04.11.2011, 12:05 Uhr | 0 |

Studie der ETH Zürich Wirtschaftliche Macht auf wenige Hände verteilt

Eine neue Studie zeigt auf, wie stark wirtschaftliche Macht in den Händen von sehr wenigen transnationalen Konzernen konzentriert ist. Die Untersuchung gibt Kritikern der Globalisierung Auftrieb.

Macht heißt, in der Lage zu sein, seinen eigenen Willen gegen den Willen und Widerstand von anderen durchzusetzen. Macht heißt zudem, in der Lage zu sein, sich der Kontrolle durch diejenigen zu entziehen, die nicht die eigenen Interessen oder die sogar gegensätzliche Interessen verfolgen.

Eine neue Studie von drei Systemtheoretikern der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich zeigt nun auf, wo sich Macht, in diesem Sinne verstanden, auf diesem Globus ansammelt: in den Händen von gerade einmal 147 multinationalen Konzernen, die überwiegend aus dem Finanzsektor stammen und etwa 40 % des weltweiten Bruttoinlandsprodukts repräsentieren. Diese überschaubare Anzahl an Konzernen, so haben die Forscher herausgefunden, ist durch direkte und indirekte Beteiligungen nicht nur mit einer Vielzahl an anderen Unternehmen, sondern vor allen Dingen auch untereinander verwoben. Dadurch kontrollieren sich die Konzerne untereinander – und können so wohl auch die Kontrolle von außen wirkungsvoll kanalisieren und abwehren.

Wirtschaftliche Macht konzentriert sich heute auf wenige Konzerne

Die Studie hat viel Staub aufgewirbelt, seitdem sie Ende September vorgestellt wurde. Belegt sie doch, wie stark sich die Wirtschaftsmacht heute auf wenige Konzerne konzentriert und zudem, wie stark sich die Macht inzwischen von der Real- auf die Finanzwirtschaft verlagert hat.

Grundlage der Studie der drei Forscher Stefania Vitali, James B. Glattfelder und Stefano Battiston war eine gründliche Datenbankrecherche. Sie bedienten sich der globalen Orbis-Datenbank, die zum Stichjahr 2007 etwa 37 Mio. Firmen aus der ganzen Welt umfasste. Aus diesem Bestand haben sie zunächst die Unternehmen herausgefiltert, die transnational aktiv sind. Dabei haben sie ungefähr 43 000 Unternehmen ermitteln können. Die nächste Filterung umfasste Konzerne, die an mindestens zwei anderen beteiligt sind. So reduzierte sich die Liste auf 1318 Konzerne, die, einschließlich ihrer Beteiligungen, für vier Fünftel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts stehen. Im Durchschnitt war jeder dieser Konzerne an 20 weiteren Unternehmen beteiligt. Dazu zählen die Forscher auch indirekte Beteiligungen, also die Beteiligungen, die eine Firma hat, an der ein anderes Unternehmen direkt beteiligt ist.

Unter diesen Mächtigen entdeckten die Forscher schließlich eine "Supereinheit" aus 147 Unternehmen – die Mächtigsten der Mächtigen. An der Spitze stehen die britische Barclays Bank sowie die US-Investmentkonzerne Capital Group und FMR Corp. Zu den 50 größten Unternehmen, die nahezu ausschließlich aus den USA, Europa und Japan stammen, gehören als mächtigste Konzerne aus Deutschland die Deutsche Bank auf Rang 12 sowie die Allianz auf Rang 28. In den Jahren nach 2007, aus dem das Datenmaterial der Forscher stammte, dürften sich Verschiebungen in dieser Rangliste ergeben haben, etwa durch aufstrebende Fonds und Banken aus China. Am grundsätzlichen Prinzip der Machtkonzentration dürfte sich aber nicht viel verändert haben.

Studie stützt Befürchtungen der Globalisierungskritiker von Attac zu wirtschaftlicher Macht

Die Studie stützt die Besorgnisse, die etwa seitens des globalisierungskritischen Netzwerks Attac seit Langem geäußert werden und die jetzt in den weltweiten Protesten der Occupy-Bewegung zum Ausdruck kommen. Je stärker sich die ökonomische Macht konzentriert, desto geringer werden die Einflussmöglichkeiten seitens der Politik. Zentrale demokratische Prinzipien stehen auf dem Spiel. Intensiver Lobbytätigkeit nicht zuletzt dieser mächtigen Finanzkonzerne dürfte es beispielsweise zu verdanken sein, dass die von vielen Politikern vollmundig angekündigte Neuregulierung des Finanzsektors infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 bis heute höchstens in Ansätzen erfolgt ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Finanztransaktionssteuer, die zuletzt sogar von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble befürwortet wurde, bis heute aber Vorhaben geblieben ist.

Die Machtballung in den Händen weniger lässt das Wirtschaftssystem jedoch nicht nur zu einer – seitens der Politik oder der Regulierungsbehörden – schwer einnehmbaren Festung werden, sondern macht es zugleich auch angreifbar. Wie die desaströsen Folgen des Bankrotts der US-Investmentbank Lehman Brothers zeigen, ist die Verflechtung inzwischen so stark, dass der Ausfall eines Akteurs schnell zum Zusammenbruch weiterer Konzerne führen kann. 2008 konnte die Politik mithilfe der öffentlichen Haushalte einen Dominoeffekt verhindern. Doch das hat die Haushalte so stark ausgepowert, dass eine Wiederholung eines solchen Kraftaktes kaum denkbar erscheint.

Konzentration wirtschaftlicher Macht stellt Wettbewerbsprinzip in Frage

Infrage gestellt erscheint angesichts einer so starken Zusammenballung von Interessen und Beteiligungen auch das Wettbewerbsprinzip. Wenn die größten Finanzkonzerne durch die Eigentümerstruktur so stark miteinander verwoben sind, wie die Studie nun aufzeigt, dürfte der korrigierende Effekt auf das Handeln einzelner Konzerne durch den Wettbewerb untereinander weitgehend außer Kraft gesetzt sein.

Die Studie der ETH Zürich macht keine Aussage darüber, inwieweit diese "Supereinheit" aus 147 Konzernen direkt oder indirekt Einfluss auf die Politik nimmt. Ebenso wenig lässt sich ablesen, ob und wie diese transnationalen Unternehmen konzertiert agieren, also ihre Macht tatsächlich im Sinne ihrer partikularen Interessen einsetzen. Solche Prozesse dürften sich indes auch kaum mithilfe von Datenbanken erfassen oder auswerten lassen.

Von Johannes Wendland | Präsentiert von VDI Logo
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