28.03.2013, 14:08 Uhr | 0 |

Eurokrise macht krank Selbstmorde und Infektionen in Krisenländern nehmen zu

In Südeuropa haben die starken Sparprogramme aufgrund der hohen Staatsverschuldung offenbar erste Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung. Nach einer EU-Studie nimmt die Zahl von Infektionen und Selbstmorden zu.

In Spanien nehmen die Proteste gegen die Sparpolitik der Regierung zu.
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Die Wirtschaftskrise in den Ländern Südeuropas hat offenbar auch erste Folgen für die Gesundheit. Hier demonstrieren Arbeitnehmer im spanischen Coruna gegen den Sparkurs der Regierung. Laut einer EU-Studie sorgen die Kürzungen dazu, dass sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung in Südeuropa verschlechtert.

Foto: dpa/Kiki Delgado

Geringere Zuzahlungen des Staates bei ärztlichen Behandlungen, schlechter ausgestattete Krankenhäuser und Kürzungen bei Gesundheitsprogrammen wie der kostenlosen Abgabe sauberer Spritzen an Drogenabhängige haben dazu geführt, dass sich der Gesundheitszustand in den südlichen Krisenländern verschlechtert. Davon sind Wissenschaftler um Martin McKee von der European Observatory on Health Systems and Policies in einer Studie überzeugt, die am Mittwoch in der medizinischen Fachzeitschrift Lancet erschienen ist.

HIV-Infektionen in Griechenland nehmen zu

Sie führen zum Beispiel den Anstieg der Aids-Infektionen in Griechenland von bislang jährlich bis zu 15 pro Jahr auf 314 in den ersten acht Monaten des Jahres 2012 direkt auf Kürzungen im Gesundheitswesen abhängig. So hat Griechenland die kostenlose Abgabe sauberer Spritzen an Drogenabhängige eingestellt. Das führt offenbar durch Mehrfachverwendung infizierter Spritze zur Verbreitung des HIV-Erregers.

In Portugal habe die Zahl psychischer Störungen zwischen 2006 und 2010 stark zugenommen, so McKee. Demnach würden sich Depressionen und Angststörungen ausbreiten. Alkoholabhängigkeit nehme zu.

Auch die Zahl der Selbstmorde ist gestiegen, so die Forscher. Allerdings stützen sich sich auf eine auffallend kurze Zeitspanne. In einer Studie, die im März 2013 erscheint, berufen sich die Forscher auf die Monate Januar bis Mai 2011, in denen die Zahl der Selbstmorde in der EU um 40 Prozent gestiegen ist. Schon zuvor war die Zahl der Selbstmorde seit dem Allzeit-Tiefststand im Jahr 2007 um rund 13 Prozent bis zum Jahr 2010 angestiegen.

Außerdem scheuen Menschen den Gang zum Arzt. Das begründen die Forscher damit, dass die Selbstbeteiligung der Patienten gestiegen ist und Krankmeldungen den Arbeitsplatz gefährden – zumindest fürchten das die Menschen in Ländern mit hoher Arbeitslosenquote im Süden Europas. Immer mehr Menschen bezeichnen ihren Gesundheitszustand als schlecht oder sogar sehr schlecht. Psychische Erkrankungen nehmen aus Angst vor der Zukunft zu.

Keine Negativfolgen für Deutschland

Die Experten fordern, nicht nur Banken mit Geld zu versorgen, sondern auch das Gesundheitssystem in den Krisenstaaten. Budgetkürzungen von 40 Prozent wie im griechischen Krankenhauswesen hätten gravierende Folgen, so die Warnungen.

Deutschland ist dagegen so etwas wie eine Insel der Seligen. Die Wirtschaft des Landes war schon lange vor Beginn  der Krise so umgebaut worden, dass Wachstum beinahe zwangsläufig folgen musste. Die Finanzierung des Gesundheitswesens blieb unverändert erhalten. „Wir haben keine Auswirkungen auf die Gesundheit erwartet, und wir sehen auch keine“, sagt McKee.

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Von Wolfgang Kempkens & Axel Mörer-Funk
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