28.09.2015, 14:39 Uhr | 0 |

Algorithmus entwickelt Verspätungen in Stockholms Regionalzügen bald kein Thema mehr

Auf Gleis zwei wartet ein Regionalzug auf einen verspäteten Intercity. Fahrplanmäßig geht jetzt nichts mehr. Beide Züge setzen ihre Fahrt mit Verspätung fort. Am nächsten Umsteigebahnhof passiert das gleiche. Die Verspätungen weiten sich aus. Im Extremfall kommt der Fahrplan einer ganzen Region durcheinander. Rund um Stockholm nicht mehr. Warum das so ist?

Zubringerzug mit Verspätung angekommen
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Jetzt aber schnell: Beim Umsteigen ist Hektik angesagt, wenn der Zubringerzug mal wieder verspätet angekommen ist.  

Foto: Stockholmstag

Weil der schwedische Mathematiker Wilhelm Landerholm mit „The Commuter Prognosis“ (Commuter = Pendler) jetzt einen mathematischen Algorithmus entwickelt hat, mit dem sich Verspätungen vorhersagen lassen. Und zwar schon Stunden bevor sie auftreten.

Fahrgäste und Verkehrsunternehmen haben also genügend Zeit gegenzusteuern. Menschen, die sich via Internet über Verspätungen informieren, ehe sie zum Bahnhof fahren, können auf die Reise verzichten, stattdessen ins Auto steigen oder einen früheren Zug nehmen, um dennoch rechtzeitig am Ziel zu sein. Die Bahnverwaltung, in diesem Fall der schwedische Betreiber Stockholmstag, kann, wenn es gar zu schlimm wird, zusätzliche Züge fahren lassen, um möglichst viele Reisende dennoch pünktlich ans Ziel zu bringen.

Aktuelle Prognosen mit historischen Daten

Landerholm arbeitet mit historischen Daten. Sein Programm ermittelt die Folgen der Verspätung eines einzigen Zuges, indem es nach ähnlichen Fällen in der Vergangenheit sucht und diese analysiert. Darauf baut sich eine Prognose für den aktuellen Verspätungsfall auf. „Wir haben ein Vorhersagemodell entwickelt, das zwei Stunden in die Zukunft weist“, sagt Mikael Lindskog, beim Bahnbetreiber Stockholmstag für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. „Unsere Leitzentrale kann dann den Schneeballeffekt stoppen und die Auswirkung auf andere Züge minimieren.“

Derzeit ermittelt der Betreiber die Verspätungen und deren Auswirkungen von Hand. Mit Computerunterstützung wird es schneller gehen, so die Erwartung. Ende des Jahres soll das System in Betrieb gehen.

Kaum übertragbar auf komplexe Netze

Es könnte funktionieren, denn das Streckennetz ist überschaubar. Stockholmstag betreibt vier Vorortlinien, die alle in Stockholm beginnen und enden. Die Gesamtlänge beträgt 245 Kilometer. Die Züge bedienen 56 Haltepunkte. Nur wenige davon sind Umsteigebahnhöfe, an denen sich Verspätungen einzelner Züge auf andere auswirken können. Daher ist „The Commuter Prognosis“ zumindest nicht ohne weiteres auf komplexere Netz übertragbar, etwa auf den Regionalverkehr in Berlin oder im Rhein-Ruhr-Gebiet, geschweige denn auf das Fernbahnnetz der Deutschen Bahn.

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Von Wolfgang Kempkens
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