03.12.2013, 16:00 Uhr | 0 |

EU-Projekt zum Notfallmanagement Elektronisches Armband beschleunigt medizinische Erstversorgung

Das neue System „eTriage“ soll die Rettungskräfte bei großen Katastrophen besser koordinieren. Die Verletzten erhalten bei der Erstsichtung ein elektronisches Armband, das alle lebenswichtigen Daten an die Leitstelle sendet. Schwerverletzte können wesentlich schneller geborgen und versorgt werden. 

Elektronisches Armband für Verletzte
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Die Kodierungen der Armbänder signalisieren die Schwere des Verletzungsgrads. Die Ersthelfer können umgehend entscheiden, ob das Opfer in ein Krankenhaus gebracht werden muss, oder ob es vor Ort versorgt werden kann.  

Foto: Fraunhofer FIT

Bei Naturkatastrophen, Terroranschlägen, Unfällen in technischen Anlagen oder Zugunglücken zählt jede Sekunde. Von der Koordination der Rettungsdienste hängen viele Menschenleben ab. Je zügiger die Erstsichtung der Betroffenen erfolgt, bei der sie nach der Schwere ihrer Verletzungen gekennzeichnet werden, desto schneller können sie evakuiert und in umliegende Krankenhäuser verteilt werden. Derzeit erfolgt die Erstsichtung, in der Fachsprache „Triage“ (abgeleitet vom französischen ‚trier’ für sortieren) genannt, mit Hilfe von farbigen Karten aus Papier, die die Ersthelfer den Opfern anhängen.

„eTriage“ übernimmt die Ortung der Verletzten und sendet deren Vitaldaten

Die Farbkodierungen grün, gelb, rot und blau kennzeichnen die Schwere der Verletzung und die Behandlungspriorität. Puls oder Atemfrequenz werden auf den Karten von Hand vermerkt. Die erhobenen Daten zeigen zwar, wie es dem Opfer ging, als die Retter es vorfanden. Aktualisiert werden können diese jedoch manuell nicht. Hinzu kommt, dass die Karten bei ungünstigen Witterungsbedingungen leicht beschädigt werden können. Wissenschaftler vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT in Sankt Augustin haben nun ein „eTriage-System“ entwickelt, das die Karten aus Papier ersetzen soll. Es übernimmt die Ortung der Verletzten und übermittelt deren Vitaldaten wie Puls, Atemfrequenz und Blutsauerstoff in Echtzeit an die Einsatzleitstellen.

eTriage besteht aus mehreren Komponenten: Anstelle der Papierkarten versehen Ersthelfer die Verletzten mit farbkodierten Armbändern aus leichtem, biegsamen Plastik. Diese Armbänder sind das Herzstück des Systems und haben einen GPS-Sensor, ein Netzwerkteil für die Kommunikation mit dem Datennetz und einen Chip, mit dem die Person über elektromagnetische Wellen lokalisiert werden kann. Unversehrte Personen erhalten lediglich das Armband mit dem GPS-Sensor, instabile Opfer und Schwerverletzte werden zudem mit am Körper angebrachten Sensoren ausgestattet, die die Vitaldaten an die Leitstelle senden.

Das Armband dient als Schnittstelle und Netzwerkknoten. Die Daten können über ein ZigBee – ein langsames, aber weitreichendes und sparsames Funknetz – aber auch per WLAN oder über das Mobilfunknetz übertragen werden. Am Gürtel der Ersthelfer angebrachte Triage-Relays dienen zudem als Zwischenspeicher, Datenbackup und -sender, sollte das ZigBee-Netz doch einmal ausfallen.

Schwerstverletzte Opfer werden nach 30 Sekunden gemeldet und abtransportiert

Die vom Triage-Armband übertragenen Daten werden auf einem Tablet, PC oder Smartphone visualisiert. Eine Kartenansicht und eine Ansicht, die die Situation vor Ort wiedergibt, verschaffen Ersthelfern und Einsatzleitern einen schnellen Überblick über die Lage. Per Klick auf Icons, die farblich mit denen der Armbänder korrespondieren, erhalten sie alle Angaben über die Position der Opfer, den Gesundheitszustand, Verletzungsgrad und die Körpersignale. Die Retter erkennen sofort, wo sich die meisten Schwerverletzten befinden. Sie können umgehend entscheiden, in welche Krankenhäuser die Opfer gebracht werden müssen, ob eine Versorgung vor Ort ausreicht oder ob Hubschrauber angefordert werden müssen. „Mit unserem eTriage-System ist ein mit rot kategorisiertes schwerverletztes Opfer spätestens nach 30 Sekunden gemeldet und kann sofort abtransportiert werden. Bei der herkömmlichen Papier-Methode dauert es bis zum Abtransport oftmals bis zu 30 Minuten“, sagt Erion Elmasllari, Wissenschaftler am FIT.

Die Zuverlässigkeit des Systems konnten die Forscher live bei einer fünfstündigen Großkatastrophen-Übung unter Beweis stellen – einem simulierten Terroranschlag auf ein Fährterminal im Oktober dieses Jahres im norwegischen Stavanger. Bei dem Großeinsatz mit 350 Opfern, 50 Ersthelfern, 30 Krankenwagen, mehreren Hubschraubern und einer mobilen Leitstelle funktionierte das Zusammenspiel der Triage-Komponenten laut Angaben der Entwickler einwandfrei. Nächster Einsatz ist ein zweimonatiger Langzeittest bei einer Hilfsorganisation.

Projekt „Bridge“ soll die Ersthelfer-Organisationen europaweit koordinieren

Die Entwicklung von eTriage wurde möglich durch das Projekt „Bridge“. In diesem EU-Projekt soll eine bessere medizinische Erstversorgung, ein optimiertes Notfallmanagement und ein effektiveres Vorgehen der Rettungskräfte bei Großunfällen vorangetrieben werden. Dem Projektkonsortium gehören insgesamt 14 europäische Universitäten, Entwicklungsunternehmen, Experten und Vertreter aus der Praxis an. Die EU unterstützt das Projekt, das seit April 2011 läuft und auf vier Jahre angelegt ist, mit 13 Millionen Euro. Während die Projektkoordination in Norwegen liegt, ist das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT in Sankt Augustin für die technische Gesamtkoordination verantwortlich. 

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Von Gudrun von Schoenebeck
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