14.06.2013, 12:43 Uhr | 0 |

Spektakuläre Rettung am Hearst Tower Fensterreinigern drohte Absturz aus 152 Metern Höhe

Starke Nerven brauchten am Mittwochnachmittag zwei Fensterreiniger, als ihnen aus bisher ungeklärten Gründen die Arbeitsplattform in der Mitte zerbrach. Und das an der Außenfassade des spektakulären Hearst-Towers in Manhattan.

Innenansicht Hearst Tower.
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Der Hearst Tower von innen. Hier ist der Übergang vom sechsstöckigen Sockel zum gläsernen Aufbau zu sehen.

Foto: Foster & Partners

Knapp zwei Stunden beklemmende Angststarre in 152 Meter Höhe – und das vor den laufenden Fernsehkameras gleich mehrerer TV-Stationen. Diesen Albtraum erlebten am Mittwochnachmittag um 14:30 Uhr Ortszeit zwei Fensterputzer auf der Höhe des 45. Stockwerks am Hearst-Tower in Manhattan, als ihre Arbeitsplattform aus bislang ungeklärter Ursache in der Mitte auseinanderbrach. Die beiden Wartungsspezialisten sind zu ihrem Glück von Berufs wegen schwindelfrei, denn es gehört zu ihrem Job, in derart luftiger Höhe Glasflächen zu reinigen. Um die beiden Männer im Alter von 29 und 49 Jahren aus ihrer Notlage zu befreien, mussten gar einige der exklusivsten Straßenzüge an der 8. Avenue gleich bei Columbus Circle und Central Park gesperrt werden.

Rettung nach knapp zwei Stunden

Denn es erschien den Rettungskräften viel zu unsicher, die beiden Männer von der zerbrochenen Arbeitsplattform auf das naheliegende Dach des Wolkenkratzers zu ziehen. Also entschlossen sie sich, im 45. Stock des Gebäudes ein Loch in das Fenster zu schneiden, um die beiden Männer zu retten. Wegen der großen Gefahr herabfallenden Glas sperrten die Retter die Straßen unterhalb des Hochhauses mit den vielen gläsernen Rauten. Erst nach fast zwei Stunden, um 16:15 Uhr Ortszeit waren die beiden Männer in Sicherheit.

In der Sicherheit eines hohen Hauses, welches eine bewegte Geschichte hat und selbst Geschichte geschrieben hat. Der Hearst-Tower ist der erste Wolkenkratzer, der in New York nach den Anschlägen vom 9. September 2001 neu gebaut wurde. Die Hearst Corporation, ein großer Medienkonzern mit über 17 000 Mitarbeitern, hat seinerzeit Stararchitekt Norman Foster mit dem Bau des modernen und äußerst auffälligen Gebäudes beauftragt.

Architekt Norman Foster bekam den internationalen Hochhauspreis

Das gläserne Hochhaus ruht auf der sechsstöckigen ehemaligen Firmenzentrale der Hearst Corporation – ein 1928 fertiggestelltes Gebäude im Art Deck Stil. Schon damals soll Firmentycoon William Randolph Hearst die Vision mit sich herumgetragen haben, die Firmenzentrale einst als Sockel für einen spektakulären Wolkenkratzer zu nutzen. Doch erst 70 Jahre später machte sich der Medienkonzern daran, die Vision seines Gründers umzusetzen. Norman Foster wurde am 14. November 2008 für seinen Hearst-Tower-Entwurf mit dem internationalen Hochhauspreis ausgezeichnet.

Scheinbar schwerelos und frei schwebt das gläserne Gebäude über dem sechsstöckigen Sockel der alten Firmenzentrale. Dieser Eindruck wird durch ein gläsernes Oberlichtband erweckt, welches den neuen 42 Stockwerke hohen Turm mit der Altbaufassade verbindet. Gleichzeitig durchflutet dieses Lichtband den vollständig entkernten Altbau mit viel natürlichem Licht. Der Altbau ist jetzt der Ort einer sehr großzügigen Lobby, die die gesamte Geschossfläche einnimmt und sich über die sechs Stockwerke erstreckt.

Lobby wirkt wie ein öffentlicher Platz

Die Riesenlobby wirkt wie ein geschäftiger öffentlicher Platz mitten in der Innenstadt und bietet Zugang zu allen Teilen des innovativen Gebäudes. Sie beherbergt die Zugänge zum zentralen Fahrstuhl, die Hearst-Cafeteria, das Hearst-Auditorium, sowie Zwischengeschosse für Meetings und besondere Veranstaltungen.

Der Medienkonzern verfolgte bei der Idee des Hearst-Towers von Beginn an den Gedanken der kompromisslosen Nachhaltigkeit. Die Tragwerkskonstruktion des Turms besitzt die Form eines Dreiecks – eine höchst effiziente Lösung, die die Menge des für das Tragwerk benötigten Stahls reduziert. Und zwar drastisch reduziert. Im Vergleich zu konventionellen Bürogebäuden kam man beim Hearst Tower mit 2000 Tonnen weniger Stahl aus. Eine satte Materialersparnis um 20 Prozent. Insgesamt stecken in dem markanten Glasbau rund 10 000 Tonnen Stahl.

Architektonisches Novum: Keine Stahlquerträger verbaut

Damit nicht genug, haben die Erbauer um den Architekten Norman Foster zu 85 Prozent recycelten Stahl verwendet. Ein Novum. Zudem liegt der Energieverbrauch 26 Prozent unter dem eines Gebäudes, das den Mindestanforderungen der Energieverordnungen genügt. Das entspricht einer Einsparung von 869 Tonnen Kohlendioxid. In der Folge wurde der Hearst Tower als erstes neu bezogenes Bürogebäude nach dem „Leadership in Energy and Environmental Design“-Programm des US Green Buildings Councils mit „Gold“ ausgezeichnet.

Die Diagonalgitterkonstruktion, die die Fassade durch mehrere vier Stockwerke hohe Dreiecksmuster prägt, ermöglichte es, zum allerersten Mal beim Bau eines nordamerikanischen Bürogebäudes vollständig auf die Nutzung von Stahlquerträgern zu verzichten. Mit den zwischen den Diagonalstäben zurückstehenden Ecken werden die vertikalen Proportionen in den Vordergrund gerückt, sodass eine überaus prägnante Silhouette entsteht.

Hearst begann bei Studentenzeitung unter Joseph Pulitzer

Die Hearst Corporation ist ein privater US-amerikanischer Medienkonzern, dem Magazine, Zeitungen, Fernsehsender, Internetdienste, und die Hälfte der Ratingagentur Fitch gehören. Hearst ist beteiligt an solch illustren Magazinen wie Cosmopolitan und Esquire, an Zeitungen wie der San Francisco Chronicle und Sendern wie A&E Television Networks.

Firmengründer William Randolph Hearst war ein überaus erfolgreicher Journalist im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert. Er arbeitete zunächst beim von Joseph Pulitzer geleiteten Harvard Lampoon, eine im Jahre 1876 gegründete Studentenzeitung, die heute mit über 130 Jahren eine der langlebigsten Satirepublikation der Welt ist. 1887 übernahm Hearst die Zeitung San Francisco Examiner und baute sie radikal um. 1895 kaufte der reiche Erbe Hearst die New Yorker Zeitung Morning Journal und trat in Konkurrenz zu seinem Mentor Joseph Pulitzer, der zu dieser Zeit Verleger der New York World war. Der 1941 von Orson Welles gedrehte Film Citizen Kane zeigt starke Ähnlichkeit mit der Biografie William Randolph Hearsts, der am 14. August 1951 in Beverly Hills im Alter von fast 90 Jahren starb.

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Von Detlef Stoller
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