09.08.2013, 14:51 Uhr | 0 |

Fehlende Fahrdienstleister Nach Chaos im Mainzer Hbf. soll jetzt Schlecker-Personal aushelfen

Der Mainzer Hauptbahnhof bleibt bis auf weiteres abends und nachts geschlossen, weil sieben von 15 Fahrdienstleitern im Stellwerk krank sind oder gerade Urlaub machen. Die Situation ist für das größte Bahnunternehmen Westeuropas peinlich und blamabel.

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Das Schlimmste ist vorbei. Ab September verspricht die Deutsche Bahn ihren Kunden am Mainzer Hauptbahnhof wieder normale Verhältnisse.

Foto: dpa/Fredrik von Erichsen

Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling von der SPD kann seine Entrüstung über die allabendliche Stilllegung des Mainzer Hauptbahnhof nicht verbergen: „Wenn das zutrifft, dann ist beim Bahnvorstand offenbar eine Schraube locker. Das wäre ja so, als ob eine große Telefongesellschaft die Leitungen nach Mainz kappt, weil zwei Techniker krank geworden sind.“

Grund für den Unmut in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt: Bei der Deutschen Bahn sind vier der 15 Fahrdienstleiter, die normalerweise im Stellwerk ihre Arbeit verrichten, derzeit krank gemeldet. Da aber auch noch drei weitere Fahrdienstleiter die Urlaubssonne genießen, sind nur noch acht Fahrdienstleiter im Stellwerk. Und das ist für den gewohnten Rund-um-die-Uhr-Betrieb eines Hauptstadtbahnhofes wie Mainz zu wenig.

Ab acht Uhr abends ist der Bahnhof dicht

Deshalb werden ab 20 Uhr keine Züge mehr im Hauptbahnhof Mainz abgefertigt. Deshalb werden in der kommenden Woche einige Züge der S-Bahnlinie S-8 in Richtung Frankfurt und der Regionalbahn 75 in Richtung Darmstadt ganztägig im rechtsrheinischen Mainz-Kastel halten und nicht im Hauptbahnhof. Der ist zu Normalzeiten ein gut frequentierter Knotenpunkt in Rheinland-Pfalz. Täglich machen dort 104 Fernzüge und 311 Nahverkehrszüge Station, rund 60.000 Reisende und Besucher hat der Mainzer Hauptbahnhof pro Tag.

Die krankheits- und urlaubsbedingte Misere in Mainz kann die Bahn offenbar nicht kurzfristig lösen, weil sie grundsätzlich knapp mit Fahrdienstleitern besetzt ist. Bis Ende August gebe es „noch weitere Verschlechterungen“, sagte der Vorstandschef der DB Netz, Frank Sennhenn. „Wir werden uns in den nächsten Wochen und Monaten auf dünnem Eis befinden.“ Der Fern- und der Regionalverkehr bleibt in den nächsten drei Wochen eingeschränkt. „Wir sehen uns nicht in der Lage, eine stabile Aussage zu machen, wie es im September weitergeht“, musste Sennhenn dann auch noch einräumen und schob nach: „Das Thema treibt mich mächtig um. Ja, das ist mir peinlich.“

Verkehrsminister lädt zu rundem Tisch ein

Nun hat der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Roger Lewentz Bahn, Kommunen und Verbände zu einem runden Tisch eingeladen, der voraussichtlich am kommenden Donnerstag stattfinden soll. „Was den Bahnkunden hier in Mainz gerade zugemutet wird, ist blamabel, peinlich und absolut nicht hinnehmbar“, sagte der Minister.

Wohl war. Aber es ist auch eine Tatsache, dass die Politik in Berlin lange die rigide Sparpolitik des Ex-Bahnchefs Hartmut Mehdorn geduldet hat, weil das ehemalige Bundesunternehmen Deutsche Bahn mit Gewalt an die Börse gebracht werden sollte. Valerie Wilms, Bahn-Expertin bei den Grünen: „Jetzt zeigen sich die Spätfolgen der Ära Mehdorn.“ Denn gerade die Tochter DB Netz musste ihr Personal besonders stark ausdünnen und auf Neueinstellungen verzichten. Deshalb macht sich inzwischen auch die Überalterung der Belegschaft deutlich bemerkbar. Das Durchschnittsalter des Personals liegt bei 46 Jahren.

Doch auch der derzeitige Bahnchef Rüdiger Grube ist für Valerie Wilms mitverantwortlich für die Misere in Mainz. „Er hätte in den vergangenen zwei Jahren Zeit genug gehabt, gegenzusteuern und neue Fachkräfte anzulernen, statt die Überschüsse aus dem Monopolbetrieb Netz AG in Prestigeprojekte zu stecken.“ Gemeint ist das völlig aus dem Ruder gelaufene Projekt Stuttgart 21.

Eine Million Überstunden aufgelaufen

Dabei waren die jetzt auftretenden Engpässe für jeden Personalplaner absolut absehbar. Laut Alexander Kirchner, dem Vorsitzenden der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, fehlen derzeit rund 1000 Fahrdienstleiter. In der Folge sind rund eine Million Überstunden bei den Beschäftigten aufgelaufen. Dazu kommt noch ein weiteres Problem, resultierend aus dem hohen Altersdurchschnitt der Bahn-Beschäftigten: Altersbedingt werden in den nächsten 10 bis 15 Jahren rund 18.000 Mitarbeiter in den Ruhestand wechseln.

Wie groß die Not bei der Bahn inzwischen ist, zeigt die recht kuriose Tatsache, dass das Unternehmen nun versucht, neue Fahrdienstleiter auch in Schnellkursen auszubilden. Die Bahn greift dabei sogar auf Ex-Mitarbeiterinnen der früheren Drogeriekette Schlecker zurück. Da jedoch die Erfahrung am Shampoo-Regal wenig mit den komplexen Anforderungen des Schienenverkehrs gemein hat, müssen diese Ex-Schlecker-Frauen erst grundlegende Erfahrungen im Schienenverkehr sammeln, bevor sie die Ausbildung zur Fahrdienstleiterin überhaupt mit Aussicht auf Erfolg beginnen können.

Bahn will noch in diesem Jahr 600 neue Fahrdienstleiter einstellen

Schon die Einweisung eines ausgebildeten Fahrdienstleiters von außerhalb für das jetzt abends verwaiste Stellwerk in Mainz dauert drei Monate. Denn jedes Stellwerk ist sozusagen ein Individuum, hat spezielle technische Eigenheiten und unterschiedliche örtliche Gegebenheiten. Die Bahn will jetzt handeln und noch in diesem Jahr 600 neue Fahrdienstleiter einstellen, das wären dann doppelt so viele wie im letzten Jahr. Aber immer noch zu wenig, weil es alleine 1000 Fahrdienstleiter braucht, um die aufgelaufenen, eine Million Überstunden abzubauen.

So scheint das derzeit in Mainz auftretende stille Spektakel eines Geisterbahnhofs in den Abendstunden wohl kein Einzelfall zu bleiben. „Es kann jederzeit und überall zu Zugausfällen kommen, auch in Hessen“, sagt Uwe Reitz, Sprecher der Bahngewerkschaft EVG, „da braucht nur jemand krank zu werden oder aus anderen Gründen nicht zum Arbeitsplatz zu kommen.“ Laut Reitz ist das Reisen mit der Bahn im Moment ein Glücksspiel. Vorhersagen, welche Bahnhöfe besonders gefährdet seien, könne man derzeit nicht.

Mainz wird wohl kein Einzelfall bleiben

Dass ausgerechnet das größte Eisenbahnverkehrs- und Eisenbahninfrastrukturunternehmen in Mitteleuropa mit 300.000 Mitarbeitern im hochindustriellen Deutschland keinen geregelten Zugbetrieb mehr garantieren kann, weil gerade Ferien angesagt sind, ist der Bahn selbst ausgesprochen unangenehmen. „Ich möchte mich ausdrücklich bei den Fahrgästen entschuldigen“, sagte Netz-Chef Sennhenn. „Wir gehen davon aus, dass wir schon einen Imageschaden erleiden werden.“ Sennhenn behauptet allerdings, dass die jetzt vollzogenen drastischen Einschränkungen im Zugverkehr nicht absehbar gewesen seien und kündigte an: „Es gibt punktuell eine angespannte Situation auch an anderen Bahnhöfen. Wir setzen dort die gleichen Maßnahmen wie in Mainz ein.“ Das klingt nicht gut.

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Von Detlef Stoller
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