23.09.2015, 07:50 Uhr | 0 |

Winterkorn im Visier Wie die US-Behörden VW mit deutscher Hilfe auf die Schliche kamen

Der Trick der VW-Ingenieure zur Manipulation der Abgaswerte von Dieselmodellen war fast wasserdicht. Doch warum ist der Konzern in den USA trotzdem aufgeflogen? Wegen Untersuchungen Berliner Wissenschaftler, die den Stein ins Rollen gebracht haben. 

VW-Konzernchef Martin Winterkorn kniet auf dem Genfer Autosalon
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Als akribisch gilt VW-Konzernchef Martin Winterkorn. Hier schaut er beim Automobilsalon in Genf unter einen Porsche GT2. Kann es da sein, dass er nichts von den Manipulationen an Dieselmodellen von VW und Audi in den USA wusste?

Foto: Marijan Murat/dpa

Die entscheidenden Hinweise im VW-Skandal kamen von Forschern des International Council on Clean Transportation (ICCT) in Berlin. Sie wollten herausfinden, wie viel Schadstoffe Dieselfahrzeuge tatsächlich ausstoßen und nahmen 2014 europäische Modelle unter die Lupe. Bei VW und BMW stellten sie Widersprüche fest.

Daraufhin bat Peter Mock, Direktor von ICCT Europe, seine Kollegen in den USA, die Tests mit einem VW Jetta, einem VW Passat und einem BMW X5 zu wiederholen. Sie holten sich dafür Unterstützung bei der West Virginia University.

Warum? Weil die Forscher ein tragbares Gerät für den Kofferraum haben, das mit einer Sonde im Auspuff während der Fahrt die Abgaszusammensetzung misst. Die Wissenschaftler testeten die Autos auf verschiedenen Routen und gleichzeitig auf dem offiziellen Prüfstand der kalifornischen Umweltbehörde Carb.

VW Jetta übertrifft US-Grenzwerte um das bis zu 35-Fache

Die Überraschung: Alle drei Autos bestanden auf dem Prüfstand ohne Probleme. Bei freier Fahrt lagen die Stickoxidwerte beim VW Jetta allerdings um das 15- bis 35-Fache über dem gesetzlichen US-Grenzwert, beim VW Passat um das 5- bis 20-Fache. Der BMW X5 hingegen erfüllte die Stickoxid-Vorgaben und lag lediglich beim Bergauffahren darüber.

Die Folge: Carb und die US-Umweltbehörde Epa leiteten im Mai 2014 eine offizielle Untersuchung gegen VW ein. Der Konzern sprach von einem Fehler in der Motorsteuerungssoftware und rief im Dezember rund 500.000 Autos zurück, um ein Update einzuspielen. Carb führte daraufhin erneute Tests unter Realbedingungen durch. Mit demselben schlechten Ergebnis.

Im Juli 2015 ging es für VW um die Wurst. Die US-Behörden weigerten sich, den 2016er Modellen unter den gegebenen Umständen die Zertifizierung zu erteilen. Erst da gestand VW, einen hochentwickelten Softwarealgorithmus entwickelt zu haben, der die Abgasbegrenzung beim normalen Fahren ausschaltet und bei Abgastests einschaltet.

Eine Strategie, die bei Mock Kopfschütteln verursacht. Technisch sei es kein Problem, die Emissionsstandards einzuhalten. „Ein größerer Filter beim Jetta hätte kaum Zusatzkosten verursacht“, sagte Mock dem Manager Magazin. Er rechnet mit Mehrkosten ab 100 € pro Fahrzeug für bessere Abgastechnik. Jetzt sieht VW einer Strafe von rund 18 Milliarden $ entgegen.

Verkehrsminister Dobrindt lässt VW-Dieselfahrzeuge in Deutschland testen

In der deutschen Politik ist die Entrüstung groß. „Wir stehen vor einem Fall von eklatanter Verbrauchertäuschung und Umweltschädigung“, sagt Staatssekretär Jochen Flasbarth der Nachrichtenagentur dpa. „Ich erwarte, dass VW lückenlos aufklärt.“

Einen schlimmen Vorfall nannte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den Skandal. Und Verkehrsminister Alexander Dobrindt? Der will jetzt die VW-Dieselfahrzeuge in Deutschland prüfen lassen. „Unabhängige Kontrollen finden immer wieder statt. Allerdings habe ich das Kraftfahrtbundesamt angewiesen, bei den VW-Dieselmodellen jetzt umgehend strenge spezifische Nachprüfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen“, sagte Dobrindt der Bild-Zeitung.

Kritik an deutschen Prüfverfahren

Auch ohne Softwaretrick halten viele Kritiker die Prüfverfahren in Deutschland für zu lasch. „Das sagen wir seit Jahren, dass die Herstellerwerte nicht stimmen“, sagte ein ADAC-Sprecher der dpa. Doch warum ist das so? Weil Hersteller die Autos vor den Tests auf dem Rollenprüfstand die Autos tunen können.

Sie können prall gefüllte Leichtlaufreifen aufziehen, die den Spritverbrauch senken, und die Batterien vorab vollladen, sodass der Motor während der Fahrt nichts für die Batterie abzweigen muss. Die Werte weichen drastisch vom normalen Fahrbetrieb ab. 2017 soll sich das aber ändern. Dann will die EU die harmonisierte Testprozedur Wltp einführen. Sie soll realen Emissionen näherkommen.

ARCHIV - VW-Chef Martin Winterkorn (l) beugt sich am 16.03.2010 im VW Werk Kassel in Baunatal über ein Doppelkupplungsgetriebe vom Typ DQ 200. Martin Winterkorn hat einen Ruf als technischer Perfektionist, der bei Bedarf auch höchstpersönlich etwa letzte Änderungen bei neuen Automodellen anschiebt. Der Abgas-Skandal in den USA dürfte den VW-Chef daher besonders aufregen. Foto: Uwe Zucchi/dpa (zu dpa "VW-Chef Martin Winterkorn: Technik-Freak mit überraschenden Problemen" vom 21.09.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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VW-Chef Martin-Winterkorn im VW-Werk Kassel über einem Doppelkupplungsgetriebe: Der Vertrag des für seine Akribie bekannte Konzernchefs sollte eigentlich am Freitag vom Aufsichtsrat um zwei Jahre verlängert werden.

Foto: Uwe Zucchi/dpa

Inzwischen fragen sich viele Experten, ob VW-Konzernchef Martin Winterkorn in die Manipulationen eingeweiht war. Die Süddeutsche Zeitung kann sich nicht vorstellen, dass eine so weitreichende Entscheidung an Winterkorn vorbei gefällt wurde.

Zudem gilt Winterkorn als detailversessen, der sich auch noch um technische Feinheiten persönlich kümmert. Unvorstellbar, dass die bewusste Entscheidung, die Elektronik an allen Diesel-Modellen von VW und Audi in den USA zu manipulieren, auf unteren Managementebenen gefallen ist. Deshalb gilt es als sicher, dass die für Freitag geplante Verlängerung des Vertrages mit Winterkorn vom Aufsichtsrat ausgesetzt wird.

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Von Patrick Schroeder
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