17.12.2015, 12:07 Uhr | 0 |

NEUE PROGNOSE Kostet Stuttgart 21 fast 10 Mrd. €?

Für die Deutsche Bahn reine Spekulation, für die Kritiker ein neuer Beweis des Irrsinns: Das Bahnprojekt Stuttgart 21 dürfte nach Berechnungen des Münchener Ingenieurbüros Vieregg-Rössler etwa 9,8 Mrd. € kosten.

Bonatzbau und Baustelle Stuttgart 21
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Stuttgart 21: Das aktuelle Foto zeigt den Bonatzbau, davor die Baustelle der neuen Bahnsteighalle.

Foto: Arnim Kilgus

Weit jenseits der Realität sind die Zahlen der Münchener Verkehrsplaner – so jedenfalls sieht das die Deutsche Bahn. Ähnlich hörte sich das schon vor sieben Jahren an, als das Ingenieurbüro Vieregg-Rössler im Auftrag der Grünen eine Berechnung vorlegte, die für Stuttgart 21 auf Kosten zwischen 6,9 und 8,7 Mrd. € kam. Damals ging die Bahn selbst noch von 2,8 Mrd. € aus. 6,9 bis 8,7, das erschien wirklich weitab von der Realität. Im März 2013 indes genehmigte die Bahn einen neuen Kostenrahmen von 6,5 Mrd.

Die Realität hatte sich offenbar verändert. Und das ist auch der Grund dafür, dass die Bahn die neue Kalkulation der Münchener nicht einfach wegwischen kann. Die basiert vor allem auf zwei Aspekten: Erstens seien die Bauarbeiten noch komplizierter als gedacht, zweitens gebe es weitere Verzögerungen bei dem Projekt.

Dach soll 4800 € pro m2 kosten

Kern des Projektes ist der Umbau des bisherigen oberirdischen Kopfbahnhofes in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof. Allein dafür nehmen die Münchener Ingenieure jetzt gegenüber ihrer Schätzung von 2008 Mehrkosten von 900 Mio. € an.

Mit Abstand größter Posten dabei sei die Bahnsteighalle selbst. Die Gründe dafür: Schwierige geologische Bedingungen und gewachsene Anforderungen an den Brandschutz. Allein das Dach der Halle werde 4800 € kosten – pro m2. Die Stützen des Daches seien so schwierig zu bauen, dass sie gar „unkalkulierbar“ seien, heißt es in dem Papier.

Tunnelvortrieb viel langsamer als geplant

Die Ingenieure, die ihren Auftrag zur Neuberechnung vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 erhalten hatten, führen eine Reihe weiterer Gründe für die Kostensteigerung an: Das Tempo des Tunnelvortriebs sei deutlich geringer als angenommen, der Lärmschutz beim Bau sei aufwendiger als geplant, das Grundwassermanagement besonders schwierig. Außerdem kalkulieren die Verkehrsplaner die veränderte Planung rund um den Stuttgarter Flughafen ein und setzen die Kosten dafür mit 358 Mio. € an. Noch Anfang dieses Jahres wurde das Vorhaben hier deutlich verändert und um ein drittes Gleis ergänzt. Die Finanzierung ist allerdings bisher nicht geplant und nicht gesichert.

Die Projektverantwortlichen halten die neuen Berechnungen dennoch für unrealistisch. Sie führen als Argument vor allem an, dass die Bauaufträge bereits zu 70 % erteilt seien und deshalb in diesem Bereich kaum noch Änderungen zu erwarten seien. Was noch fehle, seien vor allem bahntypische Einrichtungen wie die Signaltechnik, die die Deutsche Bahn aufgrund ihrer Erfahrung präzise kalkulieren könne.

Strecke nach Ulm soll im Kostenrahmen bleiben

Den auch finanziell größeren Teil des Projektes macht die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm aus. Hier sieht die Bahn aktuell sogar die Möglichkeit, den Kostenrahmen von rund 3,2 Mrd. € zu unterschreiten.

Sollten aber die Kritiker Recht behalten und Stuttgart 21 etwa 10 Mrd. € kosten, wäre das eines der teuersten Einzel-Bauvorhaben in der Geschichte der Bundesrepublik. Es würde sogar fast doppelt so viel kosten wie der Berliner Großflughafen BER, für den inzwischen 5,3 Mrd. € veranschlagt werden. 10 Mrd. €, das ist im Übrigen genau die Summe, die die Bundesregierung in ihrem demnächst startenden Investitionsprogramm vor allem in die Verkehrsinfrastruktur stecken will. Insgesamt, bundesweit, über die nächsten drei Jahre.

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Von Werner Grosch
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