03.02.2014, 09:25 Uhr | 0 |

Erfolgreiche Hochhaus-Sprengung in Frankfurt Eine Tonne Sprengstoff zwingt 50.000 Tonnen Stahlbeton zu Boden

Exakt nach Drehbuch hat Sprengmeister Eduard Reisch am frühen Sonntagmorgen um kurz nach 10 Uhr das 116 Meter hoher Frankfurter Uni-Hochhaus kontrolliert gesprengt. Innerhalb von zehn Sekunden falteten sich 50.000  Tonnen Stahlbeton auf der Stelle zu einem riesigen Schutthaufen zusammen. Noch nie wurde in Europa ein so hohes Gebäude gesprengt.

Sprengung des Uni-Turms in Frankfurt
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Mitten in der Frankfurter City stand der 116 Meter hohe Uni-Turm. Seine Sprengung war ein technisches Meisterwerk. An den umliegenden Gebäuden gab es keine Schäden, außer drei zerborstenen Scheiben am Marriott-Hotel.

Foto: dpa

Es hatte was von einer Apollo-Mission der NASA, als am frühen Sonntagmorgen des 2. Februar 2014 um exakt 10:04 Uhr und 37 Sekunden eine scheppernde Lautsprecherstimme durch die recht milde Frankfurter Winterluft dröhnte und von zehn an rückwärts zählte. Um 10:04 Uhr und 48 Sekunden brüllte die Stimme „Sprengung“. Langsam und fest drückte Sprengmeister Eduard Reisch die beiden großen Knöpfe auf seinem orangefarbenen Sprengcomputer, Funkwellen rasten in Blitzeseile hinüber zum völlig entkernten Turm der Frankfurter Universität. Ein ziemlich lauter Rumms hallte fünf Sekunden später durch die Straßen der hessischen Großstadt am Main.

Und dann geschah es: Fast wie in Zeitlupe bewegte sich das riesige Graffity „Elfenbein“, welches geistreiche Spaßvögel ganz oben an die Stirn des Elfenbein-Turms der Geisteswissenschaften gemalt haben, in Richtung Frankfurter Boden. Als das äußere Stahlskelett etwa zur Hälfte nach unten gerauscht war, gaben zwei weitere Explosionen auch dem inneren Turm den Rest.

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Über 30.000 Menschen beobachteten die Sprengung des Uni-Turmes in der Frankfurter Innenstadt. Der Turm stand ganz in der Nähe des Hotels Marriott (hinten) und des Senckenberg-Museums (im Vordergrund). Mit 116 Metern Höhe war der Uni-Turm das höchste je gesprengte Haus in Europa.

Foto: dpa/Rolf Kegler

Es beeindruckte sehr mitanzusehen, wie der 116 Meter hohe Turm der „Abteilung für Erziehungswissenschaft“ (AfE) vollkommen nach Plan in sich zusammenstürzte. Plötzlich raste eine gewaltige Staubwolke vom Platz des Turmes in alle Raumrichtungen davon. Ein Schwarm Vögel flatterte aufgeschreckt hoch, eine eigentümliche Stille kehrte ein. Dann brandete Applaus auf für die perfekte Präzisionsarbeit des 52-jährigen Sprengmeisters aus dem oberbayerischen Apfeldorf, der als fünfjähriger Knirps zum ersten Mal einen Feuerwerkskörper zündete. Das Sprengteam umarmte den genialen Herrscher über die 950 Kilogramm Sprengstoff, die er in insgesamt 1403 Bohrlöcher im Turm verbaut hatte.

„Auch der Staub verhält sich richtig“

Frank Junker, Chef der städtischen Wohnbauholding ABG Frankfurt und Auftraggeber der spektakulären Sprengung, war völlig aus dem Häuschen über die gelungene Aktion. „Das war ein chirurgischer Feineingriff“, sagte er. „Es war Anspannung bis zum Schluss, aber es hat alles bestens geklappt.“

Rund 900 Kilogramm Sprengstoff bringen den ehemaligen Uni-Turm in Frankfurt am Main (Hessen) am 02.02.2014 innerhalb weniger Sekunden zum Einsturz (Bildkombo). Mit 116 Metern Höhe war es das höchste je gesprengte Haus in Europa. Mehrere zehntausend Schaulustige verfolgten das Spektakel aus zum Teil mehreren Kilometern Entfernung. Foto: Boris Roessler/dpa +++© dpa - Bildfunk+++
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Sprengung des Uni-Hochhauses in Frankfurt: Zunächst wurde das Außengerippe gesprengt, dann der innere Betonkern. 50.000 Tonnen Stahlbeton falteten sich innerhalb von zehn Sekunden zusammen. Der Staub wurde mit 25.000 Litern Wasser bekämpft, die im Inneren des Hochhauses untergebracht waren.

Foto: dpa/Boris Roessler

„Das ist eine ganz tolle Sprengung gewesen, auch der Staub verhält sich richtig“, freute sich Sprengexperte Martin Hopfe, der bei der Thüringer Sprenggesellschaft die Geschäfte führt, im Interview mit dem Hessischen Rundfunk, der die Sprengung live übertragen hatte.

„Das hier ist Mathematik und Erfahrung“

Reisch selber war vor der Sprengung des höchsten je in Europa auf diese Weise abgebrochenen Gebäudes die Ruhe selbst. „Ich schlafe ganz gut“, sagte er gelassen. „Das hier ist Mathematik und Erfahrung. Zu große Emotion ist fehl am Platz. Angst ist in Ordnung, Vorsicht ist angebracht. Man hantiert hier mit Sprengstoff und Zündmittel. Aber man muss die Dinge schwerpunktmäßig rational und professionell angehen.“

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Deutlich zu sehen: Zunächst wurde die Außenhaut des Hochhauses gesprengt. Als sie zur Hälfte nach unten gefallen war, wurde der Betonkern des Hochhauses gesprengt.

Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Das Motto im Internetauftritt seiner Firma Reisch Sprengstofftechnik bringt diese Haltung auf den Punkt: „Alles unter Kontrolle!“, sogar mit einem Ausrufezeichen versehen. „Darunter verstehe ich sorgfältige Vorausplanung und Vorausberechnung unter der Gewährleistung der Sicherheit von allen Beteiligten und Anwohnern“, verdeutlicht Reisch, der auf 28 Jahre Erfahrung mit Sprengungen aller Art verweist. Reisch räumt alles weg, was weg muss, nicht nur Gebäude, auch Brücken, Felsen und Lawinen.

Reisch macht sogar Unterwassersprengungen

Einige Hundert Sprengungen im Jahr bearbeitet sein Unternehmen im Jahr, selbst Unterwassersprengungen schrecken Reisch nicht ab. Das bisher höchste Gebäude auf seiner langen Referenzenliste war das 52 Meter hohe Agfa-Hochhaus in München, das er 2008 direkt am Mittleren Ring kontrolliert zu Fall brachte. Auch den 150 Meter hohen Kamin von Südzucker in Regensburg bezwang Reisch genauso sicher, wie die alten Brückenpfeiler der 70 Meter hohen Haseltalbrücke, die sich als Teil der Autobahn A3 durch den Spessart windet.

Rund 900 Kilogramm Sprengstoff bringen den ehemaligen Uni-Turm in Frankfurt am Main (Hessen) am 02.02.2014 innerhalb weniger Sekunden zum Einsturz. Mit 116 Metern Höhe war es das höchste je gesprengte Haus in Europa. Mehrere zehntausend Schaulustige verfolgten das Spektakel aus zum Teil mehreren Kilometern Entfernung. Foto: Boris Roessler/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Eine riesige Staubwolke lag nach der Sprengung über dem Schutt des Uni-Hochhauses in Frankfurt.

Foto: dpa/Boris Roessler

Die Sprache des Sprengmeisters irritiert zuweilen: So sagt er „detonativ umsetzen“, wenn er explodieren meint. Vor knapp 20 Jahren war im oberbayerischen Andechs die Aufregung groß. Wissenschaftler glaubten, den Krater eines Meteoriteneinschlag gefunden zu haben. Dann stellte sich heraus, dass Eduard Reisch in einem Biotop für einen befreundeten Bauern nur einen drei Meter tiefen Krater für einen Ententeich gesprengt hatte. „Damit für die Tiere im heißen Sommer genug Wasser drin steht“, sagte Reisch. „Krater-Edi“ wird er seitdem nur noch genannt.

Zwischenzeitliches Berufsverbot für „Krater-Edi“

Eine andere Episode kostete ihm seine Sprengerlaubnis und war damit ein Berufsverbot. Im Jahre 2000 kamen zwei Mitarbeiter Reischs ums Leben, als dass Kesselhaus eines Heizkraftwerks in Hamburg umstürzte und die beiden unter sich begrub. Reisch rannte in Panik davon und tauchte erst einen Tag später wieder auf. Drei Jahre später verurteilte ihn das Landgericht Hamburg wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr Haft auf Bewährung und entzog ihm für vier Jahre seine Sprengerlaubnis. Krater-Edi nahm das nicht hin und erstritt sich vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht im Herbst 2004 seine Lizenz zurück. Allerdings bekam er die Auflage, bei komplizierten Gebäudesprengungen einen Gutachter hinzuzuziehen. Bei der Havarie in Hamburg war kein Statiker an Bord des Teams.

„Sonntags um Zehn wird in Deutschland gesprengt“

Für die Planung der kontrollierten Sprengung des AfE-Turms war der renommierte Dresdner Abbruchexperte und Statiker Rainer Melzer zuständig. Offenbar versteht der Mann sein Handwerk. Ein Einsatzleiter der Polizei vor Ort teilte mit, alles habe „wie am Schnürchen geklappt“. Lediglich drei Scheiben im nahe gelegenen Marriott-Hotel sind zu Bruch gegangen.

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50.000 Tonnen Bauschutt blieben vom gesprengten Uni-Turm in Frankfurt übrig, fotografiert aus dem 33. Stock des benachbarten Marriott-Hotels. Deutlich zu sehen sind die verstaubten Bäume und Nachbarhäuser.

Foto: dpa/Rolf Kegler

Es waren rund 30.000 Menschen, die sich diesen chirurgischen Eingriff im Herzen der Stadt Frankfurt nicht entgehen lassen wollten. Sprengexperte Martin Hopfe sah nach der spektakulären Sprengung gar einen ganz neuen Geist durch Deutschland bei Abbruchfragen wehen: „Das ist ein schöner Tag für die Sprengbranche in Deutschland. Jetzt heißt es vielleicht schon bald: Sonntags um Zehn wird in Deutschland gesprengt.“

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Von Detlef Stoller
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