11.04.2013, 12:30 Uhr | 0 |

Monitoring Deutsche Umwelthilfe Deutsche Spitzenpolitiker benutzen immer häufiger emissionsärmere Dienstwagen

Allzu oft sitzen deutsche  Spitzenpolitiker in komfortablen Limousinen, die immer noch viel zu viel Kohlendioxid emittieren. Aber: Der Trend geht hin zu emissionsärmeren Karossen. Das zeigt das diesjährige Dienstwagen-Monitoring der Deutschen Umwelthilfe.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seinem Dienstwagen.
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Mit stolzen 193 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer ist der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seinem Dienstwagen unterwegs. Das sind 63 Gramm Kohlendioxid mehr, als es der Zielwert der Europäischen Union vorsieht. Dafür gibt es die „Rote Karte“ von der Deutschen Umwelthilfe.

Foto: dpa

Der Senator für Gesundheit der Hansestadt Bremen, Dr. Hermann Schulte-Sasse, schießt beim diesjährigen Dienstwagen-Monitoring der Deutschen Umwelthilfe (DHU) den Vogel ab: Er punktet mit Null Emissionen. Das liegt aber nur daran, dass Schulte-Sasse auf einen Dienstwagen verzichtet. Damit ist er aber der absolute Exot unter den deutschen Bundes- und Landesministern sowie der Regierungschefs.

Zwar ist der Trend zu emissionsärmeren Dienstlimousinen deutlich erkennbar. „Wir stellen fest, dass die durchschnittlichen CO2-Emissionen der Politiker-Limousinen seit dem Start unserer Erhebungen im Jahr 2007 deutlich schneller zurückgehen, als die Emissionen aller in Deutschland neu zugelassenen PKW“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Er schränkte allerdings ein: „Dieser erfreuliche Trend kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine große Mehrheit der Spitzenpolitiker nach wie vor mit übermotorisierten Limousinen unterwegs sind.“

Die DHU vermisst bei einer Mehrheit der Landespolitiker und bei allen Bundesministern die Bereitschaft, bei der Wahl ihrer Dienstwagen den seit 2012 gültigen EU-Zielwert von 130 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenen Kilometer einzuhalten. Über die Hälfte aller Regierungschefs ist in übermotorisierten und spritfressenden Limousinen unterwegs. Sie haben dafür von der DHU die „Rote Karte“ bekommen. „Insgesamt 28 Spitzenpolitiker stellen ihre klimapolitische Ignoranz geradezu demonstrativ zur Schau“, schreibt die DHU in ihren Monitoring-Bericht.

Dienstwagen-Emissionen von 171 Spitzenpolitikern bewertet

Von 171 Spitzenpolitikern hat die DHU sich die Informationen über ihre Dienstkarossen geben lassen und die Daten ausgewertet. Keine Überraschung bringt die Untersuchung bei der Sortierung der Daten nach der Parteizugehörigkeit der Spitzenpolitiker. Da pusten die Leute von den Grünen mit 145 gCO2/km am wenigsten des schädlichen Klimagases in die Luft. Doch dabei liegen sie immer noch 15 gCO2/km über dem Zielwert der Europäischen Union von 130 gCO2/km. Die Linke ist schon 20 gCO2/km über diesem Zielwert, die SPD bläst mit 159 gCO2/km schon 29 gCO2/km mehr in die Atmosphäre. Die FDP-Minister kommen auf 167 g/CO2/km, die der CDU auf 176 gCO2/km. Als Top-Erderwärmer dürfen sich die Spitzenpolitiker der CSU fühlen. Sie schaffen es, pro gefahrenen Kilometer die Luft mit 177 Gramm Kohlendioxid anzureichern.

Allerdings bleibt ihr Chef, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer mit 169 gCO2/km leicht darunter. Ganz im Gegensatz dazu der neue Hoffnungsträger der Grünen, Winfried Kretschmann. Der baden-württembergische Ministerpräsident ist dienstlich mit einem S-Klasse-Mercedes S350 Blue TEC 4Matic unterwegs und belastet die Luft im Ländle mit 193 Gramm Kohlendioxid bei jedem gefahrenen Kilometer.

Hessens Ministerpräsident sieht ganz schlecht aus

Das sind jedoch im Vergleich zu Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) immer noch Peanuts. Bouffier braust mit einem Audi A8 L6.3 FSI quattro als Benziner, Baujahr 2012, und einer Motorleistung von 368 Kilowatt durch Hessen – pro gefahrenem Kilometer werden dabei 277 Gramm Kohlendioxid ausgestoßen. Schon im DHU-Ranking des vergangenen Jahres belegten Hessens Spitzenpolitiker den vorletzten Platz.

Noch düsterer sieht es für Niedersachsen aus, das Land verdrängte  Bayern vom letzten Platz. Niedersachsen Spitzenpolitiker blasen mit ihren Dienst-Limousinen im Schnitt beachtliche 187 gCO2/km in die Luft. Wobei die DHU zu bedenken gibt: „Die veröffentlichten Berichte spiegeln jedoch noch den Wagenpark des Ende Januar abgewählten schwarz-gelben Kabinetts in Hannover wider. Ankündigungen der neuen rot-grünen Landesregierung lassen erwarten, dass diese mit einer weniger klimaschädlichen Dienstwagenflotte unterwegs sein wird.“ Einer aus der neuen Landesregierung in Hannover hat schon gehandelt: Der grüne Umweltminister Stefan Wenzel ist inzwischen mit einen neuen Audi A3 unterwegs und liegt mit 102 gCO2/km deutlich unter dem EU-Richtwert.

Vorbild Hamburg: Der Stadtstaat hält die EU-Zielvorgabe ein

Der Hamburger Senat hat es geschafft, dass die Autos seiner Spitzenpolitiker durchschnittlich nur noch 128 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenen Kilometer in die Luft an der Alster blasen. Damit sind die Nordlichter auf einem konsequenten Kurs. Im Ranking des Jahres 2011 waren es noch 156 gCO2/km, im letzten Jahr 136 gCO2/km. Besonders bemerkenswert: Obwohl die Senatorinnen und Senatoren durchweg in geräumigen Limousinen mit Spitzengeschwindigkeiten zwischen 212 und 250 Stundenkilometern unterwegs sind, liegt dieser Wert sogar niedriger als der Durchschnitt aller in Deutschland im letzten Jahr neu zugelassenen PKW. Der lag 2012 bei 142 gCO2/km und damit zwölf Gramm über dem Zielwert der EU.

Die Entdeckung der Langsamkeit scheint ein Schlüssel für eine verringerte Emission von Kohlendioxid zu sein. Alle Bundesländer, deren Spitzenpolitiker durchweg Höchstgeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometer erreichen könnten, belegen die hinteren Plätze. Das sind Niedersachsen, Bayern und Hessen. Nordrhein-Westfalen belegt mit einer Gesamtemission von 175 gCO2/km den viertletzten Platz.

Es kommt auf die Auswahl der Limousinen an

Ein weiterer, noch wichtiger Schlüssel ist schlicht die richtige Auswahl des rollenden Statussymbols der Spitzenpolitiker. In Hamburg fahren drei Politiker mit einem Mercedes Benz E 300 Blue TEC HYBRID zu ihren Terminen. Doch selbst der Diesel-Hybrid gibt immer noch mit 132 gCO2/km zwei Gramm mehr Kohlendioxid in die Luft, als es der Zielwert der EU vorgibt. Jürgen Reinholz, Umweltminister in Thüringen, pustet mit seinem Audi A8 L3 TDI quattro als Dieselausführung stolze 171 in die Luft. Der Mercedes Benz E 300 Diesel-Hybrid hingegen punktet mit nur 109 gCO2/km und ist damit das Öko-Spitzenfahrzeug unter den von den Spitzenpolitikern gewählten Dienst-Limousinen. Insgesamt ist der emissionsarme Dienstwagen in Deutschland neunmal im Einsatz.

Sämtliche Bundesminister scheitern an der EU-Zielvorgabe

Bemerkenswert ist, dass es keiner der zehn Bundesminister schafft, sich in einer Limousine zu seinen Terminen kutschieren zu lassen, die nicht die EU-Zielvorgabe von 130 gCO2/km reißt. Am wenigsten klimaschädlichen Kohlendioxid-Nebel verursacht  Entwicklungsminister Dirk Niebel, dessen BMW 730 Ld als Dieselversion mit 148 gCO2/km trotzdem noch 18 Gramm über dem Zielwert liegt. Gleich fünf der Bundesminister fahren mit einem Audi A8 L 3.0 TDI quattro als Dieselausführung durch die Gegend und belasten die deutsche Bundesluft mit 171 Gramm Kohlendioxid für jeden gefahrenen Kilometer. Darunter auch Bundesumweltminister Peter Altmaier. Sie teilen sich damit den vorletzten Rang fünf und verweisen die neue Bundesministerin für Bildung, Johanna Wanka, klar auf den letzten Platz. Ihr von Annette Schavan übernommener Mercedes Benz S 350 BlueTEC 4MATIC in der langen Dieselversion stößt 193 Gramm Kohlendioxid für jeden gefahrenen Kilometer aus.

Insgesamt 18 Mal konnte die DHU ihre „Grünen Karten“ an Politiker für ein glaubwürdiges Klimabewusstsein bei der Dienstwagenwahl in diesem Jahr verteilen, weil deren rollenden Statussymbole den EU-Zielwert von 130 gCO2/km einhalten oder unterschreiten. Das sind mehr als dreimal so viele „Grüne Karten“, wie in der Erhebung aus dem vergangen Jahr. Es tut sich also was in den Köpfen der Politiker. Auch in Bezug auf deren Auskunftsbereitschaft. In den vergangenen Jahren musste die DHU einige Länder auf dem Klageweg zur Herausgabe der Daten zwingen. In diesem Jahr lieferten alle Ministerien die relevanten Daten direkt und ohne große Verzögerungen.

Es bewegt sich was in den Köpfen der politischen Spitze

Die Deutsche Umwelthilfe hält ihre alljährlichen Erhebungen zum aktuellen Dienstlimousinen-Fuhrpark der Spitzenpolitiker in Deutschland aus zwei Gründen für einen Erfolg. Erstens, weil sich das Bewusstsein der Politiker für das Problem der Kohlendioxid-Emissionen der Dienstwagen spürbar verändere und zweitens, weil die Premium-Hersteller inzwischen eine breite Palette komfortabler Dienstwagen mit moderater Motorisierung anbieten. „Umso unverständlicher sind die Ausreißer nach oben“, schimpft Bundesgeschäftsführer Resch: „Es gibt für Politiker heute definitiv kein Argument mehr für den Einsatz von Klimakiller-Dinos als Dienstwagen.“

Außen vor bei dem Ranking der DHU blieben die gepanzerten Limousinen der wichtigsten Bundespolitiker, weil sich die Panzerung natürlich auf das Gewicht der Fahrzeuge auswirkt und damit auf die Emissionen. Die Bundeskanzlerin, der Verteidigungs-, der Innen- und der Finanzminister mussten ihr Öko-Bewusstsein bei der Limousinen-Wahl nicht outen.

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Von Detlef Stoller
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