutz.

„Wir suchen nach einer Alternative zu Cookies“

Für die Verbreitung der neuen umstrittenen Technologie ist vor allem die Firma AddThis verantwortlich, die Facebook- und Twitter-Buttons auf immerhin 13 Millionen Internet-Seiten zur Verfügung stellt. Und zwischen diesen beliebten Knöpfen hat sie zumindest auf einem Teil der Internetseiten die neue Canvas-Fingerprinting-Technologie versteckt. AddThis-Chef Rich Harris bestätigt, dass sein Unternehmen diese Konzept des Canvas-Fingerprinting seit Anfang des Jahres testet: „Wir suchen nach einer Alternative zu Cookies.“

Wirklich schützen kann sich jeder Internet-Nutzer vor diesem neuen Versuch, das individuelle Surf-Verhalten im Internet nachzuzeichnen wohl nur dadurch, das er verschlüsselt im Netz unterwegs ist. Also zum Beispiel über das Tor-Projekt. Tor anonymisiert den Weg durch das Internet. Das geht aber einher mit Nachteilen wie weitaus weniger Geschwindigkeit und fehlerhafter Seitendarstellung.

Analog schlägt Digital

Frederick Richter von der Stiftung Datenschutz weist darauf hin, dass es noch eine üblere Form der Nachstellung über das Netz gibt: „Es gibt durchaus die Fälle, wo Hacker, bösartige Hacker es geschafft haben, sich in die Webcam von Notebooks oder Tablets oder ähnlichen Geräten einzuschalten. Die schalten die Webcam an und können auch die Lampe ausschalten, die den Nutzern signalisiert, dass die Webcam in Betrieb ist, und können dann Einblick in den Raum des Nutzers erhalten, ins Schlafzimmer zum Beispiel.“ Gegen diese üble Spionage in die Intimsphäre hat die Stiftung Datenschutz jetzt etwas sehr wirkungsvolles entwickelt: Einen Sticker, den man über die Webcam klebt. Analog schlägt Digital.

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Von Detlef Stoller
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