26.08.2013, 08:59 Uhr | 1 |

Wirtschaft "Die Finanzkrise im Westen könnte für Asien zum Segen werden"

Europas wirtschaftliche Schwäche schlägt auch auf Asien durch. Die Länder der Region setzen mehr denn je auf ihre Binnenmärkte und schließen sich immer enger zusammen. Was bedeutet das für den alten Kontinent? Fragen an die ehemalige Weltbank-Ökonomin Siriwan Chutikamoltham, die heute an der Nanyang Technological University in Singapur lehrt.

Ex-Weltbank-Ökonomin Siriwan Chutikamoltham
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Ex-Weltbank-Ökonomin Siriwan Chutikamoltham: "Der Internationale Währungsfonds sagt Asien bis 2025 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 5,75 % vorher. Das Einkommen der Menschen wird sich verdoppeln. "

Foto: Nanyang Technological University Singapore

VDI nachrichten: Frau Professor Chutikamoltham, Europa steckt noch immer in der Krise. Die Schuldenländer kämpfen ums wirtschaftliche Überleben, Italien schwächelt und Frankreich tut sich schwer mit der Modernisierung. Hat das Auswirkungen auf Asien?

Chutikamoltham: Natürlich. Die Krise in Europa hat uns in den letzten Jahren eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, höhere Inflation und die Sorge vor Blasen am Kapitalmarkt gebracht. Asien lockt viel Geld an, weil es attraktive Alternativen bietet. Der Kapitalzufluss ist – begünstigt durch die lockere Geldpolitik in Europa und den USA – stark gestiegen. Der nach China hat sich 2009 und 2010 jeweils verdoppelt, aber auch Singapur, Thailand und Indonesien haben profitiert.

Wohin floss das Geld?

Nicht in nachhaltige Entwicklungsprojekte, sondern in kurzfristige Anlagen wie Aktien, Bonds oder Immobilien. Die Aktienmärkte boomten, der MSCI Asia Pacific legte zwischen 2009 und 2011 um 150 % zu. Die Häuserpreise schossen durch die Decke, Singapur verzeichnet seit 2010 einen Anstieg von 60 %. Wir haben regelrechte Panikkäufe gesehen, die jetzt zu ähnlichen Problemen führen könnten, wie wir sie von der Subprime Krise in den USA kennen.

Und was ist mit dem Export?

Europa war traditionell größter Handelspartner der asiatischen Staaten, aber das ist vorbei: Der Export ist stark eingebrochen. Das stellte die Länder, die stark auf Export setzten, vor große Herausforderungen. Sie mussten ihre Wirtschaftspolitik neu ausrichten: Weg von der reinen Exportorientierung und hin zur Stärkung der heimischen Nachfrage.

Das dürfte vor allem für China gelten.

China ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Fokussierung auf den Außenhandel mit dem Westen hat dort zwar starkes Wachstum generiert, aber gleichzeitig zu sozialen Verwerfungen geführt. Der Graben zwischen städtischen und ländlichen Regionen wurde immer tiefer, die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. Millionen von Wanderarbeitern, weitgehend ohne soziale Rechte, sind unterwegs. Die Zerstörung von Natur und Umwelt schreitet voran.

Der Exporteinbruch zwingt die Führung jetzt zu einem Kurswechsel?

Ja, die Kaufkraft soll nun steigen, damit die Binnennachfrage in Gang kommt. Kleine und mittlere Firmen, die sich in ländlichen Regionen ansiedeln, werden gefördert, damit der Aufschwung auch das Hinterland erreicht. Nachhaltiges Wachstum soll die Billigproduktion für den Westen ablösen. China will weg von der "Werkbank der Welt". Es will den Billigstatus hinter sich lassen und zum "Investor der Welt" werden.

Ein ehrgeiziges Ziel. Wie sehen Sie die Erfolgsaussichten der neuen Strategie?

Es gibt erste Anzeichen, dass die neue Strategie aufgeht: In den armen, agrarisch ausgerichteten Regionen nimmt die Kaufkraft tatsächlich so zu, dass der Wegfall des Exports kompensiert werden kann.

Die neue Ausrichtung bringt außerdem einen weiteren Vorteil: China sah sich wegen der Unterbewertung des Renmimbi viele Jahre internationaler Kritik ausgesetzt. Mit der Überwindung der Exportabhängigkeit kann Peking die Währung jetzt aufwerten. Damit sinkt die Gefahr der Inflation. Den Menschen bleibt mehr Kaufkraft, der Lebensstandard steigt.

Gilt das auch für die Länder Südostasiens?

Auch Länder wie Thailand, Indonesien oder Vietnam müssen sich nach Alternativen umschauen. Sie strecken ihre Fühler nach Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten aus. Und sie besinnen sich auf die Region. Der innerasiatische Handel ist stark im Aufwind. Im vergangenen Jahr machte er bereits 55 % des gesamten Handelsvolumens aus.

Das heißt, die regionale Integration nimmt zu?

Unter dem Eindruck der ersten Krisenwelle haben die zehn Asean-Staaten schon 2009 beschlossen, bis Ende 2015 einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu bilden. Die Integration nimmt also Fahrt auf. Bisher wurden schon die Handelstarife für 90 % aller Güter abgeschafft und grenzüberschreitende Dienstleistungen liberalisiert. Viel wurde auch in Infrastrukturprojekte investiert, um die Vernetzung der Partnerstaaten zu gewährleisten. Neue Verkehrswege sind im Bau. Auch die gegenseitigen Direktinvestitionen haben neue Dimensionen erreicht. 2005 waren das gerade einmal 9 %, heute sind es schon 23 % – Tendenz steigend.

Welche Folgen hat es für Asien, wenn hier ein Binnenmarkt mit fast 600 Mio. Menschen entsteht?

Der Asean-Raum wird wirtschaftlich noch attraktiver. Er soll aber kein geschlossener Block sein. Die Asean-Staaten sind offen für Handelspartner. Freihandelsabkommen regeln die Beziehungen. Seit 2010 ist das Abkommen mit China in Kraft, das inzwischen zum größten Handelspartner der Zehner-Gemeinschaft geworden ist.

Das heißt, die wirtschaftliche Schwäche in Europa und den USA schweißt die Schwellenländer in Asien zusammen – zu ihrem langfristigen Vorteil?

Ja, die Krise im Westen hat mehr positive als negative Effekte auf den Fernen Osten. Die Weltregion wird sich stärker integrieren und ausgewogener entwickeln. Die Produktivität wird steigen und mit ihr die Attraktivität der einzelnen Märkte. Die Menschen werden davon profitieren, ihr Lebensstandard wird höher. Der Internationale Währungsfonds sagt Asien bis 2025 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 5,75 % vorher. Das Einkommen der Menschen wird sich verdoppeln.

Und der Anteil Asiens an der Weltwirtschaftsleistung nimmt kräftig zu.

Er wird von derzeit 30 % auf 50 % steigen. Der asiatische Raum beheimatet dann vier der größten globalen Wirtschaftsmächte: China als Nummer 1 in der Welt, Indien als Nummer 3, Japan als Nummer 4 und Indonesien als Nummer 10. Unterm Strich kann man also sagen, dass die Finanzkrise im Westen den Fernen Osten zur Neuorientierung zwingt. Sie wirkt als Katalysator für die wirtschaftliche Entwicklung. Am Ende ist das ein Segen für ganz Asien.

...während Europa angeschlagen hinterherhinkt.

Der Aufstieg birgt Vorteile, aber auch Gefahren für Europa wie für die gesamte westliche Welt. Mehr Wohlstand und damit mehr Kaufkraft in Fernost steigert die Nachfrage und eröffnet viele neue Geschäftsmöglichkeiten. Einige Länder haben das schon erkannt und richten sich auf die neuen Märkte ein. So hat die australische Regierung gerade Chinesisch und Bahasa Malayu in den Sprachenkanon der Schulen aufgenommen. Sie gehören jetzt zu den Pflichtfächern.

Und was tut sich in Europa?

Konkurrenten aus Europa müssen viel wettbewerbsfähiger werden, wollen sie auf den stark integrierten Märkten in Fernost künftig eine Chance haben.

Der alte Kontinent muss also aufwachen...

Ja, und zwar möglichst schnell. Will Europas Wirtschaft ihre Stellung auf dem Weltmarkt halten, dann muss sie ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Das gilt vor allem für die schwachen Volkswirtschaften, die unter geringer Produktivität leiden, was ihre wirtschaftliche Misere noch verschärft. Sie müssen modernisieren, dringend Strukturreformen durchführen, alles Wegräumen, was einer Produktionssteigerung im Wege steht.

Reformen sind aber nur schwer durchzusetzen. Und es dauert, bis sie wirken. In der Zwischenzeit wandern viele jungen Menschen ab.

Darin sehe ich eine große Gefahr. Die Staaten, die ihren Schuldenberg abbauen müssen, sollten dafür sorgen, dass sie sich durch ihre Sanierungsprogramme nicht von der Zukunft abschneiden: Bildung, Forschung und Innovation dürfen nicht kaputtgespart werden, sonst fehlen die Vorbedingungen eines nachhaltigen Wirtschaftsaufschwungs.

Ich finde es wirklich besorgniserregend, dass die jungen Menschen in den Problemländern ihrer Heimat den Rücken kehren, um Jobs im Ausland zu suchen. Diesen Ländern geht dadurch eine ganze Generation gut ausgebildeter und wertvoller Köpfe verloren.

Es sollte also schnell etwas passieren?

Ja, und zwar ziemlich schnell. Entscheidend ist jetzt, die ganze Eurozone so rasch wie möglich aus der Krise herauszuführen. Die Mitgliedsstaaten dürfen nicht mehr ihre ganze Kraft darauf verwenden, die Malaise zu bekämpfen. Sie müssen so rasch wie möglich zum Wachstum zurückkehren. Auf den globalen Märkten, die sich rasant schnell entwickeln, ist langsames Handeln ein Luxus, den sich nur ganz wenige leisten können. Die, die die Hände in den Schoß legen und nichts tun, fallen ganz schnell zurück.  

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Von Sabine Seeger | Präsentiert von VDI Logo
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kommentare
11.09.2013, 23:19 Uhr Koala
<a href=http://de.statista.com/statistik/faktenbuch/356/a/laender/china/wirtschaft-in-china/>Hier</a> ein deutliches Bild von der Wirtschaft Chinas!

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