25.05.2016, 12:11 Uhr | 0 |

Brexit schadet GB Botschafter Wood: Wir sollten Mitglied einer reformierten EU bleiben

Am 23. Juni stimmen die Briten über einen Austritt aus der Europäischen Union ab. Zuletzt hat die Regierung von Premier David Cameron vor den Folgen eines Austritts gewarnt. Der britische Botschafter in Berlin, Sir Sebastian Wood, äußert sich im Interview über den Brexit und die besonderen Befindlichkeiten der Briten.

Dunkle Regenwolken über der Londoner City
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Dunkle Regenwolken über der Londoner City: Am 23. Juni 2016 stimmen die Briten darüber ab, ob das Land weiterhin in der EU bleibt oder die Gemeinschaft verlässt. Der britische Botschafter Sir Sebastian Wood macht sich im Interview mit VDI nachrichten für den Verbleib des Landes in der EU stark.

Foto: Andy Rain/dpa

? Mehr als die Hälfte aller britischen Exporte gehen in die EU-Staaten. Kann es sich Ihr Land wirtschaftlich leisten, aus der EU auszutreten?

! Sir Wood: Die britische Regierung hat eine Serie von Papieren veröffentlicht, die klar machen, dass ein Austritt stark negative Konsequenzen für die Wirtschaft haben könnte. Besonders am Anfang würde es eine lange Periode der Unsicherheit geben, weil die Verhandlungen über einen Austritt sehr kompliziert wären. Wenn wir dem Beispiel Norwegens folgen würden, müssten wir nach Austritt die meisten EU-Regulierungen dennoch übernehmen. Nur hätten wir dann überhaupt keine Möglichkeit mehr, mitzubestimmen. Wenn wir ein bilaterales Wirtschaftsabkommen wie die Schweiz aushandeln wollten, hätten unsere Dienstleistungen keinen freien Zugang zum Binnenmarkt. Die Regierung ist davon überzeugt, dass ein Austritt große wirtschaftliche Nachteile hätte. Deshalb sollte Großbritannien Mitglied einer reformierten EU bleiben.

? Sie argumentieren ausschließlich mit den wirtschaftlichen Vorteilen einer EU-Mitgliedschaft. Warum gibt es in Großbritannien keine emotionale Bindung an Kontinentaleuropa?

! Die grundsätzliche Haltung gegenüber der EU ist in Großbritannien eine andere als in Deutschland.

? Kritischer?

! Nicht immer kritischer. Aber unsere Geschichte wurde und wird von unserer Geographie geprägt. Wir leben auf einer Insel. Das hat uns geschützt. Seit 900 Jahren sind wir nicht erobert worden, wir hatten keinen Dreißigjährigen Krieg, keine Revolution wie in Frankreich. Unsere wichtigen Institutionen, also unsere Gerichte und Parlamente, haben sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte entwickelt. Die Briten vertrauen ihnen vielleicht ein bisschen mehr als die Deutschen den ihren. Deshalb ist es für Wähler schwer zu verstehen, dass unsere Institutionen nach und nach Kompetenzen nach Brüssel abgeben. Deshalb gibt es bei uns keine Unterstützung für die Idee einer weiteren politischen Integration in Europa.

epa05299333 The Vote Leave Bus Tour in St Austell, Cornwall, Britain, 11 May 2016. Boris Johnson is supporting the Brexit campaign touring the country with a bus. EPA/STR UK OUT +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Der "Vote Leave Bus" des früheren Londoner Bürgermeisters Boris Johnson: Der populäre Politiker wirbt für einen Austritt Großbritanniens aus der EU.

Foto: dpa

? Dazu sind sie ja jetzt auch nicht mehr verpflichtet.

! Ja, wir haben uns im Februar mit der EU darauf geeinigt, dass Großbritannien nicht an einer weiteren politischen Integration teilnehmen muss.

? Aber lassen sich die Probleme, die wir heute haben, vom Terror, über Klimawandel bis zur Migration noch national lösen? Brauchen wir nicht auf vielen Feldern mehr Europa statt weniger?

! Ja, richtig. Viele Probleme sind grenzüberschreitend. Deshalb glaubt die britische Regierung, dass wir innerhalb der EU auch sichererer sind als außerhalb. Wir arbeiten schon jetzt sehr eng mit unseren Partnern zusammen. Die Bedrohung durch Terrorismus ist größer denn je. Die Regierung versucht zu erklären, dass unsere Sicherheitsbehörden gut vernetzt zusammenarbeiten. 

? In britischen Städten gibt es fast flächendeckend Kameraüberwachung, in Deutschland ist das noch verpönt. Würden Sie sich wünschen, dass Deutschland und andere europäische Länder in solchen Fragen britischer werden?

Ich will niemanden kritisieren, alle Länder sind geprägt von ihrer Geschichten und den Lehren, die sie daraus gezogen haben. Es gibt immer ein Spannungsverhältnis zwischen Privatsphäre und Sicherheit. Auch bei uns wird darüber gestritten. Aber im Großen und Ganzen stehen wir vielleicht unseren Sicherheitsbehörden etwas gelassener gegenüber als etwa in Deutschland. Jemand hat mal gesagt, in Deutschland könnte ein Spion wie James Bond niemals ein Held sein. Ich glaube er hat recht damit. 

? Dennoch wird Großbritannien beim Thema EU überwiegend als Troublemaker wahrgenommen …

Das sind Vorurteile oder Missverständnisse. Zum Beispiel haben viele vermutet, dass wir bei den Verhandlungen mit der EU die Arbeitnehmerfreizügigkeit einschränken wollten. Genau das war aber nicht der Fall. Der Premierminister glaubt, dass sich Arbeitnehmer frei in der EU bewegen können sollten.

? Also keine Blockadepolitik?

Nein, Großbritannien will nicht blockieren. Wenn die Euroländer noch enger zusammenrücken wollen, sollen sie das tun. Es darf nur den europäischen Binnenmarkt nicht einschränken. Das ist unsere Position. Deshalb war das Reformpaket wichtig für uns. Wir haben festgestellt, dass die EU mehr ist als eine Währungszone, mehr ist als der Schengenraum. Wir sind der größte Binnenmarkt der Welt, wir teilen fundamentale demokratische Werte, wir arbeiten an einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Und in dieser großen EU gibt es Platz für Länder wie Deutschland, die eine engere politische Integration wollen, und Länder wie Großbritannien, die das nicht wollen.

? Dennoch hat Ihr Land ein Imageproblem in Europa.

Ich glaube nicht, dass wir negativ gesehen werden. Viele in Europa erkennen an, dass wir uns immer für wirtschaftlichen Fortschritt in der EU stark gemacht haben, dass wir uns für Wettbewerbsfähigkeit einsetzen. Ich glaube, dass etwa die deutsche Wirtschaft das britische Engagement in diesen Fragen durchaus zu schätzen weiß. 

? Mit Verlaub, aber Sie zeichnen da ein sehr rosiges Bild, was das Ansehen Großbritanniens in der EU angeht. Das Referendum schlägt doch in ganz Europa hohe Wellen. 

! Ja, das bestreite ich nicht. Ich mache mir schon ein bisschen Sorgen, dass die laute Brexit-Debatte in Großbritannien in Europa missverstanden wird. Manche unserer Freunde in Festlandeuropa täuscht das vielleicht darüber hinweg, dass wir immer noch eine wichtige Rolle auf der internationalen Bühne spielen. Wir kreisen keineswegs nur um uns selbst. Das versuche ich in vielen Gesprächen immer wieder zu erklären. Wir spielen eine sehr aktive Rolle, egal ob es um den Syrienkonflikt geht, die Stabilisierung Libyens oder das Abkommen der EU mit der Türkei. Von britischem Isolationismus kann also überhaupt keine Rede sein. 

FILE - ILLUSTRATION - An English Bull Dog wearing a Union Jack and his master join Union Leaders at a march through the center of Birmingham, Britain in a Unite for Jobs Union campaign on 16 May 2009. EPA/SAM BAGNALL (zu dpa-Berichterstattung vor dem EU-Gipfel) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Englische Bulldogge mit britischer Fahne: "Wir leben auf einer Insel. Das hat uns geschützt", sagt der britische Botschafter in Berlin, Sir Sebastian Wood.

Foto: Bagnall/dpa

Nicht nur bei Ihnen sondern auch in vielen anderen Ländern erstarken antieuropäische Bewegungen und Parteien. Steht die Europäische Union vor dem Scheitern?

! Nein, das glaubt die britische Regierung nicht. Aber es gibt Herausforderungen. Wenn wir in der EU bleiben, werden wir uns für mehr Wettbewerbsfähigkeit sowie eine Vertiefung und Ergänzung des Binnenmarkts aussprechen. Bei Dienstleistungen etwa würden wir uns besseren Zugang zu den Märkten der anderen EU-Länder wünschen.

Die deutsche Regierung ist davon wenig begeistert.

! In manchen Mitgliedstaaten, zu denen auch Deutschland gehört, ist das noch etwas umstritten. Aber nach unserer Ansicht wäre das sehr gut für alle. Und zwar nicht nur für den Service-Sektor selbst, sondern auch für die Industrie, in der Dienstleistungen eine immer größere Rolle spielen...

... und die britische Industrie hat in den vergangenen Jahren wieder an Bedeutung gewonnen.

! Ja, ich habe den Eindruck, dass diese Entwicklung in Deutschland kaum gesehen wird. Die Deutschen nehmen nicht wahr, dass etwa der Maschinenbau bei uns wieder sehr wettbewerbsfähig ist. Viele ausländische Unternehmen, nicht zuletzt aus Japan, haben in Großbritannien investiert. Außerdem haben wir die Probleme, die es zwischen Gewerkschaften und Unternehmen gab, größtenteils gelöst. Das hat dazu geführt, dass heute die Produktivität in der Automobilbranche die höchste in Europa ist. Unsere Flugzeugindustrie ist die zweitgrößte der Welt. In vielen Hightech-Branchen sind wir führend.

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Von Christoph Böckmann & Peter Schwarz
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