15.07.2013, 11:36 Uhr | 0 |

Siemens-Vorstand Helmrich "Wir wollen in fünf Jahren in 80 % der Technologiefelder weltweit führend sein"

Vielfältig sind die Herausforderungen in der Konzernforschung von Siemens, nicht nur bei den Themen Energiewende und Industrie 4.0. CTO Klaus Helmrich spricht im Interview über seine Ziele, Veränderungen und Prioritäten.

Siemens-Vorstand Klaus Helmrich
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Klaus Helmrich, Siemens-CTO, baut in der Konzernforschung auf starke Netzwerke zwischen Technologiestandorten des Konzerns und Forschungseinrichtungen.

Foto: Ciupek

VDI nachrichten: Energiewende, Elektromobilität und Industrie 4.0 – derzeit werden viele interdisziplinäre Themen in der Industrie diskutiert. Wie gehen Sie damit bei Siemens in der Konzernforschung um?

Helmrich: Wenn man sich in einem Umfeld wie Siemens bewegt, muss es bei Innovationen gleichermaßen um Nachhaltigkeit, Qualität, Funktionalität und Langlebigkeit gehen. Interdisziplinarität ist also entscheidend: Wir müssen die Forschung und Entwicklung und das Wissen der Mitarbeiter in verschiedenen Disziplinen weiterentwickeln. Die Möglichkeiten neuer Technologien kombinieren wir mit unserem Marktverständnis, um daraus Innovationen zu entwickeln.

Wir bemühen uns um eine stärkere Verzahnung mit Universitäten und Forschungseinrichtungen, um zu sehen, welche Technologien in den nächsten Jahren kommen werden. Unsere zentrale Forschung, die Corporate Technology, sorgt dafür, dass unsere Technologien "state of the art" sind. Wir bewerten potenzielle Zukunftstechnologien, implementieren sie probeweise und eröffnen dadurch neue Geschäftschancen.

Darüber hinaus – und dies ist vielleicht das Besondere von Siemens – betrachten wir die gesamte Wertschöpfungskette im Sinne von Forschung, Entwicklung, Fertigungstechnologie sowie integrierter Prüfkompetenz. Auch aus diesem Zusammenspiel generieren wir Innovationen. Zugleich analysieren wir, welche Kernkompetenzen wir besetzen müssen. Erfolgreiche Felder verfolgen wir weiter, und wir bauen neue Themen aus: wie etwa Data Analytics, Software-Architektur für verteilte Strukturen oder IT Security.

Gerade in den neuen Bereichen haben Sie auch Wissen hinzugekauft, das in Ihr Unternehmen integriert werden muss …

Nicht nur das hinzugekaufte Wissen ist wichtig, sondern auch die Nutzung des vorhandenen. Daten alleine stellen noch keinen Wert dar, sondern erst, wenn man sie nach gewissen Algorithmen analysiert, um daraus einen Mehrwert zu extrahieren. Dieser Mehrwert wird in ein Geschäftsmodell integriert. Entscheidend dafür ist unser Domain-Know-how – also etwa zu wissen, wie eine Gasturbine funktioniert, um an den richtigen Stellen Sensoren anzubringen und die Ergebnisse zu deuten.

Innovation ist heute nicht allein die Technologie. Sie ist eingebettet in ein Geschäftsmodell. Das heißt: Wie bringe ich diese neue Technologie für den Kunden und auch für den Unternehmer in eine Position, von der beide profitieren? Wir bei Siemens streben die Innovationsführerschaft in den Feldern an, in denen wir geschäftlich unterwegs sind. Wir wollen, basierend auf dieser Technologieführerschaft, Marktanteile gewinnen.

Haben Sie Prozesse verändert, seitdem Sie die Verantwortung für den Bereich übernommen haben?

Ein verändertes Umfeld erfordert immer neue Prozesse, eine neue Positionierung, neue Themen. Als Erstes haben wir definiert, was unsere dreizehn Kerntechnologiefelder sind, etwa Data Analytics, Energieumwandlung, Material- und Sensortechnologien oder Software-Architektur. Die bei Corporate Technology jeweils global verantwortlichen Technologiefeldleiter formulieren mit den zuständigen Geschäftseinheiten, aber auch mit der Welt außerhalb von Siemens eine Technologie-Roadmap, die sich über fünf Jahre erstreckt und einmal pro Jahr überprüft wird.

Ein Kerntechnologiefeld besteht in der Regel aus 100 bis 150 Topentwicklern und -forschern. Diese Felder sind zum Teil international strukturiert, etwa Data Analytics in Deutschland, Amerika und Russland. Unser Ziel ist es, innerhalb von fünf Jahren in 80 % der Technologiefelder weltweit führend zu sein.

Wie berücksichtigen Sie das regional verteilte Know-how im Konzern?

Wir haben zwei Sichtweisen auf Regionalstrukturen. Einmal die rein geschäftliche, im Sinne von Kunde, Service, Betreuung. Und zum anderen geht es darum, wo welche Technologie vorhanden ist und wo sich die Fachleute konzentrieren. In den USA gibt es z. B. Forschungszentren wie das MIT mit allem, was das Internet angeht, mit webbasierten Technologien sowie Social Media. In Russland arbeiten hochkarätige Mathematiker und Materialforscher, die hervorragende Prozesskenntnisse und Simulations-Know-how haben.

Wir nutzen dieses Netzwerk, indem wir eigene Technologiestandorte unterhalten, in den USA, in China, Russland und Indien. Diese Standorte sind eingebunden in die Technologiefelder, und auch mit diesen Zentren erfolgt ein jährliches Update – um den Notwendigkeiten des Marktes im Land gerecht zu werden und die dort entwickelten Technologien und Fähigkeiten in Innovationen von Siemens einzubringen.

Wie betrachten Sie als ehemaliger Leiter der Siemens-Antriebssparte die Entwicklung in der Elektromobilität?

Grundsätzlich ist der Einsatz von Elektrizität für die Mobilität eine Kernkompetenz von Siemens – denken Sie nur an U-Bahnen oder Züge. Bei Autos verfolgen wir den Ansatz, zunächst entsprechende Antriebe zu integrieren. Das machen wir jetzt gemeinsam mit Volvo in einer Einheit des Sektors Industry. Daneben arbeiten wir in der Forschung an der Weiterentwicklung von Antriebssystemen oder der Optimierung der Software-Architektur im Auto.

Was können wir in der Verkehrstechnik noch erwarten?

Hier arbeiten wir als Corporate Technology vor allem an den Grundprinzipien, etwa der Frage, wie man eine komplette Smart City aufbauen könnte. Wie werden wir künftig in solchen Städten leben und arbeiten? Wie kann dies verkehrstechnisch, gebäudetechnisch, energietechnisch optimiert werden? Da spielt also Smart Mobility ebenso hinein wie Smart Buildings und Smart Grids.

Dazu haben wir mit der Stadt Wien eine Partnerschaft beschlossen. Das Projekt heißt "Seestadt" – ein komplett neu zu errichtender Stadtteil für 20 000 Menschen. Wir werden mit unseren Labors der Corporate Technology direkt vor Ort sein, um an der Entwicklung zu partizipieren und neue Ideen zu entwickeln. Dazu arbeiten wir auch mit anderen Bereichen innerhalb unseres Hauses und mit Universitäten zusammen.

Im Zuge der Energiewende geht es einerseits um den Ausbau erneuerbarer Energien und andererseits um höhere Energieeffizienz. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Siemens muss die Weltmärkte bedienen können. Energiesysteme werden weltweit umgebaut, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In den USA spielt Gas eine große Rolle, Indien setzt auf Kohle, und in Deutschland machen wir die Energiewende mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien. Für Siemens ist es entscheidend, die richtigen Lösungen für die unterschiedlichen Bedürfnisse zur Verfügung zu stellen, und das tun wir.

Die deutsche Energiewende ist dabei das komplexeste System, denn die Stromlieferungen aus erneuerbaren Energiequellen lassen sich nur in begrenztem Umfang vorhersagen. Zudem brauchen wir neue Leitungssysteme und Speichermöglichkeiten. Gleichzeitig nimmt die Zahl immer kleinerer Energieerzeuger zu. Die Herausforderungen sind enorm, aber wenn wir diese Systemkomplexität beherrschen, ergeben sich große Chancen. Siemens ist auf allen Handlungsfeldern der Energiewende aktiv, ob bei der Erzeugung, der Übertragung oder der effizienten Nutzung von Strom. Auch mit der Entwicklung von Smart Grids – intelligenten Netzen – möchten wir die Energiewende vorantreiben.

Letztlich müssen immer drei wesentliche Parameter eingehalten werden: die CO2-Reduzierung, die Wirtschaftlichkeit und die Versorgungssicherheit.

Ist das Thema Industrie 4.0 schon reif für die Umsetzung oder sollten sich die Unternehmenslenker erst einmal über eine Strategie für ihr Unternehmen klar werden?

"Industrie 4.0" ist ein Lösungsraum. Viele Dinge daraus sind bereits vorhanden: Wir haben heute schon durchgängige Engineering-Ketten. Wir können heute schon die unterschiedlichen Facetten der Fertigung und der Produkte simulieren. Jetzt wird der nächste Schritt die stärkere Verknüpfung der digitalen, virtuellen mit der realen Fertigungswelt sein.

Die Fragen, um die es geht, sind: Wie lässt sich die Fertigung flexibler gestalten und wie kann man dann mithilfe von mehr IKT-Technologie die Fertigungswelt mit dem Engineering und dem Simulationsteil optimieren? Das wird in Schritten passieren, denn keiner, der heute in Höhe von mehreren 100 Mio. € in seine Fertigung investiert, wird einfach alles rauswerfen, um anschließend alles wieder neu zu machen.

Erste Schritte zur Umstellung könnten sein: die Stärkung der Engineering-Kette durch Simulation, die Vermeidung von Musterbau, die Optimierung von Entwicklungszeiten sowie Simulationen für schnellere und effizientere Prozesse. Dann nimmt man die so optimierten Daten und lädt sie auf die Maschine. Diese ersten Schritte bilden wir heute bereits mit unserer PLM-Software ab.

Darüber hinaus muss man noch überlegen, wie man seine Fertigungsstrukturen weiter optimieren kann, wie sich Energie- und Materialeffizienz steigern lassen und inwieweit man sich mit Partnern stärker vernetzen kann, damit sie den Teil zuliefern, der für ein Gesamtprodukt notwendig ist. Schon befindet man sich schließlich in der verteilten Cyberwelt, die man mit dem Konzept der Industrie 4.0 anstrebt.

Industrie 4.0 ist ein komplexes Thema. Was werden entscheidende Kompetenzen sein, um diese Komplexität beherrschbar zu machen?

Dafür ist Technologie da. Mit ihrer Hilfe lässt sich Komplexität beherrschen und in Anwendungen umsetzen und zwar so, dass der Anwender die Komplexität gar nicht mehr spürt. Um der Komplexität auf Unternehmensebene zu begegnen, werden zunehmend Integrationsfähigkeit und Integrationskompetenz die entscheidende Rolle spielen. Wie integriere ich beispielsweise vielfältigste Energieerzeuger, Verbraucher und Netze bei der Energiewende, wie verknüpfe ich Tausende von Sensoren und Aktuatoren in automatisierten Industrieanlagen, wie die Einzelsysteme im Verkehr, in Gebäuden und im Gesundheitswesen? Dies sind entscheidende Fragen für die Forschung.

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Von M.Ciupek/O. Klempert | Präsentiert von VDI Logo
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