12.04.2013, 09:36 Uhr | 0 |

Airbag-Probleme Japanische Hersteller rufen 3,4 Millionen Autos zurück

Vor allem Toyota kommt nicht zur Ruhe. Erst im Oktober musste der japanische Autobauer 7,5 Millionen Autos wegen fehlerhafter Fensterheber zurück in die Werkstätten schicken. Jetzt sind es Beifahrer-Airbags, die Probleme bereiten. Sie stammen vom japanischen Zulieferer Takata. Betroffen sind auch Nissan, Honda und Mazda. Weltweit werden 3,4 Millionen Fahrzeuge zurückgerufen. Überwiegend ältere Modelle aus den Jahren 2000 bis 2004.

Toyota Fahrzeuge des Modells Yaris stehen im Juni 2011 im Hafen von Sendai, Japan, für den Export bereit.
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Toyota Fahrzeuge des Modells Yaris stehen im Juni 2011 im Hafen von Sendai, Japan, für den Export bereit. Weil elektrische Fensterheber defekt sein könnten, werden damals 7,43 Millionen Fahrzeuge in die Werkstatt beordert. In Deutschland müssen rund 136 000 Fahrzeuge überprüft werden.

Foto: dpa

Es ist ein wenig unheimlich, fast so, als laste ein Fluch auf Japans Autobauern, vor allem auf dem weltweit größten Autohersteller Toyota. Erst im letzten Oktober ließ Toyota 7,5 Millionen Autos wegen fehlender Fensterheber in den Werkstätten überprüfen. Unvergessen auch die Aktion mit dem angeblich klemmenden Gaspedal. 2,3 Millionen Autos in den USA und 1,8 Millionen Autos in Europa mussten zur Gaspedal-Reparatur. Dabei konnte selbst die NASA , die die Fälle untersuchte, keinen technischen Fehler finden. Dennoch: Allein zwischen 2010 und 2011 holten die Japaner insgesamt fast 15 Millionen Fahrzeuge zurück in die Werkstätten. Und jetzt das: Wegen eines Defektes bei den Beifahrer-Airbags holt Toyota nun also erneut 1,73 Millionen Autos in die Werkstätten zurück, davon 62.000 in Deutschland. Dieses Mal gesellen sich wegen des gleichen Problems Honda mit 1,14 Millionen Autos (10.000 in Deutschland), Nissan mit 480.000 Fahrzeugen (31.000 in Europa) und Mazda mit 45.500 Fahrzeugen, davon 5200 in Deutschland, dazu.

3,4 Fahrzeuge aus Japan müssen zurück in die Werkstatt

Somit sind es knapp 3,4 Millionen Fahrzeuge, deren Beifahrer-Air-Bag möglicherweise zickt. Fünf Fälle von Fehlfunktionen bei den Airbags sind bislang dokumentiert. Entweder entfalteten sie sich beim Auslösen nicht vollständig oder reagierten gar nicht. Toyota zufolge sind wegen der defekten Airbags aber bislang keine Verletzungen oder gar Todesfälle gemeldet worden. Das Problem entsteht anscheinend durch das Treibgas, welches der Airbag-Hersteller Takata verwendet. Es könnte auch ein Feuer ausbrechen.

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Toyota und Honda rufen Millionen Autos wegen Problemen mit den Airbags zurück.

Foto: dpa

Gründe genug für einen Rückruf der betroffenen Baureihen und Fahrzeuge. Bei Toyota handelt es sich um die Modelle Yaris, Corolla, Avensis, Avensis Verso, Picnic, Camry und Lexus SC 430, jeweils in den Baujahren von November 2000 bis März 2004. Honda ruft die Modelle Civic, Stream, Jazz und CRV aus den Baureihen 2001 bis 2003 zurück. Nissan hat Probleme mit den Modellen X-Trall, Patrol, Pickup und Pathfinder aus den Jahren 2000 bis 2002. Bei Mazda ist es der Mazda 6 von 2002 und 2004, der wieder zurück in die Werkstatt muss.

Deutsche Autobauer offenbar nicht betroffen

Deutsche Autohersteller keine Probleme mit  Airbags aus den Produktionsjahren 2000 bis 2002 gemeldet. Volkswagen und Mercedes haben schon erklärt, dass keine ihrer Fahrzeuge betroffen seien. Audi und BMW prüfen derzeit noch, wiegeln aber eher ab. „Takata ist für uns ein eher kleinerer Airbag-Lieferant und wir haben nicht sehr viele Airbags dieses Unternehmens in unseren Fahrzeugen verbaut“, sagte ein Sprecher von BMW.

Börsenkurs von Takata gab um neun Prozent nach

Für den Airbag-Lieferanten ist die Panne ein herber Rückschlag. Die Aktie der Firma sackte an der Tokioter Börse sofort um neun Prozent ab. Für Takata ist es der größte Rückruf seit fast 20 Jahren. 1995 mussten fast neun Millionen Autos wegen defekter Sicherheitsgurte überprüft werden. Die jetzt betroffene Produktion stammt aus den Jahren 2000 bis 2002 und hat eine Auflage von sieben Millionen. Der japanische Konzern ist nach eigenen Angaben der zweitgrößte Hersteller von Sicherungsystemen für Autos. Der 1933 gegründete Konzern mit Sitz in Tokyo beschäftigt weltweit 37.000 Mitarbeiter in 53 Werken in 20 Ländern. Im Geschäftsjahr 2011/2012 setzte die Firma rund drei Milliarden Euro um. Die Europazentrale von Takata liegt im fränkischen Aschaffenburg. Dort war früher der Firmensitz des deutschen Airbag- und Lenkradherstellers Petri AG, den Takata im Jahr 2000 übernommen hatte. Die Petri AG war es, die im Jahre 1980 gemeinsam mit Mercedes Benz den Airbag zur Serienreife gebracht und in großen Mengen produziert hat.

Erster Patentantrag für den Luftsack datiert auf den 6. Oktober 1951

Der Airbag, auch Luftsack genannt, geht auf einen Patentantrag  des Münchner Erfinders Walter Linderer aus dem Jahre 1951 zurück. Das Deutsche Patentamt erteilte am 6. Oktober 1951 das Patent über eine „Einrichtung zum Schutze von in Fahrzeugen befindlichen Personen gegen Verletzungen bei Zusammenstößen“. 1967 erkannte Mercedes Benz die Notwendigkeit, Luftsäcke zu entwickeln. Grund: Die Unfallzahlen stiegen weltweit an, weil immer mehr Autos auf den Straßen unterwegs waren.

Nach zahlreichen Tüfteleien über die Technik der Gaserzeugung und des Gewebe des Luftsacks erwies sich als beste technische Lösung ein textiler Beutel, der bei einem Unfall durch eine pyrotechnische Zündung in wenigen Millisekunden aufgebläht werden kann, um den Fahrer beim Aufprall auf das Lenkrad sanft abzufangen. Ein Langzeitversuch mit 600 mit Airbags ausgestatteten Testfahrzeugen auf den Straßen und im Gelände  stellte sicher, dass der Gassack im normalen Fahrbetrieb dort blieb, wo er war und sich erst beim Aufprall aufbläht. Der Mercedes Benz W 126 aus der S-Klasse war es dann, der 1980 mit einem Airbag ausgestattet, erstmals über die Straßen rollte.

Zu den Kosten der aktuellen Rückrufaktion von 3,4 Millionen Autos hüllten sich alle Beteiligten in Schweigen. Toyota gab an, dass bei fehlerhaften Airbags möglicherweise eine Düse an dem Luftsack erneuert wird. Der Eingriff selbst soll nicht besonders aufwändig sein. Trotzdem müssen Kunden Geduld mitbringen. Sie müssen sich darauf einstellen, dass die Reparatur zwischen einer und zweieinhalb Stunden dauert, hieß es bei Toyota. Für den Kunden ist die Reparatur selbstverständlich kostenlos.

Toyota baut keineswegs nur Autos: Auch Fertighäuser im Angebot

Der mit dem Rückruf-Fluch belegte japanische Autohersteller Toyota ist der weltgrößte Automobilhersteller. Im letzten Jahr verkaufte Toyota 9,75 Millionen Fahrzeuge, das sind etwa 700.000 mehr, als der deutsche Rivale Volkswagen abgesetzt hat. Unternehmenssitz des multinationalen Konzerns ist die japanische Stadt Toyota. Der Riesenkonzern listet 522 Tochterunternehmen auf, hatte im Jahre 2010 mehr als 320.000 Mitarbeiter und ist weltweit aktiv: Außer in den zwölf japanischen Werken produziert der Autoriese an 51 Standorten in 26 Ländern. Toyota ist keineswegs auf die Herstellung von rollenden Automobilen beschränkt. Toyota produziert auch Naturschutzanlagen, Fertighäuser, Boote, elektronische Geräte und Banknetzwerke. Und seit acht Jahren ist Toyota der Inhaber des zweitgrößten Mobilfunknetzes in Japan. Autos baut die Toyota Motor Corporation, hierzulande bekannt als Toyota.

Und diese Toyota Motor Corporation, kurz nur Toyota genannt hat eine sehr offensive Sicherheitspolitik, die sich insgesamt auch auszuzahlen scheint. „Scheint die Sicherheit unserer Kunden gefährdet, führen wir kompromisslos Qualitätssicherungsmaßnahmen durch. Dabei spielen die Bedeutung der Sicherheitsrisiken und das Alter der Fahrzeuge keine Rolle. Anders als bei anderen Herstellern, reicht bei Toyota bereits der Hinweis auf einen Qualitätsmangel, um eine Aktion zu starten.“ So steht es auf der Firmen-Homepage und so macht die Firma das auch. 2008 verdrängte Toyota die amerikanische Autoschmiede General Motors von der Weltspitze, verlor diesen Status allerdings genau wegen der ganzen Rückholaktionen 2011 wieder an den amerikanischen Rivalen. Im letzten Jahr konnte sich Toyota trotz der schlimmen Katastrophe mit Erdbeben und Tsunami im März 2011 im Jahre 2012 schon wieder vor General Motors positionieren. Es klingt verrückt, aber die konsequente Rückhol-Politik sorgt offenbar für Sicherheit bei den Menschen in der Welt.

Rückrufaktion zeigt die Risiken der vernetzen Produktion auf

Die erneute Rückrufaktion macht aber exemplarisch auch deutlich, welches Risiko in der modernen Autoproduktion liegt. Durch die weit verzweigten Netze der Zulieferfirmen sparen die Autobauer zwar Geld ein. Macht ein zentraler Zulieferer dabei allerdings einen Fehler, kann gleich die halbe Branche ins Taumeln kommen. Dieses Risiko ist nicht zu unterschätzen, denn die Bedeutung der Lieferanten wächst immer weiter. Inzwischen kommen rund zwei Drittel der Wertschöpfung eines Autos von den Lieferanten.

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Von Detlef Stoller
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