Japan nach Fukushima "Ganbatte Nippon" - zu Deutsch "Gib nicht auf, Japan"
Es waren nur 11 Minuten im März dieses Jahres, die Japan in die Katastrophe stürzten
Weihnachtszeit in Japan – das ist jedes Jahr in diesem eigentlich nicht christlichen Land ein glitzerndes Lichterspektakel mit hell beleuchteten Bäumen in nahezu allen erdenklichen Farbkombinationen. Die Warenhäuser der Großstädte geben sich größte Mühe, die Kunden zur Weihnachtszeit mit auffälligem Schmuck und üppiger Beleuchtung in die Läden zu locken.
Nicht ganz so grell fällt die Beleuchtung allerdings in diesem Jahr aus. "Ich hatte mir eigentlich etwas mehr erwartet", sagt die 24-jährige Kayoko Matsui, für die Weihnachten im Wesentlichen ein romantisches Fest ist. Sie ist etwas enttäuscht darüber, dass ihr Lieblingseinkaufszentrum World Porters, gleich an der Uferpromenade der Hafenstadt Yokohama gelegen, dieses Jahr im Zeichen der allgemeinen Energiesparmaßnahmen auf das übliche Lichtermeer verzichtet und sich stattdessen für dezente Licht reflektierende Rentier-
ornamente entschieden hat.
Japan friert und fröstelt
Die Atomkatastrophe von Fukushima Daiichi hat viele direkte und indirekte Auswirkungen auf das Alltagsleben der Japaner. Nur noch ein Fünftel der insgesamt 54 Atomreaktoren ist derzeit voll in Betrieb. Während es in vielen nördlichen Regionen schneit und friert, fröstelt es die Menschen inzwischen auch in der japanischen Metropole.
Fast jeder redet darüber, wie man sich in diesem Winter warm halten kann. "Ich schwöre auf die neue Heattech-Unterwäsche – die Fasern sind mit Milchprotein behandelt und wärmen mehr – und dazu eine dicke Daunenjacke." Mariko Ono, die am Schalter der japanischen Post sitzt, hat sich von zu Hause extra warme Pantoffeln mitgebracht. Ihr Arbeitgeber hat die Heizung in diesem Winter auf höchstens 20 °C reduziert.
Es vergeht kein Tag, an dem nicht im japanischen Fernsehen eine Sendung mit Tipps dazu läuft, wie man Häuser und Wohnungen besser isolieren kann. "Auch wenn wir eigentlich nicht mehr offiziell zum Stromsparen verpflichtet sind, bemühe ich mich meinen Energieverbrauch zu drosseln und drehe die Heizungen nicht mehr so schnell auf. Das tut auch meiner Stromrechnung gut", meint Hiroshi Yamada, Professor an der Mejiro Universität.
"Setsuden" oder auch Energiesparen ist inzwischen zu einem neuen Lebensstil geworden. Die Regierung hat jüngst wieder neue Ratschläge dazu veröffentlicht, was die Bürger tun können, um sich warm zu halten. Dazu gehört, mehrere Kleidungsstücke in Schichten übereinander zu tragen, kürzere Strecken eher zu Fuß zu gehen, statt mit der U-Bahn zu fahren, und weniger elektrische Küchengeräte zu benutzen, dafür wärmende Eintopfsuppen auf kleinen Kochern zuzubereiten. Das habe dann den Vorteil, dass die Kocher auch die Räume etwas aufheizen, so der gute Rat der Regierung. Aber eigentlich sind die Bürger schon selbst darauf gekommen und brauchen derartige offizielle Anweisungen nicht.
Japans Händler beleuchten Weihnachten mit LED-Lichtern
Stromsparen ist überall angesagt. In den U-Bahnhöfen sind große Plakate mit der Aufschrift "Saving Electricity" zu finden, die erklären, warum die Bahnhöfe weniger beleuchtet sind. So fehlt auch in der Deckenbeleuchtung des Bahnhofs Bashamichi in Yokohama jede zweite Glühbirne. Dunkel ist es dennoch nicht.
Der japanische Handel hat in diesem Jahr zwar keineswegs auf die Weihnachtsbeleuchtung verzichtet, viele Warenhäuser haben aber Kompromisse geschlossen. In Yokohama sind in diesem Jahr viele gänzlich zu LED-Lichterketten übergegangen – sozusagen für eine Weihnachtsbeleuchtung ohne Reue. In den Nachrichten wird ein Weihnachtsmarkt mit aufwendiger LED-Beleuchtung gezeigt, bei der in großen Schriftzügen aus Lichterketten die Worte "Ganbatte Nippon", was so viel heißt wie "Gib nicht auf, Nippon!", in Erinnerung an das Erdbeben im März zu lesen sind.
Es gibt Tage, an denen – 250 km entfernt vom schwerbetroffenen Erdbebengebiet – kaum etwas an die Katastrophe im März dieses Jahres erinnert. Und dann stößt man auf Menschen wie Yasuhiko Furuya, einen eloquenten Politiker, der am Bahnhof von Yokohama steht und es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Menschen vor den Folgen des Super-GAUs zu warnen. "Bitte seid beim Kauf von Lebensmitteln vorsichtig", ruft er.
Viele Japaner haben den Glauben an die Politiker verloren, weil sie sich in der Zeit nach der Katastrophe viel zu dilettantisch verhalten haben und immer nur zugaben, was wirklich nicht mehr zu bestreiten ist. "Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll und was nicht. Die Regierung verkündet inzwischen fast jeden Tag, dass die Strahlungswerte normal sind. Und dann hören wir plötzlich, dass sie radioaktives Cäsium im Milchpulver für Babys gefunden haben", sagt die 31-jährige Mariko Yamamoto, Mutter des dreijährigen Akiras, und wird energischer: "Die Situation wird von den Politikern stets völlig verharmlost. Die Informationen sind bruchstückhaft."
In der Tat können die Japaner die Höhe der radioaktiven Strahlung jeden Tag in den Medien mitverfolgen. Die neuesten Werte werden in den Tageszeitungen und im Fernsehen veröffentlicht und basieren auf stündlichen Messungen in 36 Präfekturen des Landes. "Diese Zahlen beruhigen mich irgendwie überhaupt nicht. Da man die Verseuchung nicht sehen, schmecken oder riechen kann, achte ich beim Kauf von Obst und Gemüse nun schon mehr darauf, aus welchem Anbaugebiet die Produkte kommen", sagt Masako Hashimoto, eine japanische Hausfrau.
Die Verunsicherung ist groß. Der Politiker Furuya kann ein Lied davon singen. Seine Familie hat die Folgen des Atomunfalls in Fukushima Daiichi am eigenen Leib erfahren. Seinen drei Kindern wurde – wie auch weiteren 84 000 anderen Schülern an 160 Schulen der Stadt Yokohama zwischen April und Juni – mit Cäsium kontaminiertes Rindfleisch serviert. Es lag weit über dem staatlichen Grenzwert.
Geigerzähler sind nur noch schwer zu bekommen
Derartige Vorfälle haben dazu geführt, dass einige Japaner inzwischen ihre eigenen Geigerzähler kaufen, um selbst zu testen, was es mit der befürchteten Radioaktivität auf sich hat. Einige Privatpersonen und Organisationen ziehen seit geraumer Zeit durch die Hauptstadt und teilen ihre Messwerte auf Internetseiten mit.
Geigerzähler sind mit rund 800 $ viel zu teuer und mittlerweile auch schwer zu finden. Auf einem Rundgang im Tokioter Elektronikviertel Akihabara vor einigen Wochen waren alle Geräte ausverkauft. Ein Verkäufer des großen Elektroniksupermarkts Yodobashi berichtet, dass sich inzwischen sogar ein grauer Markt für die Geräte aufgetan hat.
Sanwa, eine kleine Firma in der Präfektur Fukushima, bietet inzwischen den sehr viel preisgünstigeren "Geiger Fukushima" für 18 000 ¥ oder umgerechnet rund 190 € exklusiv über die Webseite einer gemeinnützigen Organisation an. Tausende dieser Geräte sind bereits vorbestellt.
Unternehmen in Japan produzieren wieder normal
Japanische Unternehmen wie Honda, Toyota, Nissan oder Sony, die hart von der Erdbebenkatastrophe getroffen wurden und mit erheblichen Lieferengpässen und Produktionsengpässen kämpfen mussten, fahren in den meisten Regionen wieder eine so gut wie normale Produktion. "Nippons Produzenten haben nach dem Desaster in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder auf die Beine gefunden", erläutert Tadahiko Abe vom Fujitsu Research Institute. "Als Folge der schweren Katastrophe beobachten wir derzeit aber einen massiven Drang japanischer Firmen sowohl im Inland als auch vor allem international zu diversifizieren", erläutert Kim Hung-Jong von Korea Development, zuständig für Akquisitionen und Übernahmen.
Der starke Yen, der in den vergangenen vier Jahren allein gegenüber dem Dollar um 45 % aufgewertet wurde, hilft ihnen dabei. In den Augen vieler Firmen gibt es inzwischen keinen anderen Weg mehr, als sich im Ausland eine stabile Produktionsbasis und diversifizierte Zulieferquellen zu suchen.
"Wenn wir nicht ins Ausland gehen, können wir im Inland langfristig nicht mehr überleben", sagte jüngst der Präsident von Uniqlo, einer führenden japanischen Bekleidungskette. Diese Einschätzung spiegelte auch der Vorstandsvorsitzende von Nippon Steel, Akio Mimura, der den Schlüssel für das Überleben der heimischen Industrie in verstärkten Investitionen im Ausland sieht.





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