20.08.2013, 13:39 Uhr | 0 |

Formula Student Germany Hitzerennen in Hockenheim: Allen Widrigkeiten zum Trotz

Teilnehmer und Verantwortliche des internationalen Wettbewerbs Formula Student Germany präsentieren sich als große Familie. Doch jedes Team trägt seine eigenen Lasten. Die einen sorgen sich wegen der Hitze um ihren Motor, die anderen wünschen sich nichts sehnlicher als einen fünften Prüf-Sticker. Zusammen schweißt sie die Begeisterung für ihre Rennwagen.

Hitzerennen in Hockenheim
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Als wäre die Formula Student Germany nicht schon anstrengend genug, brannte die Sonne unnachgiebig auf den Hockenheimring hinab. Ein Hoch auf die Strategen im Team, die an Schirme dachten und Schatten spendeten.

Foto: Zillmann

Stille legt sich über den Hockenheimring. Das letzte Rennen für diesen Tag ist gelaufen, die Studenten schieben ihre Rennwagen in die Boxen, einige packen ihr Werkzeug ein. Hinter der stickigen Elektrohalle parkt der blau-weiße Elektroflitzer vor dem riesigen Werkstatt-Truck der TU Delft. Kein Mensch zu sehen, der ihn bestaunt oder sich nach seinem Wohlbefinden erkundigt.

Bei 37 °C zieht es seine Bewunderer zu den Schneekanonen, die alles um sich herum in einen erfrischenden Nieselregen hüllen. Da kann der Dominator unter den elektrischen Studentenwagen nicht mithalten.

Immer mehr Teilnehmer treten mit Elektroboliden an

Seit 2010 verschiebt sich die Teilnehmerzahl stetig in Richtung der Elektroboliden. Damals ließ der Konstruktionswettbewerb Formula Student Germany (FSG) neben den Verbrennern erstmals Hochvolt-Fahrzeuge starten. Dieses Jahr versucht bereits jedes dritte Team sein Glück mit Batterien. "Noch experimentieren hauptsächlich deutsche Teams wie die Karlsruher oder die Zwickauer mit elektrischen Antrieben", bedauert der FSG-Vorsitzende Tim Hannig im Kreis der Medienvertreter. Aber auch in der Formula Student Electric setze allmählich eine Internationalisierung ein, die die Verbrennerkategorie längst auszeichnet.

Die Gespräche am Rande der Strecke verebben, als das spätere Gewinnerfahrzeug des Global Formula Racing Teams vorbeidröhnt. Jeder Ton verschwindet im Getöse des imposanten Verbrenners. Die Studenten, die sich hinter den Absperrzäunen tummeln, lenken ihre Blicke den überdimensionierten Flügeln hinterher. Allein der Heckspoiler würde für zwei Autos reichen.

Meiste Zeit geht für Organisation drauf

Das muss er auch. Das Global Formula Racing Team ist ein internationales Team der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Ravensburg und der Oregon State University (OSU) in Corvallis. Gemeinsam entwickelten sie einen Verbrenner und einen Elektrowagen und sandten die Einzelteile per Luftfracht über den großen Teich. "Die Flügel haben OSU-Studenten und deutsche Austauschstudenten in Corvallis entwickelt", erzählt Teamchef Tom Schlosser. Für die Simulation saßen die DHBW-Studenten vor den Computern, getestet wurde in einem Windkanal an der OSU. "Laminiert wurden die in Deutschland gefertigten Flügel in den USA, bevor die für das E-Car zurück an die DHBW geschickt wurden." Die meiste Zeit geht beim Global Formula Racing Team wohl für die Organisation drauf.

Als ihr schwarzer Flitzer hinter dem nächsten Reifenstapel verschwindet, fährt schon das nächste Auto auf die Strecke. Das Geplapper an der Absperrung setzt wieder ein. Nach und nach bricht sich schwedischer Jubel, chinesische Enttäuschung und deutsche Schadenfreude Bahn: "Immerhin schneller als Delft", ruft ein Zaungast seinem Teamkollegen zu.

Arbeitsleistung eines gesamten Jahres

Bei der Formula Student Germany präsentieren die Studenten ihre Arbeitsleistung eines gesamten Jahres. Ob sich die harte Arbeit gelohnt hat, zeigt sich für viele in diesen fünf Tagen am Hockenheimring. Zwölf Stunden täglich habe ihr Team in den heißen Phasen geschuftet, erzählt Malena Schulz vom Elektroteam der ETH Zürich. "Auch zwischen Weihnachten und Silvester."

Bei manchen verschieben sich die Prioritäten noch deutlicher: Jonas Fuchs vertrat im vergangenen Jahr das Team des Karlsruher Instituts für Technologie als erster Vorsitzender. "Während des gesamten Jahres habe ich keine einzige Prüfung abgelegt." Das Fahrzeug ging vor. Der allseits beschworene olympische Gedanke, er existiert – aber für die Studenten geht es um weit mehr, als nur dabei zu sein. Sie wollen sich für alle Anstrengung und Entbehrung belohnen.

Nur abseits der Fernsehkameras geben die Teams zu, dass die Chancen auf den Sieg ungleich verteilt sind. Darum setzen sich manche ihre ganz eigenen Ziele, die sie verbissen verfolgen.

Die Studenten aus dem griechischen Patras gönnen sich keine Auszeit, um die Sponsoren in ihren Zelten zu besuchen. Auch nicht als mögliche Arbeitgeber. "Der Hockenheimring wäre eine gute Gelegenheiten", sagt Chris Doukas, "aber wir sind mit unserem ersten Elektrofahrzeug am Start." Da heißt es, alle Mann in die Box. Das Team aus Patras zählt genau neun Mitglieder. Man muss es sich leisten können, zu studieren und nebenher unbezahlt zu werkeln.

Das gilt auch für das Team aus Barcelona. "Jobs in Spanien?", wiederholt Eloi Ruz gerade fassungslos. Zwischen seinen dunklen Augen bilden sich kleine Falten. Der Industrial-Engineering-Student ist schon froh, wenn sie "in dieser komplizierten Zeit" noch Sponsoren für ihr Fahrzeug finden. In der Finanzkrise trifft es die studentischen Rennteams aus Südeuropa hart. Doch sie sind gekommen, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Hitze fordert die Strategen heraus

An diesem heißen Freitag fällt allen alles schwer. Die Sonne brennt auf den Asphalt und lähmt Körper und Geist. Wer nicht an der Rennstrecke stehen muss, sucht sich einen Platz im Regenschauer der Schneekanone. Die Hitze fordert die Strategen heraus. Besonders die Elektroteams müssen sich um ihr Batteriemanagement sorgen, aber auch manche Verbrenner bringen sich mit ihrem aerodynamischen Paket um den Fahrtwind, der das Auto kühlen könnte. Nur gut, dass das erste dynamische Event unter einer Beregnungsanlage stattfindet. Das schont Reifen und Nerven.

Einen Tag später liegen in der Box der Spanier drei Jungs. Sie haben Arme und Beine von sich gestreckt, die Augen geschlossen. Nicht die Hitze, sondern die maßlose Enttäuschung über ihr Auto hat sie umgehauen. Erst wollte das Bremspedal die technischen Prüfer einfach nicht überzeugen, so dass die Katalanen keine Zulassung für die dynamischen Wettbewerbe erhielten. Während sie versuchten, den letzten Aufkleber der Scrutineers zu bekommen, fuhr ein Team nach dem anderen Punkte beim Beschleunigungsrennen ein.

Schnellster Wagen: Delft

Bis die Spanier ihr Fahrzeug mit fünf bunten Stickern auf der Nase aus dem Abnahmezelt schoben, waren die ersten beiden dynamischen Events um. Einmal schafften sie es noch auf die 1 km lange Kurvenstrecke, bevor auch dort die Uhr gnadenlos das Ende aller Starts anzeigte. Hauptsache dabei sein? Nach einem Jahr Konstruktionsarbeit und 18 Stunden Autofahrt quer durch Europa können die Katalanen so viel Sportsgeist nicht aufbringen. Der Fahrer lässt den Kopf in seine Hände sinken. Stille. Oben auf der Anzeigentafel blinkt in Pink der schnellste Wagen: Delft.

Viele der Studenten, die sich für die Formula Student begeistern, sind leidenschaftliche Ingenieure. Ihr Fahrzeug ist ihr ganzer Stolz. Für Pat Clarke, den obersten Design-Juror und Berater der Formula Student, ist der Wettbewerb dennoch ein Bildungsevent. "Es geht nicht um das Konstruieren eines Fahrzeugs, sondern darum, die Fähigkeiten der Studenten auszubauen." Natürlich funktioniere das nicht bei allen Teams. "Die indischen Teams beispielsweise verbesserten sich kaum über die Jahre", sagt Clarke.

Wenige Meter weiter steht den Indern die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. "Wir haben uns dieses Jahr neu organisiert, damit wir mehr Zeit zum Testen des Autos haben", sagt Yosh Jashi, ein Teammitglied des Orion Racing Teams aus Mumbai. Zu Hause sei noch alles gut gelaufen, aber hier komme es ständig zu kleineren technischen Problemen.

Indische Fahrzeuge deutlich schwerer

Die indischen Fahrzeuge sind technisch lange nicht so gut ausgestattet wie ihre westlichen Konkurrenten. Viele sind deutlich schwerer."Wir konnten bisher kein Monocoque bauen, weil uns die Sponsoren fehlen", sagt Arnav Kavadia vom Orion Racing Team. Zwar gebe es auch in Indien Firmen, die den Teams mit einzelnen Teilen aushelfen können, aber es fehle an Geld und passenden Räumlichkeiten. "Indien ist eben kein Motorsportland." Das macht es den Studenten schwer, den Anschluss an sich stetig professionalisierende Teams aus Europa und Amerika zu halten.

Das Team aus Mumbai hat seine Lösung gefunden. Sie kooperieren seit einigen Jahren mit den Studenten des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), die bereits intern gemeinsame Sache machen. Mit einem 70-köpfigen Team entwickeln die Karlsruher ein Auto für die Verbrenner- und eins für die Elektrokategorie. Beide Fahrzeuge liegen nach den ersten dynamischen Wettbewerben gut im Rennen. Auf den Verbrenner sind sie ganz besonders stolz.

Auf der Bierbank in Box 21 schmilzt ein kleines Kunstwerk aus Schokolade vor sich hin. Die Kuchenkreation ist ein Abbild des schwarz-gelben KIT-Verbrenners, mit dem die Badener neue Wege gehen: "Wir fahren dieses Jahr zum ersten Mal unseren selbst entwickelten Motor", verkündet Jonas Fuchs einem Studenten mit grünem Teamlogo. "Er ist optimal auf die Bedingungen der Formula Student angepasst." Der Blick des Studenten schweift über den glänzenden Boliden. Bisher bauten alle Teams Motorradmotoren um, einen eigenen zu entwickeln, galt vielen als Luftschloss.

Über 40 Prozent der Fahrzeuge rausgeflogen

"Jetzt ist der Zweizylinder aber perfekt in das Fahrzeug integriert", sagt Fuchs und wartet, bis er sich der Aufmerksamkeit seines Gegenübers sicher ist. "Direkt eingespritzt, turbogeladen, mit sehr hohem Drehmoment", sprudelt es aus ihm heraus. Sein Zuhörer nickt anerkennend. Noch sei er zwar schwerer als die Motoren der Konkurrenz, fügt Fuchs hinzu, aber das sei der frühen Entwicklungsphase geschuldet.

Mit ihrem eigenen Ansatz fahren die Badener ganz vorne mit und freuen sich dennoch, wenn ihre indischen Freunde das Abschlussrennen durchstehen. Das ist keine Selbstverständlichkeit – schon gar nicht im Sommer. "Bei über 30 °C werden viele den Endurance nicht überstehen", orakelt der Australier Clarke. Am Ende des letzten Wettkampftages sind sowohl bei den Verbrennern als auch bei den Elektrofahrzeugen über 40 % der startberechtigten Fahrzeuge rausgeflogen.

Der Fahrer des Karlsruher Verbrenners muss seinen Boliden bereits in der zweiten Runde abstellen. Ihm war ein Verlust der Bremsleistung aufgefallen. Ein Entlüftungsventil, das sich auf der rasanten Fahrt nicht mehr an seinem Platz halten konnte, zerstörte alle Hoffnung auf einen Sieg, der bis dahin zum Greifen nahe schien. Am Ende werden selbst die größten Teams von kleinen Dingen aus der Bahn geworfen. Der einzige Trost: Der Elektrowagen der Karlsruher sicherte sich den dritten Platz, nur 85 Punkte hinter Delft. 

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Von Lisa Schneider | Präsentiert von VDI Logo
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